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Alte Karten von Flandern, Patrick Wilden
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Alte Karten von Flandern, Patrick Wilden
Kritik

Die magische Dodo und andere schräge Typen

Hamburg

Ein Stern, der Stern 111 sei das Interessanteste an Lutz Seilers gleichnamigem Roman? Stimmt nicht! Es ist Dodo, aber von ihr spreche ich erst später. Dodo ist phänomenal, das Erzählen (der Roman) auf 522 Seiten ist erst recht phänomenal, da es dem Erzähler gelingt, einen Sog zu erzeugen, dem man sich nicht entziehen kann. Großes Erzählen muss so sein! Selbst meine Lieblingscookies aus dem Supermarkt (26 g Fett und 32 g Zucker auf 100 g) hatten bei der Lektüre keine Macht mehr über mich, meine Katze nicht, das Handy schon gar nicht und weitere Institutionen um mich (tot oder lebendig) auch nicht. Was die Anziehungskraft der Cookies ausmacht, steht oben in Klammern, was aber sind die Ingredienzen von Stern 111? Erstens: Figuren jenseits der Normalo-Konzepte, schräge Vögel, Menschen, die spießbürgerliche Korsetts sprengen, Menschen, die mit Dodo zu tun haben, beispielsweise. Typen wie Flem Snopes, der kupferne Armaturen (Abstellhähne und dergleichen Dinge größeren Formats) stahl und mangels eines besseren Verstecks im Hochbehälter für das Trinkwasser des Dorfes (The Hamlet 1940), dessen Kosmos William Faulkner (Nobelpreis 1949!) beschrieb, ___STEADY_PAYWALL___ versenkte, worauf das Trinkwasser einen unerklärlich metallischen Geschmack annahm. Solche Typen.

Typen, die in der leicht unwirklichen Zwischenzeit nach dem Fall der Mauer und dem Beitritt der DDR zur Bonner Republik (eigentlich zur D-Mark) Bauwerkzeuge (darunter eine veritable tonnenschwere Rüttelplatte!) enteigneten, umeigneten, sich aneigneten, schlicht klauten und in einem „Keller-Archiv“ horteten, um sie gegen „Gebühren“ zu verleihen. Nein, die Typen waren nicht alle Kleinkriminelle und harte Drogen spielten bei ihnen keine Rolle. Zu ihnen gehörte Dodo, weiterhin ein Maler von Tierbildern, die Kunststudentin Effi (Kaltnadelradierungen) und der Maurer und Dichter Carl, alter ego Lutz Seilers. Sie leben und lieben in vom Hitlerkrieg versehrten, zumindest aber alten Häusern, deren leerstehenden Wohnraum sie wieder als Wohnstätte zugänglich machen, indem Wohnungen besetzt werden. Der zentrale Ort ist die Rykestraße, Prenzlauer Berg, noch Ostberlin, Hauptstadt der zerfallenden DDR. Es gibt in der Nähe den Wasserturm Prenzlauer Turm, den Carl als „Wächter“ sieht, und Reste eines jüdischen Friedhofs, von Pioniergehölz wild bewachsene Hinterhöfe mit Zugang zu einem offenbar länger von Gärtnern verschonten Park. Carl, der Dichter, wird von der Gruppe der Wohnungsbesetzer gerettet und setzt seine Kenntnisse als Maurer für den Ausbau der „Assel“ einer weitläufigen Kellerkneipe ein. Spiritus rector der Gruppe ist Hoffi, alias Herr Hoffman, der eine Utopie einer freien Arbeiterrepublik vertritt, die stark an das erinnert, was sich Studenten 1968 in Westdeutschland erträumten. Der DDR fehlte die „Rüttelplatte“ der Studentenbewegung 1968, wenn es auch eine kleine und total überwachte Opposition gegen den Einmarsch der Truppen des Warschauer Paktes gegen die sich befreiende Tschechoslowakei unter Alexander Dubček gab. Alle in der Assel sind schräg und sehr menschlich. Es sind Brüder Flem Snopes und die schrägen Typen (roughnecks) im Haus des Meeresbiologen in Cannery Row von John Steinbeck (Nobelpreis 1962!), 1945 erschienen. Lutz Seiler kennt beide Texte, es kann gar nicht anders sein, selbst Dodo hat sie gefressen. Die kalifornischen Roughnecks helfen Doc, dem Meeresbiologen, Meeresgetier zu sammeln, das er an Labore liefert. Für ihren Lohn kaufen die Roughnecks im überfüllten Drugstore des Chinesen Whisky und feiern im Haus des Doc während seiner Abwesenheit eine rauschende Partei, während der u. a. kostbare exotische Blumenzwiebeln als Ersatz für fehlenden Knoblauch in die Pfanne geschnitten werden.

