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Kritik

Selbstbewusste Verletzlichkeit

Hamburg

Lyrischer Wiedererkennungswert wächst einer auktorialen Instanz meist im Verlauf eines Lebens allmählich zu, doch unter bestimmten Umständen bildet sie sich auch als eine Art von Selbstbehauptung schon früh heraus. Die 1982 geborene Freiburgerin Marie T. Martin hat am Literaturinstitut Leipzig studiert und dabei von Anfang an einem dort nicht selten auftretenden intertextuellen Gemeinschaftssound widerstanden. Eine Ausbildung zur Theaterpädagogin zeugt auch von ihrer Affinität zur Bühne, die sie unter anderem 2014 mit "Love Songs for Heim@t", einer "Oper im urbanen Raum für drei Stimmen, Instrumentalensemble und Projektchor" zusammen mit der Kölner Komponistin Christina Cordelia Messner in Szene setzte. Auch im Bereich Hörspiel, Erzählung und kleiner Prosa ist Marie T. Martin tätig. Daneben hat sie seit 2002 immer wieder Stipendien und Förderpreise vor allem für ihre auch in zahlreichen Zeitschriften und Anthologien veröffentlichten Gedichte erhalten; so zeugen etwa das Rolf-Dieter-Brinkmann-Stipendium 2008 oder der Mörike-Förderpreis der Stadt Fellbach 2018 von einer anhaltenden Anerkennung der Fachwelt. "Rückruf" ist nun nach dem beeindruckenden Debut "Wisperzimmer", das 2012 ebenfalls beim Print-Verlag des literarischen Internetforums Poetenladen erschien, die lange erwartete Fortsetzung ihres lyrischen Werkes.

"Rückruf" scheint schon beim ersten Ansehen ein Buch aus der Zukunft zu sein: Das Erscheinungsjahr gibt der Verlag des Poetenladens mit 2021 an, obwohl es bereits am 20. Oktober diesen Jahres offiziell erschienen ist. Vermutlich liegt es nur an den auch auf dem Buchmarkt coronabedingt verlangsamten Abläufen von Premieren und Vermarktungswegen, am Einkalkulieren vielleicht auch in naher Zukunft wieder drohender Zwangsschließungen von Buchhandel und Bibliotheken. Ein so schöner Gedichtband gehört ja wenigstens topaktuell auf den Tisch, wenn es dann frisch durchgeimpft irgendwann wieder losgeht. Doch auch inhaltlich passt dieser Umstand recht gut, spielt doch Martins "Rückruf" ohnehin virtuos auf der Klaviatur der Zeitstrukturen, wobei es hier ganz häufig eher um Einlassungen zu Vergangenem geht, die ein Erinnern infrage stellen:

[...] Gestern gibt es nicht,
das ist nur ein seltsames Tier,

das mir und dir davonläuft. [...]

Das Erinnern im Sinne von Wiederaufruf von früheren Erlebnissen und Gefühlswelten ist aber offenbar auch nicht das, worum es Marie T. Martin geht. Es ist mehr eine gewisse Zeitgleichheit des Lebens, die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nicht mehr als linear, sondern als untrennbar miteinander verwoben erscheinen lassen:

Nebeneinander gehen

Die Bewegung des Gehens
der Versuch das Gehen zu beschreiben

gehen wir weiter während
die Stadt sich versetzt 

während Kräne in die Luft wachsen
wie Schachtelhalme zurück in die Urzeit

geht dieses Gehen neben uns? Liegen
wir. Und die Luft? Ist sie Hülle oder

spannt sie uns auf?

Das Er-Innern ist also eher so etwas wie eine überzeitliche (und auch über-räumliche) Umschau im eigenen Selbst. Diese Umschau freilich beschränkt sich nicht auf das Innere des lyrischen Ichs, es macht genauso auch externe Beobachtungen, die nicht selten in einen ganzen Katalog von Fragen münden, die, wie könnte es auch anders sein, im Wesentlichen unbeantwortet bleiben. Gute Gedichte haben in der Regel keine Antworten, sie geben der Leserschaft die Schönheit der Fragen zu erkennen. Darin ist Marie T. Martin eine wahre Meisterin.

Augenblick

Aus welchem Grund kommst du
wurzellos hierher? Wieviele
Buchstaben hat das Alphabet
der Wahrnehmung? Fliegen die
Zugvögel immer in gleichen
Gruppen? Bist du wenn du aus
der Küche zurückkommst immer
noch der Selbe? Erkenne ich dich
nicht wieder oder habe ich mich
so sehr verändert während der
Kaffee durchgelaufen ist?

Die scheinbare Zusammenhanglosigkeit entpuppt sich beim Wiederlesen eher als eine Art assoziative Rankhilfe, an welcher sich der eigene Geist entlangbewegen kann. Als lege uns die Dichterin versteckte Steine in mooriges Gelände, auf denen wir uns fortbewegen können, wenn wir  aufmerksam genug sind, sie zu finden. Und doch relativiert sie auch gleich wieder diese Form der Annäherung: "Oder ich suche nach etwas, das keinen Boden hat / und trotzdem trägt", wie es an anderer Stelle heißt.

Es ist viel Natur in diesen Texten, fast magisch mutet sie das Lesepublikum in den Wendungen von Marie T. Martin an. Maulwurf, Brombeere, Kaulquappe treffen unvermittelt aber auch nicht selten auf ein "Mealticket", die "Kalligrafie von Reifen" oder einen "Wolkenshop". Die Zaubersprüche der Dichterin sind Beschwörungen einer Nachmoderne, die ein tiefes Wissen um Traditionen und das Wesen des Hier und Jetzt in sich vereinen. Diese Verse sind auf eine zurückhaltende Art voller Leben und Wärme. Nichts bordet über, alles wirkt ästhetisch gezügelt, aber gleichzeitig auf eine vollkommen ungekünstelte Art und Weise, als flögen Marie T. Martin nicht nur die Worte, sondern auch ihre Ordnung zu. Das Sprachlaborhafte lyrischer Werkstätten scheint diesen Wendungen fremd. Dabei sind sie durchaus selbst Labor, eine Kette von Reaktionen aus Traum und Realem, doch die Lyrikerin kennt nicht nur den Inhalt ihrer Reagenzgläser sehr genau, sondern auch das jeweilige Dosierungsverhältnis. Und deswegen drängt sie uns keine Letztgültigkeit auf, bewahrt das Offene des Gedichts, die eigene Suche ihrer Lesenden. Ihre Verse sind gleichermaßen selbstbewusst wie verletzlich.

Die wache Weltverbundenheit menschlicher Existenz spricht aus den Texten von Marie T. Martin. Entgegen allem verderblichen Wirken, der täglichen scheinbar unaufhaltsamen Vernichtung des Prinzips Leben durch die Menschheit, ist viel Hoffnung in diesen letzten Zeilen des Bandes, wenngleich auch implizit die abstrahierende Vorstellung allen Seins als Text selbst in ihnen mitschwingt:

[...] Wir schlafen nicht, weil wir grünes Licht
aus den Gräsern erhalten. Wir trinken aus Quellen.
Wir wollen in dieser Geschichte bleiben, in der alles Lebendige
leben darf. Wir liegen unten bei den Wurzeln und schlafen
nicht ein.

Marie T. Martin
Rückruf
Gedichte
Poetenladen Verlag
2020 · 96 Seiten · 18,80 Euro
ISBN:
978-3-948305-08-6

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