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Kritik

Manches muß man zerschreiben, Dämonenräumdienst von Marcel Beyer

Hamburg

Bin ich denn hier der Brummel
vom Gelände? Bin ich das

Abbild einer zarten Kokosnuß?

Beginnt man die Gedichte aus dem aktuellen Gedichtband Dämonenräumdienst von Marcel Beyer zu lesen, so fällt einem zunächst einmal ihre Absurdität ins Auge und dass es meist entweder ein Ich oder ein angesprochenes Du gibt, die Gedichte also durchwegs gesprächs- oder auch selbstgesprächshaft wirken. Erst bei wiederholtem und sehr genauem Lesen offenbart sich dann nach und nach, dass es einerseits unter der absurd seltsamen Oberfläche oft ganz konkret um Sprache und das Schreiben geht und dass andererseits die oberflächliche Inhaltsebene fast nebensächlich ist, da der Klang der Worte oft eigentlich ___STEADY_PAYWALL___fast wichtiger als ihre Bedeutung ist.

Manches muß man zerschreiben,
muß man zermüllern, damit
es – als Schrot oder Mehl oder
schmutziger Schnee – einen

opaken, einen in alle Richtungen
fließenden Bildgrund ergeben
kann. […]

Von der Buchgestaltung her nimmt der Gedichtband sehr stark auf den vorhergehenden von Marcel Beyer Bezug: die gleiche Schrifttype und ebenfalls ein Leineneinband mit Prägedruck. Während das Cover von Graphit (erschienen 2014) jedoch ganz in Grau gehalten war, ist das von Dämonenräumdienst bordeauxrot, bzw. vielleicht auch eher blutkirschenrot. Die durch die Buchgestaltung vermittelte Ähnlichkeit beider Gedichtbände legt nahe, Dämonenräumdienst als eine Fortschreibung, als ein Weiterschreiben von Graphit zu lesen. Während Marcel Beyer in Graphit aber noch unterschiedliche Strophenformen verwendete, enthält Dämonenräumdienst ausschließlich Gedichte, die vierzig Verszeilen lang und in jeweils zehn vierzeilige Strophen unterteilt sind. Damit wirkt der Band schon allein beim reinen Durchblättern optisch sehr einheitlich, weil immer auf der linken Seite der Titel des Gedichts gefolgt von sechs Strophen zu finden ist und auf der gegenüberliegenden rechten Seite dann die verbleibenden vier Versstrophen.  (Mit einer einzigen Ausnahme, da Ausnahmen ja bekannter Weise die Regeln bestätigen: Auf Seite 157 sind nicht vier, sondern fünf Versstrophen zu finden, weil das Gedicht einen Titel und zusätzlich auch noch eine Nummerierung hat und deswegen die eine Strophe auf die nächste Seite gerutscht zu sein scheint.)

Absurdität

Das erste, was einem an den Gedichten auffällt ist ihre seltsame Absurdität, an die man sich erst einmal gewöhnen und auf die man sich einlassen muss.

[…] Ich bin unverletzt. Nur
wenn ich niese, weiß ich
nicht, quiekt da in meinem Kopf
die brennende Mickymaus,

Die den Gedichten innewohnende Absurdität wirkt gerade deswegen so stark, da uns in der seltsam verfremdeten Wirklichkeit der Gedichte, die sich genauso gut aus einem Traumgeschehen (Durch diese Träume mußt du durch,) wie auch aus einem Rauschzustand (Wie unter milden Drogen geht / der Tag dahin, […]) entfalten könnte, reale Künstlerpersönlichkeiten begegnen oder genannt werden, oder wir uns in den Gedichten auch durch einen scheinbar ganz gewöhnlichen dm, Reno oder Deichmann bewegen. Bekannte Persönlichkeiten, auf die wir in den Gedichten stoßen, wären beispielsweise Hildegard Knef, Damien Hirst, Lucian Freud, Joseph Beuys, Elvis, Samuel Taylor Coleridge, Silvia Plath, Yoko Ono, oder Rudolph Moshammer mit seinem Yorkshire Terrier Daisy.

Mit der Zeit und nach mehrmaliger Lektüre gewöhnt man sich allerdings an diese anfangs noch befremdliche Absurdität und den damit einhergehendem Wahrnehmungswahnsinn der Gedichte und es rücken zunehmend andere Aspekte in den Fokus.

