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endgültig entwest

Hamburg

Die erste Lyriksammlung in deutscher Übersetzung (Olga Radetzkaja) von Maria Stepanova bringt Suhrkamp unter dem Titel Der Körper kehrt wieder heraus. Es handelt sich um drei Langgedichte, das titelgebende, Spolia sowie Krieg der Tiere und Untiere. Stepanova zeigt sich als nahbare Vernäherin einer Historie in Bildern, die sich zwischen Aufwerfen, Anfragen, Abtragen bewegen – wie Veränderungen eines Klimas nicht nur auf den (Permafrost-) Boden einwirken, hier gerät etwas in die Konsequenz: „wie wenn man verwirrt das wort mit dem haken dran ausspuckt“.

Stepanova leuchtet gespitzt wie gewandt in den notwendigen Auftrieb der Körper hinein, knüpft Brücken zur Moderne, wirft mit allerhand Sprengseln aus Anglizismen, sprichwörtlichen Lexemen oder Mikroinstanzen, oft auch im Wortspiel perspektiviert. Übersetzerin Radetzkaja spürt mutig hinein, lässt die drei Gedichte in vielen Tonlagen branden.

Sie liegen unter Parkhäusern,
Unter Start- und Landebahnen,
Wo dünnes Eis dem Gras die Finger festhält,
Wo blaue Lichter klug verteilt sind,
Wo gewaltige Dinge fliegen ohne unser Zutun.

[...]

Und dieser schrottige, dünne Frühling:
Wie eine kleine Krankenschwester, die barfuß in Clogs
Aus dem OP nach draußen läuft
Auf eine Zigarette im Hof.

Stepanova beherrscht das Zurren im Verspielten und das Loslassen im selbstgesteckten Viereck. Der Körper kehrt wieder ist strukturell an ein rückwärtslaufendes Alphabet gepinnt. Er zitiert einige „Größen der Weltlyrik“ auf unaufdringliche Weise, fast Zuneigung. In Spolia spürt man ein wenig den Atem der Konstruktivisten:

geh hinaus von mir ich bin ein sündiger mensch
sagt das adlerweibchen dem gegenwind

geh hinaus von mir ich bin kein standhafter mensch
sagt den händen der rote lehm

geh hinaus von mir
ich bin gar kein mensch
ich bin einfach ein aufnahmegerät

trrrrrrr tschirrr tschiwirr
bii birr birr biiirrr

Das letzte Gedicht im Band Krieg der Tiere und Untiere ist das Verspielteste. Es wird vexiert, das Bild im Bild gegenkonturiert.

ljosch he ljosch
gib mal feuer
sagt der tote zum toten
der erschlagene zum erschläger

Maria Stepanova ist eine völlig zurecht „weltliterarisch“ (Klappentext) genannte Autorin. Sie scheint in vielen Genres innovativ, bisher allein 12 (!) Gedichtbände, und könnte durchaus als das Gegenteil einer Insel apostrophiert werden. Der Körper kehrt wieder ist eine null verschwellte Exkursion, eine zugängliche Lyrik, die sich dennoch an Stellen rückhermetisiert, wo die Regler eventuell auf „Pop“ stehen könnten. Das Gespür spricht für Stepanova. Sehr lobenswert, dass der Band durchgängig zweisprachig abgedruckt worden ist.

Maria Stepanova
Der Körper kehrt wieder
Übersetzung:
Olga Radetzkaja
Suhrkamp
2020 · 138 Seiten · 22,00 Euro
ISBN:
978-3-518-42967-9

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