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Kritik

Niemands Braut

Hamburg

Die griechische Mythologie strotzt nur so vor Manneskraft und männlichen Heldentaten. Auch wenn es zahlreiche Göttinnen und Heldinnen gab, sind ihre Geschichten weniger bekannt oder dien(t)en hauptsächlich dazu, die eigentlichen Helden, also die Männer, gut aussehen zu lassen. Madeline Miller will dies mit "Ich bin Circe" (Aus dem Englischen übersetzt von Frauke Brodd) ändern und erzählt das Leben der berühmten Göttin und Hexe Circe auf knapp 500 Seiten aus ihrer, aus einer neuen Sicht.

"Das Wort Nymphe steckte die Leitlinien unserer Leben ab. Denn in unserer Sprache bedeutete es nicht nur Göttin, sondern auch Braut."

Circe wächst als eine von zahlreichen Nymphen im Palast ihres Vaters, dem Sonnengott Helios, auf. Sie gilt dabei als unattraktiv, unbegabt und mit einer 'menschlichen' Stimme gestraft. Ihre Geschwister finden den größten Gefallen daran, sie zu hänseln und zu mobben, während sie am Liebsten den ganzen Tag am Fuße ihres Vaters sitzen würde. Da dieser aber täglich über den Himmel fahren muss, bleibt ihr nichts Anderes übrig, als auszuharren und ihr Dasein zu ertragen.

Eines Tages wird Prometheus für das Stehlen des Feuers in ihren Hallen ausgepeitscht und auf seine ewige Strafe am Felsen vorbereitet. Als sie im Beistand leistet, rührt sich allmählich innerer Widerstands gegen die ihr vorgeschriebene Rolle.

Mit ihrem kurz darauf geborenen Bruder hofft sie, endlich einen Freund an ihrer Seite zu wissen. Bis auch er seinen Platz als Herrscher einnimt und sie erneut auf sich gestellt ist. Sie verliebt sich in einen Sterblichen, verwandelt ihn sogar in einen Gott, wird jedoch von Allen nur ausgelacht. Niemand glaubt daran, dass ausgerechnet sie irgendeine bedeutende Macht besitzen sollte. Erst als sie ihre Nebenbuhlerin in ein schreckliches Ungeheuer verwandelt, wird sie ernst genommen. Und von Zeus auf eine einsame Insel verbannt. Dort soll sie für alle Ewigkeit ein einsames Leben führen.

Für Circe ist die Verbannung hingegen ein Segen: Sie kann allein sein, muss niemanden gegenüber Rechenschaft ablegen und kann sich in ihrer Hexenkunst üben.

Auch die Einsamkeit bleibt nicht für immer. Zahlreiche aufmüpfige Nympehn werden zur Strafe auf ihre Insel geschickt. Und den Götterboten Hermes nimmt sie sich zwischendurch als Liebhaber. Sie weigert sich die hilflose Gefangene zu mimen und schert sich einen Dreck um die Tratschgeschichten der Anderen.

Als ihre Schwester ihre Hilfe benötigt, um den legendären Minotaurus zu gebären, darf sie für eine kurze Zeit von ihrer Insel und trifft Daidalos, den Kunsthandwerker. Ihre Begegnung wird ihre Sicht auf die Menschen für immer ändern und ihre Verachtung für ihre Verwandten weiter schüren.

"Egal, wie lebendig sie im Leben waren, egal, wie strahlend, egal, welche Wunder sie vollbrachten, sie wurden zu Staub und Rauch. Unterdessen würde jeder unbedeutende und nutzlose Gott die klare Luft einatmen, bis die Sternlichter erloschen."

In den folgenden Jahren führt sie auf Entfernung einen stetigen Kampf mit ihren Geschwistern, versucht ihre Cousine Medea erfolglos vor ihrem Schicksal zu bewahren und lernt irgendwann, zu was Seefahrer fähig sind, wenn sie hungrig und nach langer Reise in ihr Zuhause kommen und sie sich nicht wehren kann. Angestachelt von ihrer Wut forscht und zaubert sie weiter bis sie ein Mittel findet, dass ihr die immer wieder kehrenden Männer vom Hals hält. Später soll sie auch auf Odysseus Mannschaft treffen.

"Sie hörten mir nie zu. In Wahrheit ist es doch so: Männer geben jämmerliche Schweine ab."

Doch Madeline Miller ist nicht daran gelegen, die Odysee nach zu erzählen. "Ich bin Circe" ist auch nicht "die weibliche Antwort auf Homers Odyssee", wie der Pressetext anpreist. Stattdessen beschreibt sie eine neue Mythologie und nimmt die die Leser*innen mit auf eine Reise in Circes Gedankenwelt. Sie verpasst der griechischen Mythologie ein längst überfälliges Update. Der berühmte Odysseus kommt erst ungefähr nach der Hälfte des Buches vor, bleibt einige Seiten lang und zieht wieder von dannen. Anders als in den bisherigen Erzählungen besiegt er aber anfangs nicht die böse Hexe Circe sondern lässt sich auf einen Pakt mit ihr ein. Als er abreist ist sie weder traurig noch verlassen. Er hinterlässt ihr wohlgemerkt unwissend ein Geschenk, für das sie den Rest ihres Lebens kämpfen muss.

"Ich bin so alt wie die Welt und lege die Bedingungen fest, wie sie mir gefallen. Du bist die Erste, die sie erfüllt."

Trauer, Wut, Verzweiflung, aber besonders unbändiger Stolz, Durchhaltevermögen und Mut. Das sind die Eigenschaften, mit denen Madeline Miller ihre Circe lebendig und nahbar werden lässt. In den tausenden von Jahren, die ihr Buch umspannt, kommt kein Gott, keine Göttin und kaum ein Held gut weg. So wandelt sich auch Odysseus im Laufe des Buches von einem strahlenden und äußerst geistreichen Kämpfer zu einem überheblichen Lügner, der einfach nicht genug kriegen konnte. Die spätere Freundschaft zu Penelope, Odysseus Frau, hingegen ist ein erfrischender Gegenpol zu den immerwährenden Feindschaften und Eifersüchteleien, mit denen die Unsterblichen sich die Zeit vertreiben.

"Ich hatte meine Chance vertan, von mir zu erzählen, und jetzt war es zu spät."

Bis sich Circe ihren größten und letzten Wunsch erfüllen kann, muss sie nahezu unüberwindbare Aufgaben und Hürden meistern, sogar bis zum tiefsten Meeregrund wandern, um dem mächtigen Trigon gegenüber zu treten, ihrem Vater, sowie Athene trotzen und sich immerfort ihren Ängsten stellen. Aus der kleinen Nebenfigur der Odyssee schafft Miller mit fesselnder Sprache eine berauschende und inspirierende Göttin, die sich nicht einfach zur Seite drängen, unterwerfen oder als hübsches Beiwerk darstellen lässt.

Und auch wenn der Buchmarkt gerade von weißen, heterosexuellen Mittelschicht-Autorinnen überrannt wird, die versuchen, das Gesicht der feministischen Literatur zu sein, ist Madeline Millers zweiter Roman eine Bereicherung und dringend notwendige Ablösung der weitestgehend frauen*feindlichen antiken Dichter.

Madeline Miller
Ich bin Circe
Aus dem Englischen übersetzt von Frauke Brodd.
Eisele Verlag
2019 · 528 Seiten · 24,00 Euro
ISBN:
9783961610686

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