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Kritik

Der Satz arbeitet, er arbeitet sich vor

Hamburg

"Die Lebensweisheit gehört zu den unterschätzten literarischen Gattungen", schreiben die HerausgeberInnen Mariana Leky und Jo Lendle über das Thema der dritten Akzente in diesem Jahr. Nach der Lektüre dürften die armen Lebensweisheiten sicher nicht geschätzter sein. Das Heft ist in der Mehrheit keine literarische Auseinandersetzung, sondern eher die Beilage einer Sonntagszeitschrift geworden, denn über die Hälfte der offensichtlich angefragten AutorInnen setzen sich mit dem Thema auf dem Horizont einer spontanen Interviewantwort auseinander, und von diesen die Mehrheit wiederum schreibt ein Memoir, dessen Privatheit einem kaum etwas sagt. Sprich: eine künstlerische Antwort oder Auseinandersetzung bzw. literaturkritische oder -historische findet in dieser Ausgabe nicht statt. Ausnahme: die Original-Beiträge von Rupprecht Mayer und Lavinia Greenlaw, und in Abschnitten die beigelegten Briefe aus der Feder Elias Canettis als Prospekt des neuen bei Hanser erscheinenden Bandes. Gewiss ist die literarische Bedeutung einer sogenannten Lebensweisheit selten als solche betrachtet , gar überhaupt als Genre / Form gesehen worden. Nach herkömmlichem Verständnis dient sie als Aktivum der Sprache und wenn überhaupt, dann als Diskreditierung innerhalb eines literarischen Textes, weil die Autorschaft sie wie ein Sprachmöbel irgendwo abgestellt hat und als unkritische Hülse statt als Chance verwendet hat, so oder so ähnlich. Aber die Themenbehandlung hier entspricht der Lebensweisheit als Lebensinhalt und mithin Sprachinhalt des aktiven und nicht des geschriebenen Wortes. Die Frage hätte beispielsweise auch lauten können, was halten Sie von Tieren? Haben Sie damit zu tun gehabt und wenn ja, inwieweit beeinflusst Sie das?

Sylvie Schenk schreibt in Rekurs auf Chris Marker: "Humor ist die höfliche Seite der Verzweiflung, [...damit] kann ich mich bis heute ganz und gar identifizieren." Jan Böttcher, von dem das titelgebende Zitat stammt, erzählt von Föhr und seiner Großmutter. Maxi Obexer von einer Begebenheit in den Bergen, die sie erinnere, dazu Mutter und junge Katzen. Dörte Hansen sei eine Sprichwortsammlerin, schreibt sie, wohingegen Andreas Maier "Sinnsprüche natürlich vollkommen idiotisch findet", er gleichzeitig aber ein Motto für sich und sein Leben gefunden habe, das nur aus zwei Worten bestehe, die er an dieser Stelle aber nicht entweihen möchte und daher für sich behält.

In den eingeschobenen Briefen Canettis steht:

Es gibt ein ganzes Parlament von Menschen in mir, die ihre jeweilige Kultur am reinsten verkörpern. Auch dieses Parlament ist, wie es sich gehört, von Zeit zu Zeit wiedergewählt worden. Es soll ihm keinen Abbruch tun, dass ich der einzige Wähler bin.

Simone Buchholz schreibt das erste gelungene Textlein, wenn auch wiederum ein Memoir, jedoch hier als erzählte Form mit der Möglichkeit einer lesenden Teilhabe. Es geht um eine Nachtbeziehung, mit eigenen besonderen Regeln. Ihre knappe-harte Sprache erörtert die Herkunft von: "Ein Käsebrot kann Leben retten." Ab hier wird die Ausgabe original-literarisch und nach Meyers "lebensweisheitsgetränkten" Prosaminiaturen folgen metaphysische Gedichte von Lavinia Greenlaw, in denen sie schreibt:

Ich schlucke eine Pille zur Heilung
von der Lichtgeschwindigkeit.

Zurück geht es in die Interviewantworten. Max Scharnigg bettet eine gefundenen Lebensweisheit in das Portrait eines belgischen Mitreisenden ein, der Stühle herstellt und im verspäteten Flug gesagt haben soll: "Was mit der Flöte kommt, geht mit der Trommel davon." Michael Ebmeyer macht sich Gedanken zum Umgang mit jenen Lebensweisheiten und generalisiert sie zunächst als mehrheitlich "gehässig und bräsig", um später eine Lanze für Glückskekse und ihre Inhalte zu brechen. Sein Beitrag ist mit gehässig und bräsig am ehesten beschrieben.

Amitava Kumar schreibt ein recht lesenwertes Memoir über seine Begegnung mit einem tape, das eine Aufzeichnung eines gut besuchten Vortrages von Osho enthält, der über den Verlust des Wortes Gott aus der Sprache und dem damit einhergehenden Eintausch des Wortes fuck an dessen Stelle spricht. Ein merkwürdiges Dokument, das zwischen der Entlarvung und dem Rätsel des beängstigenden Erfolges jenes Gurus steht. Dazu schildert er eine offensichtlich rassistische Episode aus dem Leben in jenem Büro, wo das Osho-tape rauf und runtergespielt wird. Neben Buchholz' Beitrag der gelungenste in diesem Heft, dass mit einer brieflichen Antwort/ Verweigerung von Annette Mingels, sich der Anfrage zu stellen endet und ebenfalls in ein privates Memoir gleitet. Der wenig gelungene Schlusspunkt einer wenig gelungenen Ausgabe einer literarischen Zeitschrift. Ein anderes Zielpublikum mag hierin vielleicht mehr finden. Immerhin ist das Geschlechterverhältnis der Beitragenden seit langem einmal ausgewogen.

Mariana Leky (Hg.) · Jo Lendle (Hg.)
Akzente 3 / Lebensweisheiten
Hanser Verlage
2018 · 96 Seiten · 9,60 Euro
ISBN:
978-3-446-26085-6

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