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schliff Literaturzeitschrift, band 11 utopie
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schliff Literaturzeitschrift, band 11 utopie
Kritik

Kommt vor. Ist wirklich.

Der außergewöhnliche Roman „Leben verboten!“ Maria Lazars aus dem Jahr 1932 macht eine immer noch zu wenig bekannte Schriftstellerin (hoffentlich) bekannter
Hamburg

Beim ersten Nachhall dieses Buches im Kopf dachte ich: ein bisschen eine Räuberpistole. Das stimmt, aber anders als ich dachte. Der zweite Eindruck trog also und ich sah nur den winkeligen Plot. Worum geht es da?  

Ernst von Ufermann, Bankier, hat ein Problem: Durch die Wirtschaftskrise 1929/30 ist sein Haus ins Schlingern geraten, er muss von Berlin nach Frankfurt fliegen, um einen etwas unangenehmen älteren Herrn um Unterstützung zu bitten. Zuerst kleiner Abstecher zur Geliebten Lilo, dann zum Flughafen, wo ihm Börse und Papiere gestohlen werden. Er fliegt nicht. Das Flugzeug stürzt ab, alle Insassen sind bis zur Unkenntlichkeit verbrannt. Advantage Ufermann: fette Versicherungssumme für seine Frau, Firma gerettet. Das ist zwar nicht der Grund (der bleibt immer schön abgeschattet, also unerklärt), aber von Ufermann kehrt nicht in seine alte Identität zurück, landet vielmehr bei einer Prostituierten, deren „Verlobter“ Ufermann das Angebot macht, ein ominöses Päckchen nach Wien zu bringen. Dafür gibt´s neue Papiere, also zumindest einen neuen Namen. In Wien gibt Ufermann das Päckchen bei einer mehr als windigen Truppe von Burschenschaftlern ab. Er will in Wien bleiben (warum auch immer), bekommt von der Mutter des einen Burschenschaftlers, Rudi Rameseder, ein Zimmer zur Untermiete. Jetzt kommt eine der Stärken dieses Romans: die dichte Beschreibung von Individuen, die zugleich auch immer beispielhaft soziologische Charaktere verkörpern und zwar Verlustcharaktere der Zwischenkriegszeit. Dabei werden sie so beschrieben, dass sie sich in halbmonologischen Tiraden selbst darstellen. Da ist die Frau Rameseder, Generalstochter, verarmt, doch auch still gedemütigt, dass sie Untermieter zu sich nehmen muss. Ihr Mann: gealterter Hofrat, auch da sind die besten Zeiten längst vorbei oder es gab sie nie, weil: fanden nur im Hofratskopf statt (wer weiß). Und schließlich ist da (aber mehr als eine „bloß“ soziologische Figur), „Mutz“, die junge, aufgeweckte Rameseder-Tochter, die sich in Ufermann verliebt. Dann ist da noch Monika, das Hausmädchen, das uns noch begegnen wird. Über Mutz lernt Ufermann Susi, eine der Töchter des jüdischen Professors Frey kennen, mit dem er eingehende Gespräche über die wirre Gegenwart führt.  

Wie die Zeit so zieht, geht Ufermann das Geld aus, er driftet durch seine neue Identität, die für ihn ja auch eine Art Nicht-Identität, Nicht-Existenz ist oder eine Art Moratorium von seinem (wirklichen?) (Berliner) Leben darstellt. Ufermann fühlt sich gedrängt, wieder nach Berlin zu gehen. Doch machen ihm die windigen Burschenschaftler einen Strich durch die Rechnung. Es handelt sich um Rechtsextreme, die befürchten, er könne sie verraten. Ufermann wird in seinem Zimmer eingesperrt. Auftritt wieder Monika (mit der Ufermann auch einmal schläft, sie wird später an den Folgen einer unsachgemäßen Abtreibung sterben) und ihr Freund, der Arbeitslose Javornik, der im Haus Rameseder mal dies und das repariert. Ufermann übernimmt Kleidung (und Identität?) Javorniks, so kann er fliehen. So kommt er in Berlin an, in den Proletarierkleidern Javorniks steht er vor seiner ehemaligen Villa, aber in dieser neuen Identität (Kleider machen Leute: auch klein) wird er nicht erkannt, als Bettler der Tür verwiesen. Inzwischen hat sein früherer Kompagnon Paul seine Frau geheiratet, Ufermann geht zu Paul, der bietet ihm Geld, auf dass er verschwinde: wie sollte man so einen Tod denn rückgängig machen können?

Weiterer Winkelzug des Plots: vor seinem Verschwinden, aber nach dem Flugzeugabsturz, hatte Ufermann zu Hause angerufen, damals war Frau Köhler, die Haushälterin am Apparat. Jemand wusste also, nun: die Wahrheit. Inzwischen wird sein Tod von einer Zeitung in Zweifel gezogen. Um sich wieder in seine alte Identität zu häuten, nimmt er mit dieser Kontakt auf. Auftritt: ein windiger Erfolgsschriftsteller, der eine fette Story wittert.

