Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Anzeige
Edition Lyrigma (Beitragsbanner)
x
Edition Lyrigma (Beitragsbanner)
Kritik

Dass ich Dichter* bin

Hamburg

Eine schöne Sammlung von Gedichten Marina Zwetajewas legt der Ritter Verlag unter dem Titel Morgen soll für übermorgen gelten vor. Es handelt sich um eine Zeitenschau, vor allem kürzere Gedichte aus allen Schaffensperioden, auch einige Erstübertragungen aus dem Nachlass, hat Übersetzer Felix Philipp Ingold zusammengetragen, zudem in umfangreicherem Nachwort und Beimaterial erläutert. Es fehlen begründeterweise die längeren Epen der Dichterin. Wert legt Ingold bei dieser neuen Auswahl vor allem auf Zwetajewas Credo „Ohne Sinn“ aber mit „viel Ausdruck“, um dies in eine Art German Analog Synthesizer zu packen (die Motorik erinnert manchmal an Klaus Dinger von NEU),

Ich sass in einem Sessel, fast schon liegend,
Und drehte träg an meinen Fingerringen,
Die Augen hielt ich unauffällig offen –
Gleich würde man sich hier so richtig zoffen.

der allen Abweichungen in Sprechweisen, Grammatik, Duktus usf. der berüchtigten Dichterin Sprache gerecht zu werden verspricht. Das tut er, Ingolds Übertragungen sind voll rollender Rhythmen, rasanter Kurswechsel, sperriger Reime, blitzender Ideen. Doch gerade weil Ingold im Nachwort nicht müde wird zu betonen, „wie schwer, schwierig“ die Gedichte „der Zwetajewa“ (wie er sie stets zu nennen pflegt) seien, verblüfft es doch, dass die Ergebnisse des komplex programmierten Übersetzer-Synthesizers weniger „schwer, schwierig“ wirken, sondern eher ziemlich beherrscht, beherrschbar. Ja mehr, als ob da jemand das unabgeschlossene Poetische, das sich gerade in Widersprüchen und Unbeherrschtheiten zeigen kann, lieber verbergen möchte durch eine glasklare Kung-Fu-Übertragung von Sprache, die so zackig ist, dass wenig Raum fürs Innehalten bleibt. Das Weiche bleibt mitunter auf der Strecke. Doch Ingold bietet in einigen Fällen gleich mehrere Varianten von Übertragungen an, die sich mitunter erheblich voneinander unterscheiden. Recht so. Es macht nicht wenig Spaß, den Band zu lesen. Geistreich ist er, brillant recherchiert zudem. Doch um dem reichhaltigen Werk der berühmten Dichterin näher zu kommen, empfiehlt es sich (wie so oft) auf verschiedene weitere Übersetzungen zurückzugreifen. Es dürfte sich so, ähnlich Emily Dickinson und vielen weiteren Fällen, ein Verdacht des völlig Unabschließbaren erhärten, der den Werken großer genuin mehrdeutiger Lyrik eingeboren ist. „Licht – das blass ist wie ein Lid überm Chaos“

Zwetajewas Verse aus der frühen Moderne zeichnen sich durch Blicke, Spiegel, Straßenszenen aus. Auch Verweise, Bemerkungen, Anrufungen der Dichter-Mates Rilke, Mandelstam – den sie „schätzte, wegen der Magie seiner Verse und der Schwäche seines Denkens“ usf. Sie sind konfrontativ. Man denkt nicht wenig an konstruktivistische Geometrien, doch bleibt Zwetajewa auf völlig eigenen Pfaden.

Noch auf dem Weg, noch unentschieden
– Ich sah Sie innerlich vor mir als Bild – :
Sollte ich Ihnen eine Rose bieten
Oder eher nicht?

Ich übte für Sie ein paar Sätze,
Die ich dann – leider – vergass,
Da stand ich schon, ganz plötzlich,
Vor Ihrem Haus.

Verschlungene Gedichte der Zwanziger Jahre, sehr eigensinnige „Vierzeiler“, die selbstbewusst und visionär sich ihren Raum nehmen. Es wird politischer, verzweifelter. Wie abzulesen an der eigenen, rastlosen und später selbst beendeten Biografie Zwetajewas. Gedichte gegen die Nazis und gegen Stalin in den 1930er Jahren, Exil-Lyrik, ausufernde Entblätterungen (mit Ingolds Nachimpetus)

All den leichten Mädchen, all den unverschämten
Jungen, die kopflos durch die Straßen schwärmen.
All die geilen Nullitäten, die sich wichtig machen!
Heute – ohne Kopf? Und morgen – ohne Nasen!

folgen auf die ausfasernden experimentellen Phasen der 20er, die stets selbstreflexiv operieren:

[aus Die Dichter]

Er ist es, der die Karten mischt und austeilt,
Er fälscht Gewicht und Zahl,
Er ist es, der die Fragen stellt und mauschelt,
Er züchtigt Kant mit seinem Lineal.

Morgen soll für übermorgen ist eine gute Auswahl, auch als Einstieg. Ingolds Nachwort, Einordnung ist perfekt: „Bedeutungsferne und Vieldeutigkeit gehen ineinander über, definitiv korrekte Lesarten oder gar definitiv adäquate zwischensprachliche Übertragungen sind unter diesen Voraussetzungen nicht zu bewerkstelligen“, doch trifft Ingold eben eine bisweilen erdrückende rhythmische Vormacht, die dem Seelenleben der Gedichte ein wenig nahe treten mag, das thematisierte Scheitern bei der Übertragung nur bedingt zulässt bzw. am Gedicht selbst nicht zu zeigen vermag. Zwetajewa ist großartig, dieser Band ist es mit kleinen Klammern gesprochen auch [trotz der lauten Übersetzerprägung].

Marina Zwetajewa
Morgen soll für übermorgen gelten
Übersetzung: Felix Philipp Ingold
Ritter Verlag
2020 · 280 Seiten · 24,00 Euro
ISBN:
978-3-85415-602-4

Fixpoetry 2020
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung von Fixpoetry.com und der Urheber
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen den Artikel jedoch gerne verlinken. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Letzte Feuilleton-Beiträge