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Kritik

Alles scheint möglich

Hamburg

Schon die Inhaltsangabe von Marcus Neuerts neuem Buch Imaginauten. Ein Morbidarium in 21 Erzählungen deutet darauf hin, dass die Protagonisten ähnlich schweren Gefahren ausgesetzt sind, wie Argo- oder Astronauten. Gleich die erste Geschichte das Loch erzählt nämlich von einem Mann, der sich von seiner Freundin getrennt hat, mit ihr nur noch in Form von Haiku kommuniziert und sich schließlich im Keller selbst einmauert, bis der letzte Stein das Licht löscht. Eines der Haiku lautet:

Was tue ich hier?
…Bin ich es überhaupt, der das tut?
…Wer bin ich?

Wer bin ich? Diese Frage könnte die Überschrift zu vielen dieser doppelbödigen, oft geheimnisvollen Erzählungen sein, und nicht immer gibt der Autor eine einfache Antwort. Oft geht es um Einsamkeit. Wie bei diesem tatsächlichen Astronauten, der sich von seinem Raumschiff ausklinkt, um einen Rest der Selbstachtung zu bewahren und sich dann, seines erschütternden absoluten Alleinseins bewusst wird.

Auch in keine Nacht für Niemann spielt die Einsamkeit und was daraus folgt eine große Rolle. Da lässt sich einer, der versuchte, sich mit seinem Alleinsein zu arrangieren, auf ein mysteriöses Mädchen ein, verfolgt ihretwegen einen Lastwagenfahrer, der im Verlauf der Geschichte, wahrscheinlich wegen des Mädchens, zu Tode kommt.

Wie gesagt, leben Marcus Neuerts Figuren gefährlich. Sie stürzen, wie der alte Dusk Dawner in seinem weinroten Mercedes-Cabriolet unverhofft in einen Fluss, nicht ohne im freien Fall, seinen Erinnerungen ausgeliefert zu sein. Oder jemand flüchtet vor Verfolgern in ein Treppenhaus (schwarz. Weiß. Nacht), wird einen Schacht hinuntergeworfen, überlebt und ist jetzt geübt im Sterben, als er schließlich von einem Lastwagen überrollt wird. Oder jemand fährt in einem Lift, merkwürdige Gestalten steigen ein und aus, immer schneller saust der Lift, bringt ihn immer tiefer, bis das Display 137 zeigt.

So absurd diese Geschichten zu sein scheinen, oft haben sie einen realen Ausgangspunkt und Marcus Neuert gelingt es, nicht nur menschliche Hybris zu zeigen, sondern auch die Ängste (und Strafen), die diese Überheblichkeit irgendwann mit sich bringt. Es ist nämlich ein Wirtschaftsmann namens Billings, der diese rasante Fahrstuhlfahrt erleiden muss, und die Handlung beginnt ganz real im 83. Stockwerk des Al Abdallah Buildings, wo er sich von Prinz Hamed verabschiedet. Es geht um maßlose Ölgeschäfte!

Jetzt geht es richtig abwärts, sagt Billings augenzwinkernd. So tief haben wir bei Brit Oil Worldwide noch nie gebohrt.
Aber wir können es, gibt Prinz Hamed zurück, und Allah wird es uns lohnen. Brauchst du eine Eskorte? Du weißt ja, die Anderen können überall sein.

Immer wieder blitzt Ironie in Neuerts Erzählungen auf und Spaß an Wortspielen. Nicht Glaube, Liebe, Hoffnung bilden für die Besitzer und Manager einer Firma das Leitziel, sondern in den drei Bürotürmen (im Schatten der Türme) gilt als Motto:

Nun aber bleiben Schläue, Machtwille, Skrupellosigkeit, diese drei. Aber der Machtwille ist der stärkste unter ihnen.

Ungerecht sei die Welt, befindet der ausgemusterte Manager Richter, denn seit zwei Jahren gab es keine Dividendenausschüttung.

Die zahlreichen Figuren innerhalb seiner 21 Erzählungen verbindet, dass sie alle nicht besonders gut in der Realität zurechtkommen. Dennoch sind sie sehr unterschiedlich und Marcus Neuert gelingt es, sie auch in den teilweise sehr kurzen Geschichten treffend zu charakterisieren.

Dies zeigt er besonders in der titelgebenden, längeren Erzählung Imaginauten, in der uns ein ganzes Tableau an Protagonisten begegnet. Geht es dabei doch um die unterschiedlichsten „Stimmen“, über die es in dem vorangestellten Motto von John Durham Peters heißt:

Losgelöst vom Körper,
tendieren Stimmen und Gedanken
        zu psychotischem Verhalten.

Diese Stimmen sind, obwohl körperlos, dennoch als tatsächliche Personen, mit eigenem Aussehen, eigenen Wünschen, eigener Sprache und eigenem Handlungen dargestellt, wobei es Marcus Neuert in dieser Erzählung besonders gut gelingt, sie als plastische Figuren vorzustellen. Der Gastgeber dieser Stimmen erläutert den Titel der Erzählsammlung:

Ich bin der Gastgeber der Stimmen, der Eingebungen. Wir tauchen ab, wir fliegen, sind gleich darauf wieder statischer Augenblick. Wir sind Stoff gewordene Gedichte. Reisende unserer eigenen Vorstellungen: Imaginauten. Alles scheint möglich.

In diesem Sinne erzählen die Geschichten, mögen sie auch manchmal so unwahrscheinlich, so surreal erscheinen, doch ein Teil unserer Wirklichkeit.

Marcus Neuert
Imaginauten / Ein Morbidarium in 21 Erzählungen
Free Pen Verlag
2018 · 182 Seiten · 10,00 Euro
ISBN:
978-3-94517763-1

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