Aber man kennt das ja: Betrüger lauern überall. Ufermanns neue-alte Identität muss irgendjemand bestätigen. Lilo, ehemalige Geliebte, erkennt ihn wieder. Seine Mutter hingegen: nicht so. Wirklich nicht? Eine halb bewiesene Identität ist nur halbe-halbe und damit: nichts. Daher will Ufermann nach Wien, um dort zumindest die Wiener Episode bestätigen zu lassen. Wer aber soll dort seine – ehedem neue – Identität bestätigen? Rudi Rameseder? Der hat sich, nachdem einer von seinen windigen Freunderln in einen Mord an einem jüdischen Schriftsteller verwickelt war, nach Ungarn abgesetzt. Auf nach Budapest. Auf der Rückreise wird eine Brücke in die Luft gesprengt – jetzt stirbt Ufermann aber mal wirklich – kommt vor. Ist wirklich, wie es an einer Stelle des Romans heißt. So also der Plot, aber wer hat diesen Roman verfasst?   

Maria Lazar ist immer noch viel zu unbekannt. Daher sind Herausgebertätigkeit und instruktives Nachwort Johann Sonnleitners nicht genug zu loben. Er hat eine Fülle weit verstreuter Informationen recherchiert und bietet sie kompakt dar. Und weil Lazar noch zu unbekannt ist,  mag hier eine Skizze ihrer Biographie am Platz sein.

Lazar wurde 1895 in Wien als Tochter des Bahnbeamten Adolf Josef Lazar und Theresia Caesarine Seligmanns geboren. Sie hatte sieben Geschwister, unter ihnen Erwin Lazar (1877-1932), ein bekannter Kinderpsychiater, Ernst Alois August Lazar (1890-1976), Anwalt, Otto Lazar (1891-1983), Bibliothekar sowie Auguste Lazar (1887-1970), eine „berühmte Kinderbuchautorin“, die, wie Sonnleitner schreibt, „als eine der Begründerinnen der sozialistischen Kinder- und Jugendliteratur“ gilt.  

Maria Lazar besuchte eine  Reformschule, wo unter anderem Adolf Loos und Oskar Kokoschka unterrichteten. Sie schrieb früh einen Roman, 1921 wird in der Neuen Wiener Bühne ein Einakter von ihr aufgeführt, expressionistisch gefärbt (was man ihrem Stil auch in Leben verboten! anmerkt). Ende 1922 wird sie Journalistin (auch das merkt man Leben verboten! an: Lazar kann rapido und pointiert beschreiben), 1923 heiratet sie Friedrich Strindberg, Sohn Frank Wedekinds und Frieda Uhls (die wiederum mal mit August Strindberg verheiratet war), 1927 Scheidung, als alleinerziehende Mutter einer Tochter arbeitet sie als Übersetzerin aus dem Schwedischen und Dänischen, ihre eigene literarische Produktion wird erst erfolgreich als sie unter dem skandinavelnden Pseudonym Esther Grenen publiziert. Mitte 1933 schon emigriert sie mit ihrer Tochter Judith aus Wien nach Dänemark, bis 1935 lebt sie in einem Haus im dänischen Thuro (wo, nebenbei, ein Teil der Bibliothek Walter Benjamins untergebracht wird), 1939 muss sie mit Judith weiter nach Schweden emigrieren. Lazar litt an einer chronischen Krankheit, Morbus Cushing (eine Überfunktion der Nebenniere, die u.a zu Bluthochdruck, Diabetes führt), deretwegen sie in London behandelt wurde. Wohl aufgrund dieser Erkrankung nimmt sich Maria Lazar am 30. März 1948 in Stockholm das Leben.  

Jetzt also dieser Roman, bisher nur in gekürzter englischer Exilausgabe von 1934 verfügbar, als deutsche Erstausgabe der Originalfassung von 1932.  

Was macht diesen Roman so interessant? Unter anderem und sehr versimpelt: Das Oszillieren der Sprache zwischen Expressionismus (Satzbau) und Neuer Sachlichkeit. Man kommt sich vor wie in einem Film aus den 20ern (aber nicht im Nachgemachten von Berlin Babylon). Besonders gut: viele der Bilder, die Lazar (er-)findet. Da mag einiges einfach „nur“ klasse sein. So zum Beispiel, wenn Ufermann im Zug sitzt und die Mitreisenden beschrieben werden: „Dem einen spannt die Haut sich rosig über ein rundes Kindergesicht, wie kleine rote Beutel hängen die Hände ihm über die Knie.“ Oder wenn Mutz beschrieben wird: „So ein frisches Gesicht mit vollen Lippen und festen breiten Zähnen. Schade, daß diese etwas schief sitzen, als hätte man sie eilig eingesetzt mit einem heftigen Ruck.“

Aber meist charakterisieren Lazars Beschreibungen in wenigen Worten eine Person, eine Situation, den Kontext einer Situation.

