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Kritik

Messerschneidenworte

Gedichte aus Manfred Peter Heins neuntem Jahrzehnt
Hamburg

Je älter Manfred Peter Hein wird, desto verknappter, konzentrierter, spröder werden seine Worte, könnte man beim Blick in den neuen Gedichtband annehmen, doch trügt der erste Eindruck, denn dieser karstigen Sprache bedient sich der Autor schon seit Jahren. Nein, hier wird ein Werk konsequent fortgeschrieben, so konsequent, wie man es zuletzt vielleicht bei Jürgen Kross, dem nicht minder unterschätzten Dichter, gesehen hatte. Doch es fällt auf, daß Hein einen immer deutlicheren, das heißt: konkreteren Bezug zur Gegenwart sucht. Keine Zeitmitschriften sind das natürlich, keine politischen Kommentare, aber doch sehr klare Spiegelungen einer Gegenwart, deren Auswüchse als zunehmend abstoßend empfunden werden. »Tagumtagnotate« nennt Hein sie selbst.

So folgt Nacht für Nacht
er den Pfaden ins Nirgend
einstigen Hierseins

Begegnet den auf
gleiche Weisung Vertraunden –
Verlornen im All

Es sind wenige Bildbereiche, um die die meisten Gedichte Manfred Peter Heins in diesem Band konzentrisch kreisen: die Gegensatzpaare Licht/Dunkel, Zeit/Ewigkeit und Verlorenheit/Erinnerung. Sie erscheinen wie Schriftzüge im Gestein, Adern durchs Gestein, alchemistische Extrakte der Gegenwart, stärker und stärker verdichtet, bis sie so karg und rätselhaft werden wie die Welträtsel, die sie verhandeln. Reduktion bedeutet Konzentration, Verdichtung ein Heranzoomen. Man hat manchmal fast den Eindruck, als würde die individuelle menschliche Stimme zurückgenommen, als sei sie bereits teilweise absorbiert von den Naturprozessen, von der harten, abweisenden Schale der Dinge. 

Das Bild des ›Zeitraums‹, in dem die Dimensionen zusammentreffen, ist umdüstert und vereist. Es gibt ein wenig Licht, aber zumeist Schatten, Kälte und Gewalt, Einsamkeit, Angst und Ödnis. Die größte Macht hat der Tod, sei es über den Einzelnen – so betrauert der Dichter etwa den verstorbenen Bruder – oder ins Globale gewendet, allumfassend, apokalyptisch:

Verwüstung ganzer
Landstriche zu erleben
bringt der Tod uns auf

läßt Leichenfelder
an Leichenfelder reihen
bis er trifft    uns selbst –

Deutlicher als bislang knöpft sich Manfred Peter Hein den (islamistischen) Terror vor, mahnt und verurteilt, weiß aber, daß alles nur eine Gedenkschrift an Millionen Stelen ist. Die Gegenwart ist unwohnlich, die Zukunft ebenfalls, von Trost kann kaum noch die Rede sein, und was der Mensch nicht zerstört, das vernichtet die Erde, blindwütig und fühllos. Nur in kurzen Augenblicken wird sie noch gewährt, »die Schönheit der Kiefer«. Diese Gedichte aus den Jahren 2015 bis 2019 ergeben, aneinander gereiht, hintereinander gelesen, einen schaurigen Abgesang, eine verwundete Elegie auf die Sterblichkeit, eine einzige große Wehrede in kleinste Partikel dunkler Materie zerspellt. Wie ein Aufschein aus Endlosnacht und Ewigschatten ragt am Ende, im letzten Gedicht, ein Name heraus:

Agavenstiche
Nieselregen nachts auf der
Haut des Schlaflosen

Laotse    Der Alte    liegt
Geborgen im Zeitenschwund

Die Hoffnung, sagt Hein in dem Gedicht »Möwe Erinnerung Salz«, bangt irgendwo hinter dem Weltmeer im Verborgenen, sie zeigt sich nur in den Salzkristallen am Brillenglas, diesseits, wo einem das »Gelächter Widerhallge- / lächter« vergeht. Von einer Finsternis in eine noch größere, in Nichtsschwärze führen die Fährten von Manfred Peter Heins jüngstem Gedichtband, und erinnern damit entfernt an das späte Werk Ernst Meisters, nur daß bei Hein die Syntax noch brüchiger, noch abgehackter die Abschiedsgesänge hinausschreit. Und doch tritt diese Sprache der Trostlosigkeit aufrecht gegenüber, erhobenen Hauptes, bewußt ruppig, archaisierende und moderne Elemente widerborstig mischend, eine funkelnde, dunkel glühende Trotzsprache.

Manfred Peter Hein
Fährten im Zeitdämmerareal
Wallstein Verlag
2020 · 140 Seiten · 18,00 Euro
ISBN:
978-3-8353-3673-5 (2020)

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