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Lichtungen - Literatur, Kunst & Zeitkritik
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Lichtungen - Literatur, Kunst & Zeitkritik
Kritik

„hallo, ich lebe hier zum ersten mal. und alles, was ich erfahre, schwärmt immer aus“

Die 49. Ausgabe der BELLA Triste, gelesen
Hamburg

Die erste Bella Triste nach der Sonderausgabe 48 zum Prosa Nova. Mit sechs Autorinnen und zwei Autoren.

Ausgekochte Einmachgläser. Ich weiß nicht, wie viele. Manche habe ich leergegessen, manche sind einfach so da. Manche sind nicht ausgekocht. Bei manchen sind die Etiketten an, die Daten abgelaufen. In manche habe ich schon mit sechzehn geascht.

Fiona Sironics Sprache krümelt. Im ihrem Text „Das ist der Sommer in dem das Haus einstürzt“, einem Auszug aus einem längeren Projekt, ist eine namenlose Erzähler*in auf Besuch in ihrer Heimatstadt. Irritierende Momente, Unwägbarkeiten, aufscheinende Klüfte, bestimmen den Verlauf – und doch ist der Ton ruhig, manchmal mit leicht apathischen Einschlägen.

Das Wasser geht nicht, das Internet schon; die Stimmung: eine Mischung aus Langeweile, Agonie und Ausnahmezustand. Die Sprache wiederholt sich, in leichthändigen Loops, prägt eigene Phrasen und hält sich an Formulierungen fest, stoppt und hakt an kleinen Widersprüchen, kleinen Fragen. Die Sprache krümelt, man merkt, dass sie nicht daran gehindert wird, sich zu zersetzen, schon während sie abläuft. Ein beunruhigender Text, der das Fragile in der Sprache, der Körperlichkeit, der Wahrnehmung, involviert; geschliffen und zugleich auf handliche Weise grob.

Sowas in der Art.
Bullshit der noblen Art.

Das geht aber nicht. Das will ich keinesfalls.

Von sich selbst sprechen, von den eigenen Problemen, auf subtil getrimmt – ist Literatur etwas anderes? Literatur, Inszenierung, Betrachtung: Der Teufel steckt im Detail, oder? Und wo steckt er im Alltäglichen? Bei Martina Hefter sind es viele kleine Teufel (und ein Oberteufel mit Katzenkopf), die dort herumtollen. In ihrem Performance-Skript (Teil einer größeren literarischen Arbeit, die nächstes Jahr bei Kookbooks erscheinen soll) geht es um eine Person namens Martina Hefter und deren Besuche bei ihrer Schwiegermutter, die in einem Heim im Bett liegt und nur noch den rechten Arm etwas bewegen kann. Launisch mutet der Umgang damit zunächst an, sodass ich erst nach einigen Seiten bemerke, dass die Dynamik hier eindeutig auf dem Messeredge der Verzweiflung oder zumindest des Aushaltens balanciert wird. Es geht hier nicht um eine Performance, eine Darbietung – es geht um eine Auseinandersetzung mit einer anderen „fucking“ Performance: jener, die Tag für Tag stattfindet.

hier tragen
die berge sehr viel tannen, wie eine fehlermeldung
wechselt auf den breiten wegen das licht.

Peter Neumanns Gedichte sind nett, gut verträglich, auf unauffällige Art und Weise bekömmlich; lediglich das letzte, in dem Fliegenlarven eine Rolle spielen, hat etwas Griffiges, Widersprüchliches, ansonsten ziehen sie vorbei wie Flüsse, in deren Rauschen man gern tiefe Gedanken mischen würde, aber es fällt einem wenig dazu ein. In diesem schlichten Streifen wirken die Gedichte wiederum auch ehrlich, das ist nicht zu leugnen.

hallo,
ich lebe hier zum ersten mal. und alles, was ich erfahre, schwärmt immer aus.
wohin verschwinden diese rohre in den wänden? sich in zungen üben,
befürworten (materien).

Die Gedichte von Saskia Warzecha haben ihre ganz eigene Dynamik – eine sehr schöne Dynamik, wie ich finde. Vielleicht liegt es daran, dass ihre Sätze sich, statt einfach nur aufeinander zu folgen, nicht selten auf sanft-bestimmte Weise ineinanderschieben, einander zögernd ablösen, einen Einschnitt beieinander vornehmen. Sie sind ein Geflecht, in dem sich ein Satz auch noch leicht um den dritten Nachfolgesatz rankt.

