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schliff Literaturzeitschrift, band 11 utopie
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schliff Literaturzeitschrift, band 11 utopie
Kritik

Über das unfreiwillige Alleinsein

Hamburg

„Ein allein lebender Mann wird als Cowboy beschrieben, als großer Künstler, als fröhlicher Junggeselle – alles kulturell oder physisch potente Rollen –, aber vor allem ist er die sexuelle Bedrohung, vor der man Kinder und Frauen warnen muss; der Pädophile, der Vergewaltiger, der Exhibitionist. Nur eins kann er nicht sein: der Sexlose. Dieser Ruf ist solchen wie mir vorbehalten. […] Ich möchte den Ausdruck alte Jungfer zurückerobern. […] Ich bin überzeugt davon, dass in dem Moment, wo wir dieser Erfahrung Leben einhauchen, sie in Besitz nehmen und ihr Platz einräumen, sich etwas verändern wird, nicht nur für die alten Jungfern, sondern auch für das große Narrativ von Liebe, Macht und Beziehungen, das als Norm gilt.“

Das Leben zu zweit gilt nach wie vor als Ideal. Es gibt zwar auch einige andere Lebens- und Beziehungskonzepte (und hat sie wohl immer gegeben), aber noch immer geht man meist davon aus, dass eine Person entweder mit jemandem zusammen oder Single ist. Unfreiwillig in Beziehungen sein (von Abhängigkeitsverhältnissen über erzwungenen Verbleib bis zur Zwangsheirat), auch das gibt es häufig und solche, häufig von Gewaltausübungen begleiteten oder in Femiziden endenden Beziehungen werden durchaus thematisiert (wenn auch immer noch zu wenig).

Noch weniger thematisiert, ja, fast schon tabuisiert ist dagegen das unfreiwillige, lebenslange Single-Dasein. Das liegt auch daran, dass es kein Narrative dazu gibt, allerhöchstens das der ausgehaltenen Geliebten. Wenn man Single ist, so das Narrativ, dann mit Absicht. Man hat nie den/die Richtige/n gefunden, will/braucht seinen Freiraum, konzentriert sich lieber auf sich selbst, hat schlechte Erfahrungen mit Beziehungen gemacht, genügt sich selbst, etc.

Sicher gibt es Menschen, die tatsächlich allein leben wollen, aus den unterschiedlichsten Gründen, und damit auch zufrieden sind. Aber in mancherlei Hinsicht kann man dennoch den Single-Begriff unserer Zeit auch als Auswuchs einer Geschichte der romantisierten Einsamkeit bezeichnen. Und mit Mitte 20, sogar mit Mitte 30 mag das Single-Dasein auch noch etwas Romantisches haben. Aber darüber? Mit Mitte 40? Mit Mitte 50? Malin Lindroth war mit den geläufigen Narrativen nicht zufrieden und hat sich auf ein altes besonnen: das von der alten Jungfer.

„die alte Jungfer, die ich vor mir sehe, ist nicht die Hexengestalt am Rand des Dorfes. Ich sehe sie eher ganz unten in der patriarchalen Hackordnung. […] Die angeblich Unfickbare. […] ich hatte das Gefühl, diese verfemte Frau besaß den Schlüssel zu einem Stillschweigen, das ich schon viel zu lange hatte öffnen wollen.
[…]
Sie war lange Zeit als Schatten einer Frau umhergewandert, in einem Patriarchat, das enormen Nutzen aus ihrem Schweigen zog. Jetzt ist sie meine Freundin, eine Position, ein Alter Ego.
[…]
wenn wir mit dem Begriff alte Jungfer weiterkommen wollen, müssen wir diejenigen sehen und erkennen, die hinter ihr stehen: eine Armee von sozial ausgestoßenen, einsamen, stigmatisierten Frauen, eine lange Reihe durch die Geschichte. Warum ist es so schwer, deren Erfahrungen anzuerkennen?“

