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Gertrud Kolmar Preisverleihung
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Gertrud Kolmar Preisverleihung
Kritik

Wem gehört die Welt?

Aus dem Schaffen der letzten sieben Jahre
Hamburg

Bereits seit einigen Jahren sorgen die Texte Margarete Stokowskis verlässlich für Aufregung. Blindwütige Empörung lautet zuweilen auf und die Journalistin wird als eine Art Pinkelstein von leicht Erregbaren, Hyperaktiven und Trollen benutzt, die ihre sprachlichen Abwässer nicht bei sich halten können. In Onlinekommentaren, Leserbriefen und Mails werfen sie ihr Sprachprügel wie Hure, Schlampe, Dummsau, verdammtes Stück Dreck, stinkende linksextreme Fotze oder rotes Stück Scheiße nach. Man unterstellt, sie sei untervögelt, kriege nicht genug Schwänze, und wünscht ihr (Gruppen)Vergewaltigungen. Und es wird noch deutlich abseitiger, wenn alle Schranken fallen und man ihr die Auslöschung androht, denn sie gehöre verprügelt, erschossen und verbrannt. Es sind keine Einzelfälle, die sich im 21. Jahrhundert mitten in Europa zum Teil anonym, zum Teil unter Klarnamen zu solchen Ausfälligkeiten hinreißen lassen. Und auch in weniger drastischen Kommentaren ihres „postmodernen Poesiealbums“ hagelt es persönliche Verunglimpfungen und Herabwürdigungen, etwa wenn ihr Geburtsland Polen demonstrativ in den Vordergrund gerückt oder an ihrem Aussehen herumgemäkelt wird. Sie habe, schreibt Stokowski, zum Beispiel bereits einen ganzen Ordner mit Kommentaren zu ihren Haaren. Da werde ihr etwa Geld für einen Friseurbesuch geboten, ihre Frisur als Trauerspiel bezeichnet, ihr dringend eine gepflegtere Frisur angeraten oder einfach nur, dass das „Mädchen“ „doch mal bitte einen Kamm in die Hand“ nehmen möge. Anmerkung: Das „Mädchen“ ist 1986 geboren und es ist wohl eher unwahrscheinlich, dass man im umgekehrten Fall einen 32-jährigen Mann als Bub, Buberl, Knabe oder Knäblein bezeichnen würde, im Gegenteil, er würde bestimmt als Prachtkerl im besten Mannesalter angesehen und seine Frisur wäre wohl kaum jemals Thema.

Vielleicht reagiere ich zu verbal

merkt Stokowski an, die seit 1988 in Berlin lebt, Philosophie und Sozialwissenschaften studierte und ihre Masterarbeit über den Begriff der Frau bei Simone de Beauvoir schrieb. Aber was bleibt einer von Berufs wegen anderes übrig, als mit Worten auf Taten, Tätlichkeiten und „unbedachtes Wörterkotzen“ zu reagieren, statt

Leuten, die etwas Blödes sagen, dann einfach auf die Fresse zu geben

wenn frau nichts anderes als sich verbal auszudrücken gelernt hat. Es ist eine Frage der Sozialisation, auch des Haushaltens mit den eigenen Kräften. Typisch Frau, könnte manch einer nun sagen. Womit wir, ach ja, schon mitten im Thema wären. Denn was ist es, das derartige Aversion und Aggression schürt und Menschen gegen die Journalistin zu Hasswort und Tat greifen lässt? Es ist – „[h]oppla, alle mal anschnallen“ – dieses böse F-Wort. Nein, nicht das übliche, Frauen schnell mal entgegengeschmissene „f... dich“, sondern viel, viel böser, also ganz bös, so sehr ganz bös, dass es böser kaum geht. Es lautet FEMINISMUS. O weh, wie eh und je, uijegerl: Eine Emanze also, schon wieder! Wos brauch ma des? Wer braucht denn des? Im 21. Jahrhundert? Die hat’s offenbar noch nicht kapiert. Ist eh schon alles irgendwie femi... was? Es rette sich schnellstens, wer kann, vor dieser gefährlichen, dieser extrem extremen Stokowski!

