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Illustration von Judith Sombray
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Illustration von Judith Sombray
Kritik

Melodu

Klassik für kleine Ohren
Hamburg

„Ohne Kultur sind die Ohren nur Brillenhalter“ ist derzeit auf Plakaten in Wien zu lesen. Leidtragende bei harten Lock-Downs, wie es derzeit einen in Österreich und anderen Ländern gibt, sind aber vor allem auch Familien und Kinder. Für alle ist es schwer bis nahezu unerträglich, dass die Teilnahme an jeglicher Art von Kulturveranstaltungen vielerorts derzeit verboten und untersagt ist. Während man als kulturinteressierter Erwachsene jedoch zumindest in Erinnerungen an großartige Konzerte, einmalige Lesungen, beeindruckende Ausstellungen, ergreifende Theaterabende und, und, und,… schwelgen kann, wird den Kleinsten ein erstes Kennenlernen von Kunst und Kultur in Form von Kinderkonzerten oder Kindermuseen vorenthalten.

Was also tun, wenn man dem eigenen Neffen allen Widrigkeiten zum Trotz doch auch klassische Musik erstmals ein wenig näher bringen mag, ohne heimlich mit ihm in den Musikverein oder das Konzerthaus einzubrechen, um ihm alle Instrumente eines Symphonieorchesters zeigen und vorspielen zu können? Kein Ersatz für Kinderkonzerte, aber vielleicht ein kleiner Trost, sind Sound-Bücher. Ein besonders schönes, wie ich finde, möchte ich deswegen an dieser Stelle vorstellen: Hörst du Mozart, Bach und Beethoven? 12 zauberhafte Melodien der größten Komponisten.

Sehr bunt und fröhlich sind die Illustrationen von Marion Billet, die uns die jeweiligen Komponisten als Tiere beim Komponieren oder Musizieren zeigen (beispielsweise Bach als Bär und Beethoven als Krokodil), oder aber Motive aus den jeweiligen Musikstücken (mehrere Tiere beim Karneval der Tiere, eine Hummel beim Hummelflug, oder Katzen beim Katzenduett). Zu jedem Musikstück gibt es auch einen kleinen Text, der uns auf eine Besonderheit aufmerksam macht – „Hörst du die Flöte?“, Hintergrundinformationen zum eben gehörten Stück liefert – „Elise hatte wirklich Glück, denn Beethoven hat diese wunderschöne Musik nur für sie geschrieben.“, oder Klangassoziationen ausdrückt – „Auch diese Melodie ist süß wie der Wind in den Blättern …“

Der Hummelflug (Rimski-Korsakow) und das Katzenduett (Rossini) sind geradezu designiert für ein Buch, das Kindern Klassik näherbringen möchte. Beim Hummelflug meint man eine Hummel summen zu hören, beim Katzenduett singen vier Sänger mit Klavierbegleitung Miaumiaumiaumiau, Miauauauauau, etc., was auch kleinsten Kindern sofort verständlich ist und im besten Fall sogar zum Mitsummen und –singen anregt.

Hörst du Mozart, Bach und Beethoven? versammelt aber nicht allein derartige sofort zugängliche und sehr kindgerechte Stücke, sondern auch Musik ohne ein sofort konkret erkennbares Thema, wie ein Ausschnitt einer Symphonie von Mozart, oder ein Klavierstück von Debussy. Gerade die Vielfältigkeit der einzelnen Stücke und Passagen macht die Stärke des Buches aus, da es Kindern ein breites Spektrum von klassischer Musik anbietet, in kleiner Besetzung, mit großem Orchester, mit Sängern oder gar einem ganzen Chor. Damit lernen Kinder zugleich auch verschiedene Klangfarben und Instrumente kennen.

Und nicht nur die Auswahl der Komponisten und Stücke ist interessant, sondern ebenso die Entscheidung, welche kurze Passage jeweils zu hören ist. Oft sind es „die“ bekannten Stellen, die man einfach im Ohr hat und mit dem jeweiligen Stück in Verbindung bringt. Manchmal sind es aber auch gerade eben nicht diese Stellen, sondern beispielsweise der „Chor der Wachen“ aus Carmen und nicht die „Habanera“, die berühmte Arie der Carmen. Auch beim Karneval der Tiere ist das Finale zu hören und nicht ein einzelnes der Tiere, was sich eigentlich anbieten würde.  

Bei Rimski-Korsakow und Debussy, und das wäre ein kleiner Kritikpunkt, enden die Ausschnitte sehr abrupt, mitten im Satz sozusagen, wenn einfach der letzte Ton einer Melodieführung abgeschnitten wird. Was aber andererseits klar vermittelt, dass es sich eben nur um einen Ausschnitt handelt, und das Stück an dieser Stelle noch lange nicht zu Ende ist.

Die Musikausschnitte sind immer nur sehr kurz, das heißt, es bietet sich an, dass man sich mit dem Kind auch über das Buch hinaus noch weiter mit einigen der Stücke auseinandersetzt – einfach je nach den Vorlieben und dem Interesse des Kindes. Liebt es das Katzenduett, kann man es sich ganz anhören, möchte es wissen, wie die anderen Jahreszeiten von Vivaldi klingen, kann man auch das sehr schnell und einfach im Internet finden. Oder auch die einzelnen Tiere beim Karneval der Tiere, mein Favorit darunter natürlich der großartige Elefant für Kontrabass.

Und das Wichtigste: Hinten am Buch gibt es einen kleinen Ein- und Ausschaltknopf, damit man nicht um vier Uhr früh mit Mozart, Bach und Beethoven geweckt wird, denn auch Soundbücher müssen manchmal schlafen.

Hörst du Mozart, Bach und Beethoven? ist ein wunderschönes, sehr einfach zu bedienendes Soundbuch – ist der Einschaltknopf hinten erst einmal an, können Kinder selbst auf jeder Seite auf einen Knopf drücken, damit die jeweilige Melodie erklingt. Geeignet für Kinder ab 2 Jahren (laut Buchcover), macht es wirklich großes Hör- und Lesevergnügen.  

Marion Billet
Hörst du Mozart, Bach und Beethoven?
12 zauberhafte Melodien der größten Komponisten
FISCHER Sauerländer
2020 · 16 Seiten · 15,00 Euro
ISBN:
978-3-7373-5785-2

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