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Kritik

Die Viren sollen krepieren

Hamburg

Die Natur ist der Tod.
Die Kunst ist der Übertod.

Gesang genannte Rants, ein (kurzer) Battlerap ohne Feind (müsste erst mit einem Gedichtband kontern), im Innern heimtückisch und vermutlich körperlich befreiend. Nur vom Text ausgehend, scheint hier ein speiender Anstoß an allem vorzuliegen, einer, der Verbindungen zu christlicher Religionspraxis aufweist, österreichisch anhauchender Goschn, aber gewiss keine direkten Vorbilder hat. Außer Polemik an sich. Frage ist, wer ist wirklich GegnerIn in Lydia Haiders Wort des lebendigen Rottens, Untertitel: Gesänge zum Austreiben? – just in der parasitenpresse zu Köln eingeschlagen. Auf dem Cover ist ein Ausschnitt Abledern hochvergrößert zu sehen.

Wer ist das Du? Satan? Die Herren? oder „Die Pfosten“ wie Haider schreibt? ___STEADY_PAYWALL___Vielleicht. Vielleicht auch einfach „Das Menschliche, so seicht“, wie es als Beinahe-Refrain zuweilen wiederholt wird. Haider ist zu gerissen, um hier zu konkretisieren, aber LeserIn wird jedeR für sich spüren, wer zumindest mitgemeint sein könnte. Und wer ist dann das ICH? Das großmäulige, sich selbst überhöhende ICH, „Die Wahrheit und das Licht“, scheint zumindest ein Schmelzoperandi-Modus zu sein. In der Lage, eine theatralisch arrangierte Wortkolonne aus bekannten Versatzstücken, Spruchikonen, Memory-Splittern zu schimpfen mit Spaß an Verletzungen, Gegensäure, Trauer-Aikido durch die „Revolvergoschn“. Eine Wortbildungsschleuder mitten in der Gaudi aus Ambivalenz. Man stelle sich Oblaten vor, die es in sich haben. Schwierige Kost.

GESANG VIII

Es begab sich auf einen Tag, da das verdammte Kind nicht wusste, wohin mit seinem Schlendrian, also es sich einfach einrollte und verstarb. Nun kamen viele Kinder und geiferten und spotteten wohlan und wurden tolle und traten mit den Schuhspitzen gegen den Leichnam immer fester und fester und siehe das tote Kindlein ging auseinander dabei und platzte auf und zerlief und breitete aus seinen Eiter samt Säften und all dem Quagel auf das wohlfeile Schuhwerk der Tretenden hin, dass sie knöchelhoch drinstanden im Kindsdreck und wegwaten mussten.

Christian Lehnert ist das nicht. Die Frage der Religionsperpektive in den Texten mag obsolet erscheinen bei all der Bemühung um brutale Zynismen (aber auch dem reißenden literarischen Gestaltwillen), dennoch teilen die Ausbrüche in eine Richtung nicht aus: direkte Blasphemie. Ein System aus Vorsprechen und Gemeinde, Ansprache an Schafe scheint auch hier gesetzt. Obgleich ironisiert, bleibt es in der Ambivalenz. Haider lässt durch das Waten „in wahren Strafen Gottes“ eine stete Tür.

GESANG XXIV

Es ist leicht, mit der Visage eines anderen auf
Brennesseln zu schlagen.

&

GESANG XXXV

Da rauchst du die Zigarette stilecht wie ein
Cowboy und es bringt dir auch nichts, so
geschissen wie du bist in Wahrheit.

Lydia Haider erfindet ihre ganz eigene Form zwischen Prosa, Lyrik, Wüterich, den Haiderschen Gesang: unversöhnlich, aggressiv, präzise schneidend. Sie benutzt ziemlich scharfkantige, hochgereizte Bilder, ohne Rücksicht auf Gewohnheiten. Obwohl des Öfteren fast das Gewand der Büttenrede durchscheint, eine trunkene Kanzel in Weißglut, alle Verstärker auf full gain, wirken ihre Texte nicht billig, im Gegenteil. Durchdacht, ohne Skrupel gezielt abgefeuert. Weder oberflächlich, noch mit Tiefgang. Ein mutiger Batzen Bellen von Autorin und Verlag. Hart, komisch, echt?

Und es endet mit einem in der Luft liegenden (spoiler) Totalkrach, dem Gesang 88:

Verirrtes, verlorenes Schaf: Suche deinen Knecht:
Mich!
Und wenn du brav bist, darfst du am Ende des Tages auch sterben.

Lydia Haider
Wort es lebendigen Rottens / Gesänge zum Austreiben
parasitenpresse
2020 · 40 Seiten · 10,00 Euro

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