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Kritik

Matrix 02/ 2017

Hamburg

Die viermal im Jahr erscheinenden Literaturzeitschrift Matrix ist ein recht umfangreiches Periodikum, dessen hauptsächlicher Schwerpunkt bei Redaktion und AutorInnenschaft auf dem rumänendeutschen Sprachraum beruht. Herausgeber Traian Pop, der den gleichnamigen Ludwigsburger Verlag betreut, setzt bei der Matrix eher auf Masse. Es kommen viele Stimmen zu Wort. Im Original mit Übersetzung oder nur in der Übersetzung, historische wie gegenwärtige AutorInnen, was die Matrix zu einem Printorgan mit Entdeckerqualitäten macht. (Gleichzeitig wirkt zumindest die 2. Ausgabe diesen Jahres nicht übermäßig liebevoll gestaltet oder aufmerksam lektoriert, sodass sich auf der anderen Seite ein leicht eigenwilliges, zuweilen geschustertes Profil in den Vordergrund drängt, was etwas schade ist.) Der feste Redaktions- und AutorInnenkreis umfasst in der Mehrheit die Generation ü-50, und das Fehlen jüngerer BeiträgerInnen scheint hier nicht für ein gesteigertes Interesse an ihnen zu sprechen, obwohl sich immerhin eine umfangreiche Besprechung von David Krauses Umschreibung eines Flusses in dem Bücherregal betitelten Rezensionsteil befindet.

Das Heft ist aufgeteilt in einen längeren Kernbereich namens Die Welt und ihre Dichter, der sich mit internationaler Lyrik befasst, einem Atelier-Teil, in dem ein Überblick geboten wird über das neueste Schaffen der mit der Matrix selbst assoziierten AutorInnen, und schließlich das Bücherregal. Dabei ist es durchgehend so, dass sich Überraschungen zwischen die Beitragsmasse schieben.

In Die Welt und ihre Dichter gibt es ein längeres, nicht uninteressantes Feature, benannt Short story der kanadischen Lyrik. Hier kommen LyrikerInnen aus Kanada der letzten 100 Jahre zu Wort, in leider nicht immer couragierten Übersetzungen – die das Original stellenweise verniedlichen oder betulicher machen, als es ist –, von Pauline Johnson bis Bruce Meyer als "repräsentativer Querschnitt", wie es heißt, "für die Suche nach einer genuin kanadischen Identität begreifbar". Über klassische Naturlyrik, zu aufbrechenden, an der Moderne geschulten Texten, trifft die Auswahl zum Beispiel auf Irving Layton (der ursprünglich aus Rumänien stammt) mit seinem starken, lang-bizarren A tall Man executes a Jig.

"III

He stood up and felt himself enormous.
felt as might Donatello over stone,
Or Plato, or as a man who has held
A loved and lovely woman in his arms
And feels his forehead touch the emptied sky
Where all antinomies flood into light.
Yet jig jig jig, the haloing black jots
Meshed with the wheeling fire of the sun:
Motion without meaning, disquietude
Without sense or purpose, ephemerides
That mottled the resting summer air till
Gusts swept them from his sight like wisps of smoke.
Yet they returned, bringing a bee who, seeing
But a tall man, left him for a marigold."

"III

Er stand auf und fühlte sich riesengroß,
Mächtig wie ein steingewordener Donatello,
Wie Platon, oder wie ein Mann, der gerade eine wunderbare
Frau in seinen Armen hält. Und er spürt,
Wie seine Stirn den leeren Himmel berührt,
Auf dem alle Widersprüche sich in Licht auflösen.
Oh ja, ein großer Freudentanz, der Glorienschein der schwarzen
Pünktchen verschmilzt mit dem kreisenden
Feuer der Sonne: Bewegung ohne Bedeutung, Bangigkeit
Ohne Sinn und Zweck, Ephemeriden sprenkeln die
Sommerluft, bis ein Windstoß sie fortfegt wie Rauchwolken.
Aber sie kehren zurück, und mir ihnen eine Biene,
Die, weil sie nur einen großen Mann sieht,
Sich doch lieber auf einer Ringelblume niederlässt."

Über sehr gelungenes Minimalistisches von Al Purdy, einem unwägbaren von Leonard Cohen und der Überraschung der Auswahl: ein starkes, pseudonarrativ-unaufgelöstes Gedicht von Margaret Atwood namens Game after Supper, gelangt die Auswahl zurück zur retroaktiven Naturlyrik von Gwendolyn MacEwen und Bruce Meyer. Eine gelungene Reise.