Ich und Du

Ein Großteil der Gedichte ist aus der Ich-Perspektive heraus verfasst und gleich siebzehn der Gedichte beginnen sogar mit dem Wort „Ich“, welches damit das mit Abstand häufigste Anfangswort in diesem Band ist (Ich rede wie mit DDT beregnet,). Wir haben es hier allerdings keineswegs mit einem Fall ausgeprägtem Narzissmus zu tun und Marcel Beyer ist auch nicht im Selfiewahn. Sondern wir haben immer andere Ichs vor uns, was die Gedichte zu einer Art Rollengedichte macht. Damit wird jedes der Gedichte zu einer Larve, zu einer Maske, die man sich vors Gesicht hält um jemand anderen darzustellen und zugleich selbst einen neuen Blickwinkel auf die Welt zu bekommen.

Der Titel Dämonenräumdienst legt nahe, dass uns in den Gedichten eine Vielzahl von Dämonen begegnet. Denken wir an Dämonen aus der Sagenwelt, so können diese häufig ihre Gestalt verändern, sich verwandeln und beispielsweise auch Tiergestalt annehmen. Hin und wieder wird in den Gedichten tatsächlich aus der Sicht eines Tieres geschrieben, sei das jetzt die der Gemeinen Küchenschabe, eines Hundes, oder auch eines Affe im weißen Fell (Mich / Affen wunderts.) Und in einem anderen Gedicht wohnen wir gar einer Verwandlung von Mensch zu Tier bei, in dem ein in der ersten Strophe noch rauchender und Hornbrille tragender Mensch am Schluss des Gedichts dann zu einem Tier, vielleicht einem Marder, wird, oder zu werden meint:

[…] Zeit,
sich ein Nest zu bauen.
Du gräbst die Zähne in weiche

Winterreifen, du nagst Elektrokabel
an, du rollst dich ein.

Neben dem Ich gibt es auch sehr oft ein Du in den Gedichten, das direkt angesprochen wird, wodurch die Gedichte einen sehr gesprächshaften, bzw. auch selbstgesprächshaften, Charakter bekommen. (Schlaf ein, bleib wach, ruh aus. / Ruh aus.)

Sprache und Schreiben

Bei einem Buch, das den Titel Dämonenräumdienst trägt, ist es nicht weiter verwunderlich, dass nahezu alles zum Lebewesen und Dämon werden kann, selbst die Schrift:

[…] Und ich weiß,
Schrift ist ein blindes Tier, dem
man den richtigen Weg weisen muß,

Und auch der Text wird zur Figur, der man im Stiegenhaus begegnen kann:

und ich bin wieder hier, wo
der Text stets auch der
Hausmeister ist, der nicht einmal

mit seinem Schlüsselbund grüßt,

Der Großteil der Gedichte ist aus der Ich-Perspektive geschrieben und vor allem am Anfang des Bandes wird in verschiedenste Rollen geschlüpft, um aus unterschiedlichen Perspektiven zu erzählen. Aber im weiteren Verlauf des Bandes meint man schon, in mehreren der Gedichte zwischen all den anderen Figuren doch auch immer wieder demselben Dichter-Ich zu begegnen, also der Figur eines schreibenden Menschen, der oder die schreibend über das Schreiben nachsinnt. Diese vom Schreiben handelnden Gedichte scheinen mir eine durch den Band führende Konstante zu sein.

Man muß die Hände in Tinte
waschen, gurgeln mit
Tinte muß man. […]

Aber im Grunde genommen ist es nebensächlich, ob wir es über die verschiedenen Gedichte hinweg mit ein und demselben Dichter-Ich zu tun haben, das im Verlauf des Arbeitsprozesses unterschiedliche Stadien und Gemütszustände durchlebt, oder ob wir es jeweils mit ganz unterschiedlichen Dichter-Ichs zu tun haben, die kaum unterschiedlicher sein könnten. Da gäbe es beispielsweise einmal das zerstörerisch-selbstbewusste Dichter-Ich:

[…] Ich zerstöre
noch ein Gedicht und mache
für heute Feierabend. Bis dann.

Und dann auch das verschämt unsichere Dichter-Ich:

[…] ich schreibe diese Gedichte
wie ein Kind, das heimlich
tut und einfach froh ist, wenn
niemand mit ihm schimpft.