Approximanten ist der Titel für die vier Gedichte (was auch der Arbeitstitel für Warzechas Debütband ist, nachzulesen im Interview hier auf Fixpoetry). Ein Approximant ist ein Laut, bei dem die ausgeatmete Luft gleichmäßig dem Mund entströmt. Die gleichmäßige Stimulation (und Simulation) und dann und wann ein leichtes in-die-Länge-Ziehen, das Betonung und Vermittlung in sich vereint, sind ebenfalls ein wichtiger Bestandteil dieser Lyrik.

Bedeutungsnuancen sind über die fein gesponnenen Textblöcke verteilt; die Gesten, die Bewegungen, entstehen wie aus zaghaften Erschütterungen. Die ganze Zeit scheint sich ein Suchen zu artikulieren, Vermutetes und Wirkendes wird abgeklopft. Tolle Gedichte!

Jemand greift mir auf die Brüste. Ich drehe mich um. Er hebt beschwichtigend die Hände.
Ich trage keine weiten Ausschnitte mehr. Ich fühle mich unwohl unter den Blicken, die meinen Körper und nicht mich betrachten.

[…]

Eine Freundin von mir sagt, bis sie achtzehn war, hat sie immer gedacht, sie sei stark genug, mit einem Mann fertig zu werden, wenn er sie angreift. Sie denkt jetzt nicht mehr so. Sie ärgert sich, dass immer sie es sein muss, die Angst hat. Sie wäre gerne auch mal angsteinflößend für die fremden Männer.

Marie Luise Lehners „Geschlechtsgeschichte“ hat eine klammheimliche Wucht, die eigentlich eine offenkundige ist, aber der Autorin gelingt es sehr gut, die Unterdrückung und Banalisierung, das fehlende Bewusstsein für die Problematiken, miteinfließen zu lassen in die Struktur und die Erzählbewegung des Textes, sodass der Text einerseits darstellt, andererseits aber auch ein Dialog ist, in dem sich die Argumentation mit und gegen den Status Quo immer klarer zuspitzt.

Das alles in einer verdichtenden, zum Berichtton hin orientierten Sprache verfasst, in kurzen Kapiteln und Abschnitten gestaffelt, wie man es schon aus ihrem Debütroman „Fliegenpilze aus Kork“ kennt. Ein wichtiger und nachhaltiger (sowie -hallender) Text.

Zahllose Nächte voller Liebesnahrung, voll nichts, was wir sonst brauchen. […] Alles fort, alles nichts.

Nachdem die Bella 49 bis hierhin kaum Grund zur Klage lieferte, ist Gorch Maltzens Text der erste, der mir auf die Nerven geht. Ja, vielleicht bin ich ein Kostverächter an dieser Stelle, begreife das große Anliegen nicht. Aber immer dieses „Alles“ und alles ist „immer“ oder zumindest „ist“ es oder es geht gegen „Nichts“ oder „u.“ und oder sowieso – ganz viel Gewimmel um wenig Verdichtung. Ich kann dieser artifiziellen Machart nichts abgewinnen, finde auch nicht, dass dadurch irgendeine Botschaft besser rüberkommt.

Hab den Text mit dem guten Vorsatz gelesen: Irgendwann wirst du ihn verstehen, irgendwann wird er besser. Nein, wird er nicht. Zumindest nicht für mich.

Im nächsten Text, dem [Lux]-Abschnitt der Bella, gibt die Autorin Johanna Maxl Einblicke in die Einflüsse, Themenkreise, Konzepte und die Komposition ihres Romans „Unser großes Album elektrischer Tage“, sowie den dazugehörigen oder im Umkreis entstandenen Performances und sonstigen künstlerischen Arbeiten. Ein vielschichtiges, fast schon überfordernd (v)erdichtetes (Selbst-)Portrait, in dem Absichten und Überlegungen, Provokation und Sensibilisierung aneinanderschlagen – manchmal klingt der Ton nach Erkenntnis, manchmal heller, unklarer. Es werden beeindruckende Perspektiven aufgemacht.

Wie geht man literarisch mit den Dingen um, die einen angehen, nicht nur als Autorin, sondern auch als Privatperson? Diese Fragen und andere Fragen werden in dem Gespräch zwischen Bella-Redaktionsmitglied Luca Lienemann und der in Syrien geborenen Autorin Luna Ali verhandelt. Ein spannendes Gespräch, sehr nah am Zeitgeist, eine der besten Auseinandersetzung mit diesem Thema, die ich bisher gelesen habe.

Fazit: eine sehr lesenswerte Bella, mit vielen starken Texten, die erfreulicherweise zum großen Teil von jungen Autorinnen stammen.

Luna Ali · Gorch Maltzen · Johanna Maxl · Fiona Sironic · Martina Hefter · Marie Luise Lehner · Peter Neumann · Saskia Warzecha
BELLA triste 49 / Zeitschrift für junge Literatur
BELLA triste
2017 · 5,35 Euro

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