Kurz: Du solltest schräge Typen kennen, wenn du einen Sog-Roman wie Faulkner, Steinbeck oder Seiler schreiben möchtest, alles andere ist eben etwas anderes, jedenfalls kein Roman. Was benötigst du noch? Natürlich Sex, ja ganz natürliche Szenen, etwa das Fremdmasturbieren eines fieberkranken Dichters (Carl) vermittels einer kleinen, kühlen unter der Kleidung das Glied suchenden Hand. So etwas gehört dazu. Während Steinbeck nur eine bestimmte Vinylplatte überlaut abspielen ließ, wenn die Freundin bei Doc zu Besuch war, damit die Roughnecks den intercourse nicht störten, von dem man nichts weiter erfährt (USA 1945!), ist Lutz Seiler da schon sehr viel offenherziger. Zu den schrägen Typen gehören in der Assel später auch Damen, die anschaffen. Sie werden menschlich behandelt (wie auch anders?), erhalten sogar ihre eigene Garderobe, wo sie ihre Arbeitskleidung anlegen können. Als Figuren der Erzählung bleiben sie blass, sie spielen nur eine Randrolle.

Erstens: schräge Typen, zweitens Sex und ???
Wahre Liebe oder was Carl dafür hält. Er liebt Effi, schon seit Schülerzeiten, zu jener Zeit aber aus der Ferne. Wie die meisten intensiven Beziehungen zerbricht auch diese. Effi wendet sich wieder dem Vater ihres Kindes zu, da sie sich von Carl nicht wirklich erkannt, also der Wahrheit entsprechend wahrgenommen fühlt. Carl leidet und tröstet sich auch mit Sex und einem auch schrägen alkoholhaltigen Pflaumengetränk, das er in uralten Einweckgläsern in einem Kühlfach seiner besetzten Wohnung findet, sehr süß und stechende Kopfschmerzen erzeugend. Während seine Liebe scheitert, schließt Carl die Erschaffung von zehn Gedichten ab, deren Klang ihm nach langer Anstrengung zusagt. Dichten ist für ihn ein langwieriger, schwieriger Prozess, davon versteht Lutz Seiler nun wirklich etwas, man lese nur (laut!) »sonntags dachte ich an gott«. Merkwürdig schräg finde ich die poetischen Bezugspersonen Carls, darunter Stefan George; er erwähnt keinen der großartigen, widerständigen DDR-Lyriker wie Wulf Kirsten, Erich Arendt, um nur zwei Namen zu nennen oder das großartige Gedicht »Die Sykophanten« der aus der DDR in die USA entschwundenen Gabriele Eckart.

Noch einmal zu den schrägen Typen: Vielleicht sind wir alle mehr oder minder schräg und es bedarf nur des nicht erlernbaren Blicks des begabten Literaten, um das Schräge zu erkennen? Auf den Gedanken kann man kommen, wenn man liest, wie sich Carls Eltern verhalten: In der oberen Mittelschicht der DDR-Gesellschaft angesiedelt, leben sie in einer Mietwohnung bei Gera. Der Vater kennt sich in vier international gebräuchlichen Computersprachen hervorragend aus und schreibt Programme, die Mutter arbeitet als Versuchsköchin. Das Leben der Familie ist eingefahren, wie der Oberklassewagen Shiguli, der plötzlich dem herbeigerufenen Sohn Carl übergeben wird. Die Eltern verfolgen nämlich einen Plan, der erst gegen Ende offenbart wird. Zunächst wandern sie aus der DDR ganz legal in die BRD aus und gelangen in das Aufnahmelager Gießen, dessen abstoßenden Hauptbau aus Beton man sehen kann, wenn man im Zug von Frankfurt nach Gießen oder in die umgekehrte Richtung fährt, er liegt nämlich erhöht neben dem Bahnhof Gießen. Auch die Eltern sind unter der kleinbürgerlichen Tünche schräg, indem sie ihr Lebenskonzept wie ein zerschlissenes Dessousteil ablegen und nach Westen verschwinden. Wie ihr Plan genau aussieht, soll nicht verraten werden, nur so viel: Dodo spielt darin keine Rolle, dafür der frühe Rock and Roll. Das Erzählen endet damit, dass Carl zum Ritter geschlagen wird, will heißen, dass seine zehn Gedichte in einer Anthologie eines der neuen, freien Verlage erscheinen und ein neuer Weg beginnt. Ja, und Dodo? Dodo ist eine ziegenungewöhnliche Ziege, die ständige Begleiterin Hoffis, der leere Wohnungen wieder als Heim an Mann und Frau vermittelt. Dodo lebt zeitweise vom Seegras aufgegebener Matratzen und verfügt über magische Fähigkeiten. Ganz so wie Marc Chagalls Kühe beherrscht sie die Kunst der Levitation. Und wenn sie nicht das Zeitliche gesegnet hat, schwebt sie jetzt über der Museumsinsel zu Berlin, sollte sie nicht andere schräge Typen eines großartigen Erzählers irgendwo auf dem Planeten gefunden haben, aber die sind selten.

Lutz Seiler
Stern 111
Suhrkamp
2020 · 528 Seiten · 24,00 Euro
ISBN:
978-3-518-42925-9

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