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Tja, was will man machen?

Hamburg

Aus dem Titel von Lydia Dahers neuem Gedichtband spricht Resignation. „Insgesamt so, diese Welt“ liest sich manchmal wie ein trotziges Schulterzucken. „Der Anblick von Herbstlicht / auf deinen Armen war eben / noch irgendwas wert“ heißt es da in einem Gedicht, das aus lakonischen Beobachtungen das Beste macht, nämlich Poesie. Und die ist wie schon im ersten Band von Daher, der ebenfalls bei Voland & Quist erschien, angefüllt von Enttäuschung und Melancholie, ohne jedoch auch nur einmal kitschig zu sein. Darin liegt unter anderem der Reiz von Dahers Texten, die es verstehen Stimmungen zu erzeugen und zu beschreiben, sodass der Leser sich darin wiederfinden kann. Wer jetzt an das Label „Der Sound einer Generation“ denkt, liegt allerdings nicht ganz richtig; denn immer spricht aus den Gedichten eine individuelle Erfahrung, die sich nicht ohne weiteres verallgemeinern lässt.

So zum Beispiel der Text „In frühe Luft gewickelt“, der die poetische Miniatur einer Liebesgeschichte ist oder zumindest einer Situation, die man sehr gut zu kennen glaubt. „Auch wenn die Zeit der Eiligen naht, / das Licht sich gegen uns verbündelt hat, / lass uns versuchen ruhig zu bleiben. / Denn wenn wir jetzt aufstehen, / werden wir dieses Bild / nicht mehr los: vom Anzug, / den einer zum Lüften raushängte.“ Mit Szenen wie dem gemeinsamen morgendlichen Erwachen entwirft Daher eine vertraute Bildwelt, die durch den subjektiven Dreh der Autorin ins Wanken gerät. So findet sich in dem Band eine Reihe von Liebesgedichten voller Nähe und Leerstellen, die mitunter sehr schwermütig wirken, ihren „Protagonisten“ aber dennoch eine Chance geben. Entweder weil sie ein gutes Ende andeuten oder den Leser zum Lückenfüllen einladen. Eine Einladung, die zudem durch einen teilweise prosaischen Ton und der Häufungen von „Ich“, „Du“ und „Wir“ erzeugt wird. Nicht selten bekommt man das Gefühl, dass sich an den Gedichten Dahers in Wirklichkeit Erzählungen entzünden.

Dann gibt es wiederum Gedichte, die in ihrer Lakonie derart genau ins Schwarze treffen, dass sich jedes weitere Wort darüber fast verbittet. „Altweibersommer, letztes Licht. / Und du wirfst dein Haar Richtung Süden. / Von mir aus. / Es muss nicht viel deutlicher werden. / Dein Abschiedsgesicht. / Mein Abschiedsgesicht. / Fast stehen wir gar nicht mehr hier.“ In den Gedichten Dahers sind Abschiede fast dauerpräsent. Mal als explizit ausgestaltetes Thema, mal implizit erzeugt durch formelhafte Wiedersehenswünsche. „Nicht üben will ich, dich gehen / zu sehen, mit langen Beinen, federlos / durch diese Landschaft oder Tür.“

Eine gewisse Ästhetik des Abschiedes ist auch Gedichten über Zugfahrten inhärent. Könnte man tatsächlich schon von einer Tradition dieses Gedichttyps sprechen, müsste man sagen, dass Lydia Daher sich hier einreiht. Doch leider bleiben ihre poetischen Bilder hier oft genauso unscharf, wie die Landschaft, die am Fenster vorbeirauscht. „Hin und wieder ein Knistern im Sichtfeld, / das unter rasendem Himmel liegt. // Und du siehst wie hoch sich die Träume / über die Häupter der Städte erheben.“

In ihrer filigranen Unaufdringlichkeit hinterlassen die Gedichte Dahers insgesamt jedoch einen sehr guten Eindruck. Sie zeigen, welch kreatives Potential tatsächlich in zelebrierter Melancholie stecken kann. Davon kann sich der Leser zudem überzeugen, wenn er zum Hörer wird und die überaus gelungenen Vertonungen auf der beigefügten CD genießt. Hier wird der Sound von Dahers Poesie besonders spürbar.

Lydia Daher
Insgesamt so, diese Welt
Voland & Quist
2012 · 80 Seiten, Spielzeit 30 Min
ISBN:
978-3-86391051

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