In sehr vielen der Gedichte wird Sprache in den Fokus gerückt und es wird immer näher hin gezoomt, von Sprache zu Grammatik, zu einzelnen Worten, zu Substantiven, Verben, Adjektiven bis hin zu einzelnen Buchstaben (Sag mir, was Buchstaben sind.). Sprache wird in einem Gedicht gar als Verbrechen im Kopf bezeichnet:

In diesem Kopf ist Sprache ein
Verbrechen, das es sauber zu
vertuschen gilt. […]

Grammatik wird angerufen, so wie in manchen alten Gedichten am Beginn die Musen angerufen werden:

Grammatik, du Schlampenstempel
der deutschen Sprache, schütz
mich vor meiner Müdigkeit und
deiner Zauberei, führe mich auf

die Sache hin, […]

Das Verhältnis zu Worten kann auch ein konfliktgeladenes sein, deswegen darf auch ruhig einmal geschimpft werden, wobei aus dem Scheißwort am Ende des Gedichts dann doch noch ein Schweißwort wird:

Dein letztes Wort wird ein Scheißwort
sein. Ein Wort wie Sessel-Zumba.

Substantive, Verben und Adjektive sind für die Figur eines Kindes im Band von besonderer Bedeutung, da es sich, nachdem es von seinen Eltern eine Schachtel Verben bekommen hat, in sein Zimmer zurück zieht, sich fortan von Verben, Adjektiven und Substantiven ernährt und sich nach der Puppenruhe in ein Insektenwesen zu verwandeln scheint. Was natürlich sofort an Die Verwandlung von Kafka denken lässt:

Alle zwei Wochen schieben sie mir eine
Handvoll Substantive unter der Tür

herein. Verben sind Eiweiß, Adjektive
sind Zucker, Substantive bilden
das Exoskelett. […]

Klang, Reim und Rhythmus

Oft lässt sich erkennen, dass Klang der Tannenhonig ist, mit dem alles verleimt wurde (ich weiß, am / Ende geht es um den Klang,). Ein sehr auffälliges klangliches Stilmittel ist Gleichklang von Worten. Da gibt es zum einen Klangpaare, wie Schwemmland – Schwammland, oder Rebenhang – Regenhang. Und dann gibt es auch Dreiergruppen, wie Schlafgehalt – Schlafgestalt – Schlafgewalt, oder im folgenden Beispiel die Alliterationen Hormone – Hornbrille - Hornissen:

Du nimmst Hormone, nimmst
deine Hornbrille, warum denn
nicht, nimmst auch Hornissen,

wenn es nichts anderes gibt, […]

Die Dreiergruppe Hormone – Hornbrille – Hornissen ist hier sofort als solche zu erkennen, da die Worte ja auch direkt untereinander stehen. Im Gedicht RENO gibt es ebenfalls wiederum eine Klangdreiergruppe. Diesmal haben wir es mit Reno – (Brian) Eno – Steno allerdings nicht mit Alliterationen, sondern mit Endreimen zu tun, die noch dazu über das ganze Gedicht verteilt sind, also kein Reim im eigentlichen Sinn sind, aber schon der das Gedicht zusammenhaltende rote (Spucke-)Faden. (Ich spucke aufs Buch, und ich spucke / Blut.[…])

Marcel Beyers Verhältnis zu Reimen kann man als durchaus zwiespältig beschreiben. Einerseits scheut er vor ihnen zurück, andererseits streut er dann doch immer wieder mit großem Vergnügen und wie aus Versehen und ganz nebenbei welche ein, nur um sich dann quasi selbst dabei zu ertappen und des Reimens zu überführen.

Irgendwer sollte endlich einmal
HAAR auf GEFAHR reimen,
oder GEFAHR auf ein keimiges
RATTANSOFA, und sei es

auch nur, um den Klang in den
Abgrund gleiten zu lassen.

Die Gedichte haben jeweils eine Überschrift und dann zehn Strophen zu je vier Verszeilen. An diese Form hält sich Marcel Beyer durchgehend. Es gibt aber immer wieder Gedichte, die zusammengehören und sich inhaltlich, klanglich und rhythmisch aufeinander beziehen und damit die auf den ersten Blick strenge und abgeschlossene Form mittels Sinnzusammenhängen und Klangzusammengehörigkeiten über den ganzen Band hinweg gehörig und hörbar unterminieren. Rhythmus entsteht, vereinfacht gesagt, durch Wiederholung und Variation. Das geht im Kleinen mit einzelnen Worten ebenso wie mit größeren Einheiten, im nun folgenden Beispiel sind es ganze Strophen. Dass die beiden aufeinanderfolgenden Gedichte IN DER LAUSCHGRUBE und BETET FÜR DIE DUNKLE JAHRESZEIT zusammengehören, erkennt man bereits an den ersten Zeilen, da das zweite Gedicht gewissermaßen eine leicht veränderte Echowiederholung des ersten ist und zwar sowohl semantisch als auch klanglich:

