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Johanna Hansen Zugluft der Stille
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Johanna Hansen Zugluft der Stille
Kritik

Berlin im weißgoldenen Champagnerbad.

Mariam Kühsel-Hussainis Roman „Tschudi“ scheitert an seiner Gefälligkeit
Hamburg

Die Berliner Schriftstellerin Mariam Kühsel-Hussaini, geboren 1987, hat nach drei Romanen bei einem kleineren Verlag mit „Tschudi“ nun ihr Debüt bei Rowohlt vorgelegt – dem Verlag, dem derzeit noch der Kunsthistoriker und frühere Gesellschafter des Auktionshauses Villa Grisebach, Florian Illies, vorsteht. Das ist auch deswegen erwähnenswert, weil das Buch aufgrund seines anekdotisch-episodenhaften Charakters gewisse Parallelen zu Illies’ Sachbuch-Bestseller „1913. Der Somme des Jahrhunderts“ (S. Fischer 2012) aufweist, auch wenn es sich dabei um ganz unterschiedliche Genres handelt.

In „Tschudi“ erzählt Kühsel-Hussaini die Geschichte des Kunsthistorikers Hugo von Tschudi, der 1896 die Leitung der Berliner Nationalgalerie übernahm. Unterstützt von seinem Freund Max Liebermann machte er sich daran, das Haus von einem führenden deutschen Museum in einen Ausstellungsort europäischen Formats weiterzuentwickeln – auf Augenhöhe mit der Londoner National Gallery und dem Pariser Louvre. In Paris kaufte Tschudi die Werke französischer Impressionisten wie Monet, Rodin und Degas, um sie in Berlin erstmalig einem deutschen Publikum zu präsentieren. Arbeiten wie Manets „Im Wintergarten“ gelangten so in den Besitz der Nationalgalerie. Kulminationspunkt von Tschudis Wirken und auch von Kühsel-Hussainis Roman ist die Berliner „Jahrhundertausstellung deutscher Kunst“ 1906, ein Überblick deutschen Kunstschaffens zwischen 1775 und 1875. Den Erfolg und die damit verbundene Anerkennung nutzte Tschudi dazu, weitere ausländische, vor allem französische Modernisten (Courbet, Géricault) nach Berlin zu holen.

Dass das nicht von allen gleichermaßen goutiert wurde, überrascht nicht. An oberster Stelle der Tschudi-Kritiker rangierte kein Geringerer als der Deutsche Kaiser, für den Franzosen in einem deutschen Museum per se nichts verloren hatten, und mit deren Kunst, vor allem wenn sie modern war, er nichts anzufangen wusste. Kunst sollte aus Sicht Wilhelms II. nicht Eindrücke wiedergeben, sondern historische Wahrheiten – am besten in Form gewonnener Schlachten. Weswegen er die Werke eines Anton von Werner schätzte, dessen großformatige Historienbilder dafür gemacht waren, die Herrschenden und Siegreichen ins rechte Licht zu rücken.

Womit man bereits tief in das Thema von Kühsel-Hussainis Roman vorgedrungen ist, bei dem es im Kern um den Widerstreit unterschiedlicher Geschmäcker und Denkrichtungen am Übergang vom Klassizismus in die Moderne geht sowie die daran geknüpften Machtkämpfe um Posten und Einfluss.  

Das Buch vermag den Leser von Anfang an zu fesseln. Kühsel-Hussainis sprachliche Ausdruckskraft ist bemerkenswert und zurecht hochgelobt, insbesondere in ihrer Fähigkeit, individuelle Nuancen hervorzuheben; von barock-saftig, wenn sie August Rodin porträtiert, der „vollen Mundes, dabei sauf-schlürfend“ von den „nackten Titten – ja, er sagte nichons“ seiner Modelle schwärmt, bis zartfühlend-sensibel, wie in den Abschnitten, die die entstellende Wolfskrankheit Tschudis behandeln, welche er hinter einer eigens für ihn entworfenen Gesichtsmaske zu verbergen suchte. Überhaupt gehören jene Teile, die Tschudis Leiden und Selbstzweifel thematisieren, die einsetzten, sobald er alleine war, und die im diametralen Gegensatz zu seinem äußeren Auftreten standen, mit dem er sogar den Kaiser einzuschüchtern vermochte, zu den stärksten Passagen des Romans.

Und dennoch beschleicht einem mit fortschreitender Lektüre das Gefühl, ja der Verdacht, in eine Falle gelockt zu werden, deren Köder die eigene intellektuelle Eitelkeit ist. Denn je mehr man liest, desto unsicherer wird man, woran genau man sich eigentlich begeistert – am Erzählten, oder am eigenen Bildungsfundus, den das Buch vortrefflich in Erinnerung zu rufen vermag?

Die 72 Kapitel bestehen in erster Linie aus der Aneinanderreihung einer Vielzahl der herausragenden Akteure der deutschen und französischen Kunst- und Kulturgeschichte des 19. Jahrhunderts. Als verbindendes Glied fungiert dabei der zweifellos bemerkenswerte Hugo von Tschudi. Man erfährt wie Tschudi mit Liebermann in mondäner Berliner Umgebung zu Abend isst; wie der junge Max Slevogt Tschudis Frau und Leo von König dessen Sohn porträtiert; man unternimmt einen Ausflug ins Atelier Adolph von Menzels, diniert mit Rodin, korrespondiert mit Gerhart Hauptmann, Cosima Wagner und Käthe Kollwitz, besucht Arnold Böcklin und Max Reinhardt. Dazu wird über das blasierte Dandytum eines Harry Graf Kesslers gelästert und viel Nietzsche zitiert. Das alles ist unterhaltsam, reicht aber übers Anekdotenhafte selten hinaus.

Hinzu kommt, dass sich das Buch über weite Strecken mit einer allzu schablonenhaften schwarz-weiß-Dichotomie zufriedengibt. Hier der Kaiser mit seiner Gefolgschaft aus rückwärtsgewandten Jasagern und Deutschnationalen; da die progressive Kunstavantgarde um Hugo von Tschudi, deren Wirken durch die Intrigen der Ewiggestrigen torpediert wird. Auch wenn man das aus heutiger Sicht so unterschreiben kann, in der im Roman dargestellten Absolutheit ist diese Sichtweise doch irritierend, weil allzu bequem und letztlich auch wohlfeil. Offen bleibt auch, was genau der am Ende eingeflochtene Eulenburg-Skandal, bei dem es um angebliche homosexuelle Netzwerke im direkten Umfeld Wilhelms II. ging, zur Romanhandlung beitragen soll. Abgesehen davon, dem Buch noch eine weitere, zugegebenermaßen besonders deftige Anekdote hinzuzufügen. 

Kühsel-Hussainis Roman ist so angelegt, dass er die Erwartungen vieler Leserinnen und Lesern sowie Kritikerinnen und Kritikern erfüllen dürfte. Anders gesagt, „Tschudi“ ist ein gefälliges, allzu gefälliges Buch, das dem kulturell Belesenen auf eigenartig-altmodische Weise schmeichelt. Dem letztlich aber fehlt, was moderne Kunst einst erfolgreich zu etablieren vermochte: Ambivalenz und Vielschichtigkeit.

Mariam Kühsel-Hussaini
Tschudi
Rowohlt
2020 · 320 Seiten · 24,00 Euro
ISBN:
978-3-498-00137-7

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