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Kritik

Und täglich grüßt das Gablenberger Tagblatt

Hamburg

Wie jede Ritze eines Steins beschreiben, wieder und wieder, wie den Wellengang eines ungestümen Meeres – wie um alles in der Welt dieses Werk von Mara Genschel, das wie ein Rätsel daherkommt und sich genauso wieder von einem verabschiedet.

Zu Anfang mutet der Aufbau befremdlich an: karge Kästen meist begleitet von einer oder zwei subsumierenden Überschriften – dem Kritiker André Hatting nach die Verschriftlichungen eines Katalogs einer Berliner Gemäldegalerie aus dem 19. Jahrhundert –, ergänzt durch teilweise massige Fußnoten, in denen den Leser*innen ein poetisch mäanderndes Monstrum an Text unterbreitet wird. Alle diese Ebenen zu fassen, mutet beinahe als ein irrsinniges Unterfangen an. Die Komplexität dieses Buches speist sich aus dessen ungeheurer Konstruktion, die hier im Detail wiederzugeben, sich ins Bodenlose ziehen würde. Dieses Buch muss man vor sich haben, sich damit auseinandersetzen – mit ihm kämpfen und schwelgen in dessen Eigenwilligkeit. Die Assoziation zum Emblem ist nicht weit hergeholt, nur die Wechselwirkung zwischen Überschrift, Bild und Fließtext, wie man sie vom Emblem der Renaissance her kennt, gestaltet sich im Gablenberger Tagblatt etwas komplizierter, die Unmittelbarkeit dieses Textes entfaltet sich erst im Spiel der einzelnen Blätter untereinander.

Im Grunde ist die Form des gedruckten Buches für diesen Text denkbar ungeeignet. Man müsste schon das gesamte Blattkonvolut vor sich ausgebreitet liegen haben, um mit den vielen Querverweisen und Spielereien zurechtzukommen – oder gar, wie das lyrische Ich das Tagblatt ab und an selbst beschreibt: als Website, die man runterscrollen kann. Ein Emblem für das 21. Jahrhundert also, oder etwa das Skelett eines Emblems, die nachvollziehbare Dekonstruktion einer altbackenen Form, bei der das Zusammenspiel zwischen Bildfeld, Überschrift und Fußnote/Fließtext neuen, zeitgenössischen Regeln unterstellt wird, bei der das Emblem nicht mehr als etwas Ganzheitliches verstanden wird, sondern das gesamte Konvolut. Zwangsläufig gehört dieses Buch auch nicht aufgedröselt, vielleicht gehört es einfach nur gelesen, die einzelnen Aspekte rausgefiltert:

Hier wird beispielsweise Erinnerungsarbeit auf Mikroebene betrieben, die als Fließtext ausgeschriebenen Fußnoten entpuppen sich als Unterfangen, die Welt – zumal die sprachliche – als Variation zu verstehen. Durch die Bildskelette und Überschriften werden semantische Felder generiert, deren Sinnhaftigkeit in einem Augenblick beinahe fassbar scheint und im nächsten sich wieder im Raum verstreut. Das erzeugt eine Komplexität, die jedoch unprätentiös wirkt, mit einer beinahe unverschämten Leichtigkeit daherkommt.

Die Sprache in den Fußnoten changiert zwischen einem gehobenen, am Duktus des 19. Jahrhunderts geschulten Stil und der Alltagssprache einer durchdigitalisierten Welt, die sich nicht scheut, manchmal sogar ins Lapidare und Beiläufige zu kippen. Zwischen den Zeilen dringt immer wieder Poetologisch-Programmatisches an die Oberfläche, ein großes Spiel mit Zeit und Zeitlichkeit wird offenbar – das Talent der Autorin, Worte als Material zu begreifen, das dazu dient, immer wieder neue Welten durch minimal invasive Eingriffe zu erschaffen. Transformation ist hier ein Schlagwort, das der Interpretation dieses Textes dienlich sein könnte – und das Gablenberger Tagblatt eine außergewöhnliche Metapher für Gesellschaft/ Staat/ Gemeinschaft/ Individuum. Dabei scheut Genschel Widersprüche genauso wenig wie den äußersten Anspruch an ihren Stil:

„(Hierfür spießte sie den Fund, indem sie mit der waffenartigen, wie gesagt, messingblanken Spitze ihres Spazierstockes wenn nicht eben pfeilschnell, so aber doch ruckartig in ihn eindrang, auf, hob ihn an, und brachte ihn, indem sie ihren Stock mit gekonnten Bewegungen „wie einen Geigenbogen“ durch die Hand vom Knauf in Richtung Spitze gleiten ließ, mit nur einer Hand auf die Höhe ihrer Augen, um ihn gebührend zu inspizieren ohne sich setzen oder sonstwie ihren Halt einbüßen zu müssen – teilweise verringerte sie dabei nicht einmal ihren Schritt, ihr strammes Geh-Tempo. Sodann griff sie nach einer, sich immer parat in ihrer Manteltasche befindlichen Plastiktüte und presste das (…)“

Dies sei hier als einziges Beispiel angeführt, da weitere, ohne Angabe des restlichen Textkorpus gestreute Zitate diesem Werk nicht gerecht wären.

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass Mara Genschel hier Großes und Anspruchsvolles gelingt, ohne aber beim Lesen je das Gefühl zu hinterlassen, man wäre intellektuell eine Wüste – mehr noch: Die Autorin schafft den Spagat zwischen Anspruch, Komplexität, Experiment und Lesevergnügen mit Bravour, hinterlässt dabei mehr richtige Fragen als falsche Antworten. Ganz große und eindrückliche Literatur!       

Mara Genschel
Gablenberger Tagblatt
Brueterich Press
2018 · 184 Seiten · 20,00 Euro
ISBN:
978-3945229170

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