Für mich bedeutet Feminismus, sich dafür einzusetzen, dass alle Menschen die gleichen Rechte und Freiheiten haben sollen, unabhängig von ihrem Geschlecht, ihrer Sexualität und ihrem Körper, und damit es soweit kommt, müssen wir einiges umstürzen.

Umstürzen klingt jetzt schon ein bisserl rabiat, oder? Solch ein Umsturz ist ja wahrscheinlich nichts Harmloses, da kann man vielleicht schon mal prophylaktisch so richtig Angst kriegen, vor allem könnten diese Angst jene Leute kriegen, die lieber auf ihre Art friedlich gegeneinander leben. Allerdings präzisiert die Journalistin ihr Anliegen recht deutlich schon im Vorwort:

Feminismus [will] nicht die Umkehrung von Unterdrückungsverhältnissen, sondern ihre Abschaffung.

Feminismus sei daher immer auch antirassistisch und antiklassistisch, schreibt sie in einem ihrer Texte. Worauf Stokowski nicht extra hinweist, ist, dass es eher von Vorteil für die Lektüre ist, sinnerfassend lesen zu können. Weil ohne diese Kulturtechnik wird es offenbar ganz schnell ganz schwierig für manch Konsumierende, die den Inhalt vielleicht deshalb dann auch nur viertelgut, halbglatt, achtelverwirrt oder sechzehntelklar durchblicken. Dabei ist das Ganze eigentlich gar nicht so schwierig. Es geht um die gleichberechtigte Teilhabe für alle. Denn

Es ist nicht genug. Feminist*innen mussten sich zu jedem Zeitpunkt der Geschichte anhören, dass eigentlich alles okay wäre – wenn sie sich nur nicht so anstellen würden! Doch ein großer Teil unserer heutigen Freiheit ist den Kämpfen derer zu verdanken, die darauf bestanden haben, dass noch nicht alles gut ist, und die sich nicht einschüchtern ließen von Leuten, die ihnen erzählten, sie seien zu verbittert, zu naiv oder komplett verrückt.

Was nun das Buch betrifft: Man kann jetzt zum Beispiel häppchenweise einzelne Kolumnen oder gleich das ganze Buch auf einmal lesen, man muss aber nicht. Da steht keine peitschenschwingende Stokowski, die zum Lesen zwingt, sondern da zaubert eine mit leichter Hand kurzweilige Texte, die man einfach links oder, wem das ideologisch besser gefällt, auch rechts ablegen und dann dort liegen lassen kann. Weil, wie gesagt, den Zwang gibt es nicht, dass einem(r) jemand oder gar man/frau selbst sich das Lesen dieser Texte antut.

Aber:

Es soll zumindest nicht verschwiegen werden, dass man etwas versäumt, wenn man sie nicht liest! Denn die Feministin präsentiert präzise auf den Punkt gebrachte Beobachtungen, Reaktionen, Alltags- und Zustandsbeschreibungen, manchmal lakonisch im Ton, oft knackig, voll (trockenem) Sprachwitz, der manchmal Richtung Sarkasmus gleitet und mit einer gehörigen Portion Selbstironie garniert ist. Die Kolumnen richten sich an alle und sind zur Lektüre bestimmt sogar für den durchschnittlich lese- und humorbegabten, weißen, mittelalten, heterosexuellen Mann geeignet, obwohl er natürlich, auch wenn das Buch keinerlei Warnhinweise trägt, damit rechnen muss, dass seine ihn privilegierenden Eigenschaften weiß, mittelalt und heterosexuell, für die er nichts kann, weil er in die zuerst einfach hineingeboren und dann hineingewachsen ist, zuweilen in den Texten nicht gar so gut wegkommen, und er obendrein darauf (ge)stoßen wird, dass unsoziales Manspreading, Mansplaining oder Manterrupting keine von Frauen immens geschätzten Verhaltensweisen sind.

