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Kritik

mich bewohnt ein eingesperrter Kindergarten

neue Gedichte von Lutz Steinbrück
Hamburg

Zweifellos gilt es auch (vielleicht auch: gerade) in Ausnahmesituationen wie der momentan verordneten Auszeit, seine Zeit auf Erden bestmöglich zu nutzen – dass dies von Person zu Person subjektiv Anderes bedeutet und sich die Prioritäten im Laufe der Tage verändern können, ist dabei selbstverständlich. Während mein Sohn also zu früher Mittagsstunde noch schläft oder an Songs bastelt und die Frau im Homeoffice ihrer Arbeit nachgeht, erledige ich die wirklich wichtigen, existenziellen Aufgaben. Nachdem ich in den vergangenen Wochen alle 281 von 1974 bis 1998 produzierten Derrick-Folgen in chronologischer Reihenfolge konsumiert habe (persönliches Highlight: Folge 32 – Eine Nacht im Oktober, deutsche Erstausstrahlung am 06.03.1977, mit der wunderbaren Brigitte Horney und einer Iris Berben in ihren mittleren Zwanzigern), bin ich aktuell bei den Klassikern des britischen Humors angelangt und lasse mich durch alle 45 Folgen von Monty Pythons Flying Circus treiben.

Gestern nun war ich gerade bei Folge 10 an eben jener Stelle angelangt, in der der zwielichtige Manager Mr. Vercotti den kommenden Rekordversuch seines etwas naiven Schützlings Ron erklärt, der vorhabe, demnächst die Kathedrale von Chichester zu essen (nachdem es ihm leider nicht gelungen ist, über den Ärmelkanal zu springen), als mir das Leben wiedermal die wunderbare Macht des Zufalls vor Augen führte. Milchreis und Obstteller verlangten Auslass, und so unterbrach ich die Wiedergabe und begab mich auf meine Lesetoilette. Schon auf dem Weg spann mein Gehirn die von Vercotti angeregten Fäden weiter, verknüpfte sie mit einem Bericht, den ich vor einiger Zeit im Fernsehen gesehen hatte. Er handelte von einer jungen Frau, die sich in Südspanien unsterblich in eine Kirche verliebt und diese schließlich geheiratet hatte. Mit diesem Gedanken im Kopf ließ ich mich nieder und blätterte in "Haltlose Zustände", dem neuen Gedichtband von Lutz Steinbrück. Und worauf blieben meine Augen haften?

Eija-Riitta

19-79 am 17. Juni heiratet die Berliner Mauer eine Schwedin
Eija-Riitta
die Hochzeitsurkunde an der Wand im Haus der Schwedin
Modelle der Mauer im Wohnzimmer seitdem
Eija-Riitta Eklöf-Berliner Mauer

in Erinnerung an Hochzeit im kleinen Kreis vor Ort
ein Animist verstand und sprach das Jawort der Mauer
für Eija-Riitta verhieß die Sommernacht Verheißung
mit the sexiest wall deinem objectum sexuality

ach Eija-Riitta, dass dein Gatte als Verbrecher galt
ausgeblendet, Eija-Riitta, bliebst ihm treu bis zum Schluss
sein Fall ein Schock, dir den Boden unter den Füßen
weg, entzogen von handfester Gemengelage, Steine kloppen

Eija-Riitta mit Sollbruch im Herzen seit jenem 9.11. Witwe
baust noch immer Modelle von ihm an denen du dich sattküsst
Eija-Riitta, die Chinesische Mauer findest du aufregend, aber zu dick
das ist wahr, wenn es so ist, muss es Liebe sein

Eine Frau, verheiratet mit der Berliner Mauer; tatsächlich eine wahre Geschichte, ein knapp 40 Jahre in die Vergangenheit gerichteter Erinnerungsblick, vor allem aber ein Liebesgedicht der besonderen Art über Toleranz und Individualität.

Gute neun Jahre liegen zwischen Steinbrücks neuem Gedichtband und seinem Vorgänger "Blickdicht" (Verlagshaus Berlin) – eine Zeit, die der Autor und Musiker mit zahlreichen Gedichten in Zeitschriften und Anthologien, vor allem aber mit Solostücken und Songs seiner seit 2013 bestehenden Band neustadt genutzt hat.