In der Tat – warum ist es so schwer, diese Erfahrungen anzuerkennen? Wohl weil wir alle uns vor dieser Lage fürchten, die Lindroth als eine „missliche“ beschreibt und sagt: „Mit so etwas haben wir heutzutage keine Geduld.“. Nicht nur das, würde ich sagen. Wir haben nicht nur keine Geduld damit, wir unterdrücken jeden Gedanken daran. Die Angst nicht zu genügen, ist schon groß genug in unseren Gesellschaften; dazu die Angst, beruflich abgehängt zu werden, die Angst, dass unsere Lebenswelten durch Klimawandel oder Globalisierung zerstört werden (etc.). Bei all diesen Bedrohungsszenarien wollen wir nicht auch noch daran denken, dass es soweit kommen könnte, dass wir ohne die Liebe, Unterstützung und Bestätigung eines/r Partners/in auskommen müssen. Und auch nicht daran, dass, wenn uns niemand will, irgendwas mit uns nicht stimmen könnte. Diese Gedanken sind für Frauen noch einmal quälender, weil sie sich sowie permanent mit von außen an sie herangetragenen Ansprüchen (Schönheitsidealen, Rollenzuweisungen, etc.) auseinandersetzen müssen.

Malin Lindroth schildert in ihrem Buch, wie sie sich mit all diesen Vorurteilen und Ängsten konfrontiert sah. Und wie es fast unmöglich war und ist, als unfreiwilliger Single anerkannt und gesehen zu werden. Ihre erste Beziehung hatte sie mit 19. Als sie 23 war, beendete sie sie, in dem festen Glauben, dass noch einige oder zumindest eine folgen würde. Doch es kam nie mehr dazu.

„Dabei mangelt es in meinem Leben nicht an Männern. Im Gegenteil, die Menschen, die mir nahestanden, waren fast immer Männer. Tausende Stunden habe ich mit Kaffeetrinken und Reden verbracht. Ich habe große Nähe und Übereinstimmung erlebt, unbedachten Sex mit ärgerlichen Konsequenzen gehabt, beim Kauf von Hemden und Anzügen beraten. Aber nie in der Rolle der Lebensgefährtin, immer als beste Freundin. […] Seit 1989 habe ich mich fünfzehnmal verliebt. Alle Männer haben Nein gesagt. Ich habe nie Nein gesagt. Diese Gelegenheit bot sich nie.“

Erzwungene Heimlichkeit, so beschreibt es Lindroth, war in all diesen Jahren eine zentrale Erfahrung. Ständig musste sie mitspielen, wenn andere voraussetzten, dass sie die Probleme und Freuden von Zweierbeziehungen kennt. Sie musste wieder und wieder miterleben, wie ihre individuellen Erfahrungen in irgendeine Schublade gesteckt wurden, von „viele entscheiden sich ja heute fürs Alleinsein“ über die Mär von zu hohen Ansprüchen bis zu Gedanken wie „hast du schon mal drüber nachgedacht, ob du nicht eigentlich auf Frauen stehst?“.

Es gibt eine Passage in einem Essay von Lynn Salcom, wo sie anmerkt, dass selbst ein idealer und gerechter Staat zwar allen Bürger*innen Lebensmittel, Wohnraum, medizinische Versorgung, Unterhaltung, etc. versprechen und zukommen lassen könnte, aber keine Nähe (wobei sie später mögliche Ausnahmen nennt: das Anbieten von Nähe und Körperlichkeit als Beruf und simulierte Nähe durch Roboter oder Programme). Liebe und Intimität kann man niemandem versprechen, weil es Dinge sind, die zwischen einzelnen Menschen passieren und auch zwischen diesen abgestimmt werden müssen; dieses Einvernehmen kann nicht durch eine staatliche Verordnung zustandekommen. Natürlich könnte man Gesellschaften erdenken, in denen die Einsamkeit auf ein Mindestmaß reduziert ist (und non-patriarchale Systeme wären sowieso schon eine erhebliche Verbesserung, auch in diesem Bereich).  Aber dennoch ist so etwas wie "Gerechtigkeit" in puncto Nähe schwierig herzustellen, Angebot und Nachfrage werden hier von zu vielen unterschiedlichen Faktoren bestimmt. Wie Teresa Bücker in ihrem Vorwort schreibt:

„Die Welt wird nicht gerechter und lebenswerter, wenn Menschen einander erzählen und am Ende glauben, man habe in jeder Lebensfrage die Wahl. Nicht alle Sehnsüchte, die Menschen haben, lassen sich als Recht erkämpfen. Ob jemand Liebe findet, ist keine Frage der Gerechtigkeit. […] das Bekenntnis dazu, alleine zu leben und dies zu bedauern, hat die letzten zehn Jahre wenig in den Diskurs gepasst. In einer Gesellschaft, in der in ohrenbetäubender Lautstärke erzählt wird, dass es an jeder Person selbst liege, das Beste aus ihrem Leben zu machen, dass, wenn sie sich nur genug anstrenge, alles gelingen könne, in solch einer Gesellschaft ist es kaum möglich, diese Dinge nicht selbst, wenigstens ein bisschen, zu glauben. Wer kann, optimiert sich – und behauptet, das tue sie oder er freiwillig.“ 