Anschließend folgt ein längerer, ebenfalls interessanter Abschnitt von Klaus Martens, dem ersten deutschen Übersetzer Derek Walcotts, über seinen Freund und Übersetzten. Hier, wie auch in den abgedruckten Gedichten, die aus den frühen auf Deutsch erschienen Bänden des Nobelpreisträgers stammen, wird ein zwiegespaltenes Verhältnis von Martens zu Walcott deutlich. Martens betont, dass Walcott ein "schwieriger Mensch" gewesen sei und unterfüttert dies mit Anekdoten. Die Gedichtauswahl baut hauptsächlich auf Walcotts "homerischer" Tradition, wobei hier etwas unklar bleibt, wie viel Eigenes Walcott überhaupt zugetraut wird, denn obwohl er das "beste Englisch seit T.S. Eliott" spreche, so hat sich doch außer Martens inzwischen eine ganze Handvoll ÜbersetzerInnen (u.a. Raoul Schrott) sich einem Werk angenommen, welches die ewige Referentialität zu den Inseln und Dichtern der europäischen Antike eigentlich keineswegs bräuchte, sondern mit der Zeit ein eigenständiges Poetik- und Dramatikuniversum geschaffen hat.

Auch lesenswert, das folgende Feature über den polnischen Dichter und Zeichner Cyprian Kamil Norwid, der im 19. Jahrhundert eine Sonderstellung inmitten der polnisch-nationalistischen oder klassizistischen Richtung einnimmt. Norwids Dichtung wirkt erratisch und idiosynkratisch, mit nonkonformistischen Formen, die ihrer Zeit voraus weisen.

Beitrage von u.a. Said und Arzu Demir füllen die nächsten Seiten, bis eine längere Auseinandersetzung mit einem Gedicht des chinesischen Klassikers Li Bai die Rubrik Die Monde der gelben Mitte einnimmt. Ulrich Bergman führt an dem kurzen Stille Nachtgedanken über sechs verschiedene Übersetzungen (u.a. von Günter Eich) auf, die einmal mehr deutlich machen, wie kontextoffen chinesische Lyrik sein kann. Sehr schön dabei die vorangestellte Interlinear-Übersetzung:

"(Bett - vor - hell - Mond - Strahl)
(zweifeln - ist - Erde - auf - Frost)
(heben - Kopf - blicken - Mond)
(senken - Kopf - denken - alt - Heimat)"

In der zum Teil recht lesenswerten Atelier-Sektion, deren Textbeiträge häufig auf dem Verhältnis von Schreiben und Erinnerung beruhen und die mehrheitlich besorgte Prosa und Gedichte hervorbringen, das Sommergedicht von Emil Hurezeanu, darin:

"Die Stadt vor dir
Wie ein Ritual eingebildeter Rede.
Eine Zeitlang vergessen die Vögel, das Ihre zu tun
Die Farben ballen sich zu Schwarz und Weiß
Dann sprengen sie schier das Licht.
Schweigen wie ein übervolles Glas
Unberührt, als wäre es leer."

Horst Samson schreibt u.a. in dem Gedicht Fallen:

"Wir
Fallen von einer Falle
In die andere,
Von einem
Land, in das andere
Und fallen
Uns zu oft nicht ins
Gebrochene
Wort"

Adriana Carcu schreibt in ihrem Prosatext Ein altes Haus:

"Es gibt ein Haus in Temeswar, das ich seit meiner frühen Kindheit kenne. Es wurde im Laufe der Zeit zur geheimnisvollen Stätte meiner Träume, Ort meiner Phantasie und Schauplatz meiner Lektüre. Das Haus steht seit 200 Jahren an der vormals grünen Ecke, wo sich der Boulevard Mihai Viteazu und der Boulevard Victor Babes treffen. Dort tröstete ich in meiner Kindheit Ms. Havisham, die nie aufhörte, auf ihren Verlobten zu warten, und als Jugendliche tanzte ich in einem Saal auf dem Ball der Geparden. Später ging ich um das Haus herum und zählte seine Giebeldreiecke und hörte die vermeintlichen Stimmen im Keller unter der Terrasse, die seinen Untergang ankündigten. [...] So stand es eine Weile da, sinnentleert und nur von den Jahreszeiten aufgesucht, bis ich es eines Tages im Web wiedersah. Eigentlich waren da nur die Mauern. Das Haus, in das mich so viele Träume geführt hatten, war eine Ruine."

Die Matrix hält jede Menge schöne Überraschungen parat, selbst wenn nicht alles rund wirkt. Schön der großräumlich internationale Aspekt. Eine unangepasste Zeitschrift für eine ausgewählte Leser- und AutorInnenschaft.

Margaret Atwood · Li Bai · Adriana Carcu · Leonard Cohen · Denisa Comanescu · Arzu Demir · Peter Frömmig · Peter Gehrisch · Andrew Goldthorp · Emil Hurezeanu · Kira Iorgoveanu-Mantsu · Kevin Irie · Pauline Johnson · Katharina Kilzer · A. M. Klein · Irving Layton · W. Günther le Maire · Gwendolyne MacEwen · Viorel Marineasa · Anneliese Merkel · Bruce Meyer · Cyprian Kamil Norwid · E. J. Pratt · Al Purdy · Said · Derek Walcott · Ulrich Bergmann · Theo Breuer · Stefanie Golisch · Klaus Martens · Uli Rothfuss · Horst Samson · Wolfgang Schlott · Charlotte Ueckert · Rainer Wedler · Barbara Zeizinger · Traian Pop (Hg.)
Matrix 02/ 2017
Edition Matrix
2017 · 210 Seiten · 15,00 Euro
ISSN:
1861-8006

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