Einige Beispiele: Javornik, der arbeitslose Freund des Hausmädchens Monika, wird folgendermaßen gezeigt:

„Immer hängt ihm eine Zigarette im Mundwinkel. Aber er raucht sie nicht. Es ist eben eine arbeitslose Zigarette.“

Oder: Beschreibung des Villenviertels, in dem Ufermann in Berlin lebte:

„Aus den Alleen ist das Herbstlaub weggefegt, nicht ein Papierschnitzel verunreinigt den Asphalt. Der ganze Villenvorort gleicht einer großen und bequemen Wohnung, frühmorgens aufgeräumt von einer wohlgeschulten Dienerschaft.“

Das ist nicht bloß spöttisch, das zeigt in einem Bild präzis die Klassengesellschaft der Weimarer Republik.

Weiteres Beispiel: Lazars Charakteristik Irmgards, der Frau Ufermanns. Das Verhältnis der beiden ist so lala, beidseits. Aber:

„Und im Übrigen hatte sie immer alle ihre Pflichten erfüllt. Alle ihre Pflichten. Sofern sie nicht zu krank gewesen war. Und er war immer zart und rücksichtsvoll zu ihr gewesen. Der gute Junge. Sie braucht sich gar nichts vorzuwerfen, sie gab ihm alles, was eine Frau dem Manne, den sie liebt, nur opfern kann. Nun weilt der einzige, dem sie sich offenbart hat, nicht mehr auf dieser Erde. Sie wird sich in Schleier hüllen, Witwenschleier.“

Wenige Worte und man hat  psychologische Charakteristik, Frau-Mann-Verhältnis, Verlogenheit, soziale Konvention.

Es ist immer etwas stereotyp, einen Roman als „hellsichtig“ zu bezeichnen. Hier aber trifft das Wort zu. Lazar emigrierte aus Österreich lange bevor es wirklich ‚nötig‘ gewesen wäre. Eingestreut in den Text sind Wahrnehmungen zunehmender Bedrohlichkeit, so wenn Ufermann Zeuge antisemitischer Pöbeleien in Wien wird. Noch deutlicher wird die Bedrohung, wenn sich Ufermann mit dem Intellektuellen Frey oder einer seiner Töchter unterhält. Freys eine Tochter, Else, drängt ihren Vater – schon 1931! -, er solle emigrieren:

„Ja, einfach fliehen. Und deinen Freunden in Genf und London und Paris (…) die Augen öffnen.“

Frey selbst scheint einerseits eine Art intellektuelles Alter Ego Lazars wie auch die Verkörperung der Vernunft, der langsam abdankenden Ratio zu sein, die sich einer Wirklichkeit gegenüber sieht, die man nur noch als Kolportage, als eine wirre Räuberpistole, wahrnehmen kann. So erscheint Ufermann, was er wahrnimmt, so „unwirklich wie die ganze Welt der Kolportage, in die er da geraten ist. Er hatte diese Welt bisher so wenig ernst genommen wie einen Detektivroman.“ – Aber dazu ist die Welt inzwischen geworden, weil sie die unendliche Verlängerung des Ersten Weltkriegs darstellt. So jedenfalls sieht es Frey, was deutlich wird, wenn man einen Dialog zwischen ihm und Ufermann liest (den ich hier, auch wenn es umständlich ist, in Gänze wiedergebe, weil er Lazars Fähigkeit verdeutlicht, in Rede und Gegenrede the point zu entwickeln):  

Ufermann: „Wie schön Sie es hier haben. Wie friedlich. Wie unwahrscheinlich.“
Frey: „Unwahrscheinlich? Ja, Sie haben Recht. Was heute friedlich ist, wird unwahrscheinlich.“
Ufermann: „Sie sprechen, als wären wir noch im Krieg.“
Frey: „Das sind wir auch. Der Krieg hat noch nicht aufgehört, mein lieber Freund, er hat nur die Schauplätze gewechselt.“
Ufermann: „Wie meinen Sie das, Herr Professor?“
Frey: „Er ist, einstweilen noch, ins Hinterland gezogen, versteckt sich in Wirtshauskellern und Versammlungssälen. Seine Meldereiter sind Attentäter, Abenteurer und Verschwörer. Sie predigen das Evangelium der Ausrottung des Nächsten. Das ist ein sehr verlockendes Evangelium in einer Zeit, in der es zu viele Menschen und zu wenig Arbeit gibt.“
Ufermann: „Das heißt also: Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen.“
Frey: „Man kann auch sagen: Soll verhungern. Oder sonst wie aus der Welt geschafft werden. Es gibt ja allerlei Methoden. Das Menschenleben hat jeden Wert verloren, man kennt dafür jetzt nur mehr einen Preis.“

Schon allein wegen dieses Dialogs, Räuberpistole hin oder her, lohnt es sich, diesen Roman zu lesen.

Maria Lazar
LEBEN VERBOTEN!
DVB - das vergessene Buch
2020 · 380 Seiten · 26,00 Euro
ISBN:
978-3903244030

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