Zwei Szenen aus Filmen haben mich in letzter Zeit sehr berührt. Eine stammt aus Greta Gerwigs Neuverfilmung von „Little women“, ein Film der in den USA während der Zeit des Bürgerkriegs spielt. Dort sagt die Protagonistin Joe in einer Schlüsselszene: „Women – they have minds, and they have souls, as well as just hearts. And they’ve got ambition, and they’ve got talent, as well as just beauty. I’m so sick of people saying that love is just all a women is fit for. I’m so sick of it.” Und nachdem sie diese Tirade losgelassen hat, in der sie zurecht das enge und restriktive, entmündigende Frauenbild ihrer Zeit beklagt, fügt sie noch hinzu: „But I’m … I’m so lonely.“

Dieses Eingeständnis nimmt in keiner Weise zurück, was sie davor gesagt hat. Sie wünscht sich nachdrücklich, dass Frauen sich genauso entfalten können wie Männer und als ebenso kreative, über alle Maßen fähige Geschöpfe anerkannt werden. Dieses Bedürfnis ist ein Bedürfnis entgegen einer Auffassung, deren Zeit hoffentlich vorbei ist, die wir hinter uns lassen. Das andere Bedürfnis, der Wunsch nach Partner*innenschaft, Intimität, ist universell und für Joe so schwer einzugestehen, weil die Artikulation dieses Wunsches sie in dem Maße bedürftig erscheinen lässt, das für Frauen ihrer Zeit als charakteristisch gilt. Joe weiß, gegen wen sie sich mit ihrem Anspruch auf eine selbstbestimmte Existenz wendet, aber sie weiß nicht, an wen sie sich in ihrem Bedürfnis nach Nähe wenden soll.

Die zweite Szene stammt aus Mike Mills20th Century Women“, der Ende der 70er Jahre in Kalifornien spielt. Der jugendliche Protagonist des Films ist gerade 15, seine Mutter 55, sie hat ihn also im Alter von 40 Jahren bekommen. In einer Szene liest ihr Sohn ihr aus einem feministischen Text (aus der Anthologie „Sisterhood is powerful“ hrsg. von Robin Morgan) vor (er ist durch eine Mitbewohnerin seiner Mutter auf den Feminismus aufmerksam geworden; diese Mitbewohnerin wird, Koinzidenz, von Greta Gerwig gespielt). Der Text lautet: „I have a capacity now for taking people as they are, which I lacked at twenty; I reach orgasms in half the time and I know how to please. Yet I do not even dare show a man that I find him attractive. If I do so, he may react as if I had insulted him. I am supposed to fulfill my small functions and vanish.“ Die Mutter fragt ihn, warum er ihr das vorgelesen habe. Ob er glaube, sie fühle sich so. Er weicht diesen Fragen aus. Man hat gesehen, wie aufmerksam sie zugehört hat und wie unangenehm ihr der Text gleichzeitig war. Sie spürt, dass das Bekenntnis in dem Text etwas mit ihren unterdrückten Ängsten und Bedürfnissen zu tun hat. Dass er sie aufrüttelt, ohne dass sie es will.

Beide Frauen, Joe und die Mutter Dorothea, finden am Ende noch jemanden. Auch Malin Lindroth schließt nicht aus, dass sie vielleicht ihr Alte-Jungfer-Dasein noch hinter sich lassen kann. So oder so aber, ist die alte Jungfer zunächst eine Position, mit der sie sich identifizieren kann, die eine gewisse Selbstbestimmung zulässt und ihre Lage offenlegt, ihr eine Dimension gibt. Ihr Bericht über dieses Leben, seine Einbettung in unsere Vorstellungen von Liebe und Gesellschaft, ist ein wichtiges Dokument unserer Zeit, individuell und doch universell.

Malin Lindroth
Ungebunden
Das Leben als alte Jungfer
Mit einem Vorwort von Teresa Bücker
PIPER Verlag
2020 · 112 Seiten · 12,00 Euro
ISBN:
978-3-492-31701-6

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