Mehr als 200 Kolumnen und zahlreiche Essays hat Margarete Stokowski in den Jahren 2011 bis 2018 verfasst, sie zuerst für die taz, ab 2015 wöchentlich für Spiegel Online produziert. 75 dieser Beiträge hat die Autorin nun für ihr aktuelles Buch ausgewählt und überarbeitet, mit Erläuterungen versehen, hat einige Leser*innenkommentare hinzugefügt und das Konvolut schließlich in zehn Kapitel gruppiert. Die Bandbreite der aufgegriffenen Themen, die um Aspekte feministischer Perspektiven und Anliegen kreisen, ist weit. Da geht es um Gendern, Sprachmacht und Sex, um politische Betrachtungen (das Recht auf Abtreibung, geschlechterdiskriminierende Werbung, Hartz IV, Umgang mit Flüchtlingen), feministische Flirtregeln (Sei kein Arschloch), komplexe Probleme (Regretting Motherhood, Lohnschere, Frauendressur, sexualisierte Gewalt, Hass) und alltägliche Hindernisse, etwa im Baumarkt dringend benötigte Arbeitslatzhosen nur in Männergrößen vorzufinden, oder als einzige Frau an einem Motorsägen-Lehrgang teilzunehmen.

In vielen Texten spricht ein „Ich“ und es ist stets klar, wer sich unverstellt an uns Lesende wendet. Stokowski setzt sich ein und damit aus, scheut sich nicht, zwischen den Zeilen oder explizit ihre Verletzlichkeit anzusprechen und lässt uns ahnen, wie sehr sie manche Kommentare irritieren,

Ich werde militant genannt, Feminazi, extremistisch und radikal, aber ich lebe nicht im Krieg. Ist es so weit gekommen, dass ich irgendwem erklären muss, was Krieg ist?

sie erschüttern, zuweilen kränken. Und sie lässt uns auch an ihrer Freude teilhaben, die manche Reaktionen bei ihr auslösen. Man muss die Autorin für ihre scharfe, analytische, manchmal polemische Zunge nicht mögen, aber man darf es. Denn ihre „Wörter sind relevant“. Dass sich Trolle wegen ihres Menschenrechts auf freie Meinungsäußerung in einen Machtrausch hineinphantasieren und ihr den Tod wünschen, weil sie sich nicht mundtot machen lassen will, weigere ich mich, verstehen zu wollen. Es braucht offensichtlich auch heute noch Mut, sich öffentlich als Feministin zu äußern. Margarete Stokoswki wahrt und zeigt ihre politische Haltung und lässt sich dabei nicht beirren. Sie bleibt in ihrem Eintreten für die feministischen Ziele so unbequem wie unbeugbar und weiß sich dabei als Teil einer langen Reihe von Vorgängerinnen, die wie sie gleiche Rechte und grundlegende Freiheiten für alle forderten. Sie zitiert die Frauenrechtlerin Hedwig Dohm, die schon vor über 100 Jahren erklärte:

Man kommt sich auf dem Gebiete der Frauenfrage wie ein Wiederkäuer vor.

Dohm hat in „Die Antifeministen“ bereits 1902 die den Feminismus von Anfang an und heute noch begleitenden antifeministischen Strategien hoffnungsfroh beschrieben:

Die Antifeministen halten die ... Intelligenzkräfte der Frau für eine Art geistiger Brunnenvergiftung, und sie schlügen die Rädelsführerinnen am liebsten – wenigstens mundtot. Hülfe ihnen nichts. Die Welt ist ein Riesenphonograph. Ideen, die einmal hineingesprochen, bleiben unauslöschlich darin haften. Sie klingen wieder, klingen wieder.

Anmerkung:

Es ist anzunehmen, dass sich neuerlich kritische Stimmen melden, die monieren, warum ein Werk wie dieses nicht von einem Mann rezensiert wird. Weil es doch interessant wäre, wie Männer solch ein Buch rezipieren. Finde ich auch. Die Antwort ist leider simpel: Es war keiner dazu bereit, weshalb die Besprechung letztendlich mir zufiel. Noch Fragen?

Margarete Stokowski
Die letzten Tage des Patriarchats
Rowohlt
2018 · 320 Seiten · 20,00 Euro
ISBN:
978-3-498-06363-4

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