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Kritik

Tödliche Fremde

Der iranische Schriftsteller Mahmood Falaki legt seinen ersten auf Deutsch verfassten Roman vor
Hamburg

Herbst 2015. In Deutschland tobt die Debatte um die Flüchtlingskrise und das Erstarken der rechtsradikalen AfD. Vor diesem Hintergrund erzählt Mahmood Falaki die Geschichte zweier Flüchtlinge aus Iran. Der Lehrer Nima kam als Zehnjähriger mit seinen Eltern, der vor der islamischen Revolution in ihrem Heimatland flüchteten. Der Dichter Bardia, Nimas Freund, ist noch nicht ganz so lange in Hamburg. Während Nima sich mit wechselnden Liebschaften die Zeit vertreibt und sich über seine Herkunft keine großen Gedanken macht, verzweifelt Bardia zusehends. In Iran wurden seine Werke zensiert. In Deutschland findet er keinen Verleger, weil sich die Leser nicht für iranische Lyrik interessieren – und selbst mit einem Roman scheitert er kläglich.

Stück für Stück rutscht Bardia ab, lässt sich mit einem türkischen Drogenhändler ein, um sich über Wasser zu halten. Als dieser eines Abends bei ihm auftaucht und wenige Minuten später halbtot auf Bardias Teppich liegt, ruft dieser Nima an – der einzige, dem er vertraut und von dem er sich Hilfe erhofft.

Es ist eine höchst surreale, absurde Szene, wie Nima und Bardia trinkend neben dem vermeintlich Toten sitzen, ein langes nächtliches Gespräch führen und Nima bewusst wird, wie groß doch seine Sehnsucht danach ist, seine Wurzeln endlich kennenzulernen. Kurz darauf reist er nach Iran, wo ihn, den in Deutschland sozialisierten, nicht nur die strengen Sitten in Kontrast zum lockeren Leben hinter verschlossenen Türen irritieren, sondern auch die zahllosen Verwandten, die ihn zwar sehr herzlich aufnehmen, mit denen er sich aber so gut wie nichts zu sagen hat. Eine Begegnung mit Bardias Exfrau Maryam wird zur Schlüsselszene. Nima, der Haltlose und Getriebene, versucht, die Liebe zu verstehen. Doch Maryam kann ihm nicht helfen. Lange nach der Trennung, eröffnet sie, sei ihr erst bewusst geworden, dass sie sich damals gar nicht in Bardia, sondern in die Poesie verliebt habe.

„Tödliche Fremde“ heißt der dritte Roman von Mahmood Falaki, der hier auf Deutsch erscheint – und es ist nach einem Band mit Kurzgeschichten („Ich bin Ausländer und das ist auch gut so“, Bremen 2013) der erste, den er auf Deutsch verfasst hat. Falaki, selbst Lehrer, wurde 1951 in Ramsar geboren und kam in den frühen Achtzigern nach Deutschland. Er lebt in Hamburg. Neben Romanen hat er Lyrik und Sachbücher zum Verhältnis deutscher und persischer Literatur und Kultur geschrieben, zu Kafka, Goethe und Hafis, sowie Lehrbücher zur persischen Sprache. In Iran war er noch unter dem Schah-Regime zu drei Jahren Haft aufgrund seiner literarischen Arbeit verurteilt worden. Interessanterweise finden sich Elemente der Biografie des Autors in beiden Hauptfiguren seines Romans.

Die Stärke des Buches liegt weniger in der unkonventionellen Struktur als in den absurden Elementen der Erzählung, sei es der vermeintliche Mord Bardias am Drogendealer, sei es Nimas Schicksal, ständig mit den Exfrauen seiner engsten Freunde im Bett zu landen. Falaki bedient sich literaturhistorisch breit sowohl an persischen als ach an westlichen Elementen – was wieder symbolisch wird, als der Protagonist Nima im Laufe der Geschichte merkt, dass er gar nicht weiß, was Heimat für ihn eigentlich bedeutet. In Hamburg ist er für die Biodeutschen der Ausländer, dem tagein tagaus Vorurteile entgegengebracht werden. Zugleich fühlt er sich in Teheran, wo er herkommt, nach Jahrzehnten der Abwesenheit selbst völlig fremd, während die Iraner dort sich vor allem für das Leben in Deutschland interessieren. „Tödliche Fremde“ wird somit zum vieldeutigen Titel eines höchst zeitgemäßen Romans, der die Probleme, die allenthalben debattiert werden, aus der Perspektive der Betroffenen thematisiert.

Mahmood Falaki
Tödliche Fremde
sujet verlag
2018 · 320 Seiten · 22,80 Euro
ISBN:
978-3-96202-022-4

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