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Kritik

Letzte Bilder des Pop

Hamburg

Was ist das für ein Buch und was hat es mit seinem eigentümlichen Titel auf sich? final image, der neue, wie schon die beiden Vorgänger in der Kölner parasitenpresse erschienene Band des Erfurter Dichters Mario Osterland, kommentiert, lyrisch einfühlsam, letzte Bilder von Persönlichkeiten der Pop-Kultur. Ist es also ein Gedichtband, zu dem der Geraer Künstler Alexander Neugebauer Tuschezeichnungen nach Fotografien etwa von Franz Kafka, Marlene Dietrich oder Kurt Cobain beigesteuert hat? Oder ist es eher ein Katalog mit poetischem Begleittext zur aktuellen Ausstellung in der Jenaer Villa Rosenthal? „Ein Album“ lautet der Untertitel des schmalen Bändchens, und so lässt sich immerhin sagen: dieses Buch ist ein Zwitter – und zugleich ein Gang durch 170 Jahre Fotografiegeschichte.

„ein Rockstar sein, perfekter Ehemann, ein guter Vater irgendwann“, steht neben dem Bild des Joy Division-Sängers Ian Curtis zu lesen, kurz vor seinem Suizid 1980, „oder einfach eine Legende aus Manchester werden, in Schwarzweißfotos kontrastreich überliefert, aber nicht in einem Bild mit völlig falschen Farben.“ Da fühlt sich einer ein in die Psychologie des Berühmtseins. Im Falle der Daguerreotypie des greisen Philosophen Friedrich Schelling von 1848 – einer der frühesten Fotografien überhaupt – verbleibt der Text eher auf der Ebene der Bilddeutung und -beschreibung: „was immer den zurückgezogenen Professor zusammenhält, es besitzt genügend Spannkraft den Körper zur Auto-Ikone zu formen, die jeder Belichtungszeit standhält.“ Das Konzept der „Auto-Ikone“, dieses Leuchten der Persönlichkeit mit dem „stechenden Reptilienblick“ im Bild, wird von vielen dieser letzten Bilder unterlaufen. Der Zufall spielt eine gewichtige Rolle, etwa bei John Lennon, wie er seinem Mörder wenige Stunden vor der Tat ein Autogramm gibt, oder dem Stalker-Foto der alten Greta Garbo von 1990. „ohne Dreadlocks im Winter, fünf Beanies übereinander aufgetürmt wie eine Schandkrone. da bleibt nicht viel Heilserwartung, Selassie.“ Auch die Unausweichlichkeit eines nahenden Todes, wie hier bei Bob Marley anlässlich seiner Krebstherapie 1981 am Starnberger See, spricht aus Neugebauers leicht verfremdenden, aber gelungenen zeichnerischen Anverwandlungen der zugrundeliegenden Fotografien.

Man fragt sich allerdings, was Osterlands Texte sagen wollen. „ich sehe sie hier fast gemalt wie von Giotto di Bondone mit ihrem kurzen Totenhaar und in den Falten des Tecento“, beginnt der Text über die sterbende, vor einem Flugzeug aufgebahrte Susan Sontag. Die Anspielung auf den „Lazarus des alten Meisters“ und das einleitende Max-Imdahl-Zitat erschließen sich dabei erst aus einem Begleittext in den „Liner Notes“ am Schluss des Buches. So ist es bei den meisten, wenngleich nicht allen Texten: Der Pop-Faktor einer Amy Winehouse scheint noch so groß, dass auf Erklärungen verzichtet wird. Den schönen, gebetsartigen Text zum final image von Allen Ginsberg schlüsselt die liner note als „Nachdichtung“ seines Songs Father Death Blues auf. In dieser zum Blättern zwingenden Anlage des Buches kann sich allerdings auch Ironie verbergen, wie etwa bei dem letzten Bild des nordkoreanischen Diktators Kim Jong-il als trauriger Clown bei der Besichtigung eines Einkaufscenters. Oder in der etwas verwirrenden Ansicht eines riesigen Bären mit aufgerissenem Maul, den das Internet dem recherchierenden Dichter als vermeintlich letzten Anblick des bei einem Bärenangriff in Kamtschatka tragisch ums Leben gekommenen Fotografen Michio Hoshino suggerierte.

So bleibt dieses schöne Bändchen, dem so eine originelle Idee zugrunde liegt, in seinem Zwitterwesen stecken. Einerseits versammelt final image „Menschen, die wir bejubeln und bewundern, irgendwann betrauern, vielleicht sogar wie verstorbene Freunde“, wie Osterland am Beginn seiner Erläuterungen schreibt: der Text als Familienalbum, als Versuch einer privaten Hommage an Promis, die Teil der eigenen Emotionalität geworden sind. Andererseits verhindert dieser Pop-Faktor, der vor allem für Groupies abrufbar ist und es als Dummheit erscheinen lassen könnte, wenn man eine im Osterland-„Album“ abgebildete Person nicht kennt, eine Eigenständigkeit und Kraft der Texte, die man ihnen angesichts des uralten, menschenbewegenden Themas Tod wünschen würde.

Im Jahr 2004 waren im Dresdner Hygienemuseum unter dem Titel „Noch mal leben vor dem Tod“ Fotografien von Walter Schels zu sehen, der zusammen mit seiner Frau, der Journalistin Beate Lakotta Menschen in Hospizen besucht hatte. Wer die dabei entstandenen final images dieser Sterbenden, kombiniert mit Fotografien unmittelbar nach ihrem Ableben, sah, musste eine Erhabenheit konstatieren, die über jeden Begleittext erhaben ist. „doch er nahm deutlich ihren Hochzeitsduft im Zimmer war“, spekuliert Osterland zum letzten Bild des Sängers Johnny Cash, das ihn 2003 bei einem Konzertauftritt zeigt, „der sich um seine Schultern legte, als passte sie ihm schon einmal die Flügel an.“ Solchen Passagen – und bei den Pop-Helden geht es ja immer um vergangene Lieben – wohnt immerhin eine Lebendigkeit inne, die man im Angesicht des Todes nicht missen will.

Das Buch erscheint begleitend zur Ausstellung „final image. Letzte Bilder großer Persönlichkeiten“, die vom 4. März bis 6. Mai 2020 in der Villa Rosenthal in Jena gezeigt wird.

Mario Osterland
final image. Ein Album, mit Zeichnungen von Alexander Neugebauer
parasitenpresse
2020 · 78 Seiten · 12,00 Euro

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