IN DER LAUSCHGRUBE

Ich warte auf niemanden. Ich bin
stumpf. Ich bin spitz. Und ich
sehe aus und ich rede wie Elvis in
seiner späten Gospelphase, nämlich

nicht. Ich […]

BETET FÜR DIE DUNKLE
JAHRESZEIT

Ich erwarte nichts. Ich bin glatt. Ich
bin fix. Und ich sehe aus und
ich fühle mich an wie die letzte
Paillette auf Elvis Presleys letzer

Fischbulette. Ich […]

Überschreibungen

Auf Namensnennung von Autorenkollegen und –Kolleginnen in literarischen Texten gilt es immer hellhörig zu sein, da das immer auch ein Hinweis auf literarische Vorbilder oder Bezugnahmen sein kann. In Dämonenräumdienst fallen Namen von Klassikern wie Hölderin, Klopstock, Samuel Taylor Coleridge oder Kleist:

Mulke – klingt nach einem Kleistwort,
Berliner Abendblätter, November
1810. […]

Auf Inger Christensen wird im Gedicht LIMBO gleich doppelt verwiesen, zum einen da sie neben Billie Holiday, Ingrid Bergman und Liv Ullmann namentlich genannt wird und zum anderen, da in dem Gedicht ein Aprikosenbaum am Anfang und am Ende steht (Ein Summen unterm Aprikosenbaum.) was natürlich ein Verweis auf das berühmte Gedicht Alphabet (Die Aprikosenbäume gibt es, die Aprikosenbäume gibt es) von Inger Christensen ist.

Abgesehen von diesen verstreuten Namensnennungen von Autoren und Autorinnen gibt es allerdings ganz wenige Informationen über die Hintergründe und Entstehungsgeschichte der Gedichte im Buch selbst. Im Anhang erfahren wir, dass vier Gedichte zu Arbeiten von Annedore Dietze entstanden sind und ein Gedichtzyklus zu Fotografien von Boris Becker und dass Marcel Beyer sich damit von Gemälden und Fotografien zum Schreiben dieser Gedichte inspirieren hat lassen. Wir erfahren auch, dass ein Gedicht von Anno Schreier und zwei von Torsten Reitz vertont wurden, was wiederum dafür spricht, wie wichtig Marcel Beyer die klangliche Ebene seiner Gedichte ist. Oft werden in den Gedichten selbst auch Namen und Schlagworte genannt, die man nachrecherchieren könnte, in manchen Fällen sind wir aber ganz auf uns alleine gestellt, möchten wir das Gedicht hinter dem Gedicht entziffern. Relativ einfach ist das beim Gedicht GINSTER, dessen erste Zeile sich so direkt auf Celans Todesfuge bezieht, dass die Verbindung wirklich augenscheinlich ist. Selbst die Silbenzahl stimmt überein:

Der Tod ist ein Arschloch aus Strehlen (Marcel Beyer)

der Tod ist ein Meister aus Deutschland (Paul Celan)

Es ist davon auszugehen, dass diese Stelle nicht die einzige ist, in der Marcel Beyer ein berühmtes und allgemein bekanntes Gedicht „überschreibt“.

Schließen möchte ich meine Rezension mit einem meiner Lieblingsgedichte aus dem Band, dem Gedicht DEPOT,  in welchem es um verschollene Kunstwerke wie Dürers Meerschweinchenstichen und viele andere geht:

DEPOT

Wo könnten sie sein, in welchen Depots,
welchen Abstellkammern, die Werke
vom Hörensagen, Werke, die kein Lebender
je zu Gesicht bekommen hat, für immer

ins Dunkel geschobene Tafelbilder, ohne
Blick verräumte Skizzen und Studien
wie Schongauers erfrorene Hände, Goyas
ausgeschütteter Wein. Mancher Verlust

vielleicht nichts weiter als ein Schreibfehler
im Inventar. […]

 

Marcel Beyer
Dämonenräumdienst
Suhrkamp
2020 · 173 Seiten · 23,00 Euro
ISBN:
978-3-518-42945-7

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