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Kritik

Serbien können wir nicht entkommen

Hamburg

Als die Nato 1999 Belgrad bombardierte, war ich Lehrerin einer elften Gymnasialklasse, die auch eine serbische Schülerin besuchte. Da ich wusste, dass ihre Großeltern in Belgrad lebten, wollte ich nicht einfach so tun, als wäre nichts geschehen und nahm sie nach dem Unterricht zur Seite. Doch was sagt man in einer solchen Situation? Ich jedenfalls schien die falschen Worte gefunden zu haben, denn das sonst so ruhige Mädchen schrie mich an, ich solle sie in Ruhe lassen und was verstünde ich schon.

Nach all den Jahren fiel mir dieses Ereignis beim Lesen des Romans von Marko Dinić, Die guten Tage wieder ein und nachdem ich auf der letzten Seite angekommen war, gab ich, meiner Schülerin recht. Ich wusste damals wirklich nicht, wovon ich redete, konnte nicht die Angst nachempfinden, von der in dem Roman auch der Ich-Erzähler Švabo berichtet:

Als ich noch ein Kind war und die Flieger während des NATO-Bombardements jeden Tag über unseren Köpfen dröhnten, da verspürte ich echte Angst. Auch wenn vieles als Spiel angefangen hatte, rannte ich doch öfters aus Angst vor den schweren Detonationen zu meiner Mutter, die mich steif in ihren Armen hielt, aber doch vor den Bomben und dem unerträglichen Lärm schützen wollte.

Švabo war damals elf Jahre alt, genauso alt wie der 1988 in Wien geborene, aber in Belgrad aufgewachsene Autor.

Um es vorwegzunehmen: Was Marko Dinić in seinem Roman erzählt, ist nichts, das man mit der letzten Seite wegschiebt und bald darauf vergisst. Es ist ein Roman, der nachhallt, obwohl darin so gut wie keine guten Tage vorkommen, dafür umso mehr die als Folge der mit den Kriegen verbundene Angst, die Gewalt und die Hoffnungslosigkeit der jungen, traumatisierten Generation. So verwundert es nicht, die beiden schrecklichen Sätze zu lesen:

Das Erste, was ich bewusst verlor, war die Liebe.
Heute liebe ich niemanden mehr.

Doch der Reihe nach. Der Roman beginnt damit, dass Švabo in einem sogenannten Gastarbeiterexpress von Wien aus nach Serbien fährt, um an der Beerdigung seiner Großmutter teilzunehmen. Diese war seine engste Bezugsperson und sie war auch diejenige, die ihn mit den Worten Hau ab, werde ein normaler Mensch, solange du kannst aufforderte, nach dem Abitur Serbien zu verlassen und ihm seine Ausreise finanzierte. Nun kehrt er also nach zehn Jahren zum ersten Mal zurück in seine alte Heimat, mit dem festen Vorsatz, sie nach zwei Tagen wieder zu verlassen. Die äußere Handlung umfasst also nur drei Tage, an denen nicht viel geschieht. Es sind die Rückblicke, in denen Dinić in eindringlichen Bildern erzählt, warum sein Protagonist aus Belgrad und vor seiner Familie regelrecht geflohen ist.

Gleich zu Beginn des Romans hören wir den Grundton, der aus der Perspektive des Erzählers über dem Leben der Menschen in Serbien zu liegen scheint. Während der langen Busreise unterhält sich Švabo mit seinem etwas undurchsichtigen Sitznachbarn über ihre Mitreisenden, wobei dieser feststellt:

»Ich will hier niemanden vorschnell verurteilen, glauben Sie mir«, sagte er hastig, »aber Sie müssen verstehen, dass wir uns unter potenziellen Mördern und Vergewaltigern bewegen, und zwar ständig! …«

Dieser Situation begegnet Švabo mit Verachtung der falschen Väter, vor allem seines Vaters, der zuerst als strammer Kommunist Tito verehrt hat, um später als Beamter im Innenministerium sein Fähnlein nach dem Wind zu drehen und den Nationalismus des Kriegsverbrechers Milošević zu unterstützen. Aus der Verachtung entwickelt sich ein nicht enden wollender Zorn, aus dem heraus der Erzähler seinen Vater, den Schreibtischtäter, mit immer neuen Schimpfwörtern belegt: Mistsau, Drecksack, Ferkel, Arschloch, Missgeburt.

Die Schule bietet den Gymnasiasten keinen Rückzugsort. Nicht nur gibt es auch unter den Lehrern Nationalisten, die den Krieg verherrlichen, so heruntergekommen wie die Menschen wird von Dinić auch die ganze Umgebung beschrieben. Sämtliche Spielplätze sind kaputt, kein einziges Sportgerät auf dem Schulhof ist intakt, die Jugendlichen gehen in ordinärer Sprache lieblos miteinander um, hängen ab, kiffen oder besaufen sich.

In unseren Köpfen geht das Bombardement weiter. Eine ganze Generation unter Beschuss, im Krieg gegen sich selbst.

Doch merkt man, dass unter der rauen Schale eine große Sehnsucht steckt. Die Sehnsucht nach einem besseren, ganz normalen Leben. Serbien können wir eh nicht entkommen, sagt Švabos Freund Miloš. Aber was spricht gegen ein geileres Leben?

Dinić macht seinem Protagonisten die Heimkehr nicht leicht. Seine Verwandtschaft, die Onkel, alle sind ihm fremd und auch den gealterten Vater betrachtet er nach wie vor mit heftiger Abneigung. In eine Rosine habe er sich verwandelt, in eine fleischgewordene Bagatelle. Von so viel Verachtung zu lesen, tut fast weh. Erst auf den beiden letzten Seiten versucht der Erzähler seinem Vater etwas gerecht zu werden.

Ich wusste jedoch, dass es nicht Belgrad gewesen war, das ihn so roh gemacht hatte – es waren die Verhältnisse gewesen, die Umstände. Genau wie ich war auch er verwahrlost, seine Generation wie ein in die Ecke gedrängtes, zum Kehlenschnitt freigegebenes Lamm, zu Stimmvieh modelliert für das schöne gerechte Land.

Es ist ein räumlich und emotional weiter Weg, auf den Dinić seinen Helden schickt. Und er entlässt ihn mit dem Satz: War nirgends angekommen.

Der 24. März 2019, der Buchmessensonntag, ist übrigens der 20. Jahrestag der Bombardierung Serbiens durch die Nato.

Marko Dinić
Die guten Tage
Zsolnay
2019 · 240 Seiten · 22,00 Euro
ISBN:
978-3-552-05911-5

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