87 Gedichte hat der neue Band in Summe, verteilt auf 10 Kapitel, die Titel tragen wie "Willkommen in Kaltland", "Kennzeichen BRDDR" oder "Berliner Verhältnisse". Zu Steinbrücks Gedichten ist schon viel geschrieben worden, und die meisten Rezensenten stoßen (zurecht) ins gleiche Horn und preisen ihn als engagierten, gesellschaftskritischen Dichter, der (Zitat: Tobias Roth, Berliner Literaturkritik) „große soziale und ökonomische Zusammenhänge in den Blick nimmt“. Das galt für frühere Texte, und es gilt noch immer. Auch die neuen Gedichte zeigen Steinbrück als mahnenden Rufer und seine Gedichte auf der Höhe der Zeit, auch wenn er sich in einigen Kapiteln großzügige Rückblicke auf längst vergangene Zeiten gestattet. Dass er als 1972 in Bremen geborener Westbürger den realen Sozialismus eher aus der Ferne erlebt haben dürfte, tut der Sache keinen Abbruch, verknüpft er die Deutsche Geschichte links und rechts der Elbe doch geschickt mit der Biografie seiner Oma und haucht ihr dadurch familiäre Authentizität ein.

Beinahe beiläufig schafft es Steinbrück, mich mit vielen seiner Gedichte gedanklich in meine frühe musikalische Sozialisation zurückzuwerfen; "Zum DDR-Tennis getroffen / fernab der Sonnenallee / wo der Mann im Halbmond wohnt / …"  - da bin ich sofort bei Klaus Hoffmann und seinem Mauertennis. Oder, anderes Beispiel, das Gedicht "Liebste Dein Sinusmilieu", bei dessen Zeilen (… / deine Flucht fernauf ins Dunkle / andere Ufer zu ergründen / …) ich sofort die Stimme von Nina Hagen im Ohr habe: Du sagst, Du musst zum andern Ufer – ich wusste nichts von deinen Ufern!!

Ich mag Steinbrücks Sprache, seine Wortwahl. Nicht bitterernst oder verbittert, aber ernst genug. Oftmals verspielt, niemals albern. Ganz selten erliegt er der Versuchung, seine Sprache zu konstruieren, sich an künstlich wirkenden, zu verstellten Passagen und Alliterationen zu weiden (Deine Stadt liebt Kälte- / bilder, Kameras, klirrendes / Gefieder und Gelächter), an anderer Stelle spiegelt er existenzialistische Lyrik oder gebraucht das Stilmittel des morphologischen Enjambements nach meinem Geschmack etwas zu oft (… // wieder ne Brise angeduzter Ex / klusiver Eintrag auf dem Blick / schirm ein Kamikazeprofil / das sich in Sekunden selbst zerstört), aber das sind Ausreißer. Seine stärksten Momente hat er wie die meisten Dichter, wenn er sich auf seinen eigenen Sound verlässt. Einen Sound, der mich, wenn ich seine Songtexte zu den Gedichten ins Boot hole, an die frühen Fehlfarben und Bands wie Mittagspause oder Mythen in Tüten denken lässt.

Illustriert mit kleinen Zeichnungen von Mario Hamborg ist "Haltlose Zustände" ein trotz Vielseitigkeit homogen daherkommender Gedichtband, dessen Texte Lutz Steinbrück als ebenso engagierten wie wehrhaften Menschen zeigen.

Schließen möchte ich mit den letzten vier Zeilen des Gedichtes "Kannkind":

            niemand wird das hier verhindern können
sie beobachten sich gegenseitig

du baust dir einen Zoo zum Streicheln
atmest aus und wieder ein

Und nun zu etwas völlig anderem, einem Mann mit einem Tonbandgerät in der Nase.

Lutz Steinbrück
Haltlose Zustände
KLAK Verlag
2020 · 132 · 15,00 Euro
ISBN:
978-3-948156-34-3

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