Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Anzeige
außer.dem Literaturzeitschrift
x
außer.dem Literaturzeitschrift
Kritik

Poesie versus Kapitalismus: eine poetische Dialektik

Hamburg

Dem kleinen Frankfurter Verlag Razamba von Martin Ebbertz ist es zu verdanken, dass jetzt ein zeitgenössischer griechischer Dichter, der immerhin dreiundzwanzig Gedichtbände herausgebracht hat, auch auf Deutsch gelesen werden kann. Diese zweisprachige Werkauswahl bringt eine Auswahl aus der gesamten Bandbreite von Markos Meskos' Gedichten von 1958 bis 2016. Auf dem Titelblatt steht übrigens auf Griechisch Έπιλογή Ποιημάτων, also "Gedichtauswahl", was meines Erachtens besser paßt.

Die Themen sind bei solch einer Auswahl natürlich weit gestreut. In einem seiner schönsten aber auch jüngsten Gedichte geht es um das Sehen. In Er war blind und sah das Meiste lautet eine Strophe:

            "Seele mein Seele mein
            wie sind die Augen des Lichts erloschen
            wie die Schönheit des Tages verschwunden
            wie hattest du ans Paradies auf Erden
            und die Unsterblichkeit geglaubt!"

Für viele war bzw. ist ja noch immer der Kommunismus von Karl Marx solch ein Paradies auf Erden. Und so zieht sich auch ein wenig Kapitalismuskritik durch diese Gedichtauswahl. So heißt es an einer Stelle in Anlehnung an das Kommunistische Manifest: "Mohnblüten aller Länder vereinigt euch". Ein andermal:

            "auf dem Markt ein Hallen
            'gib her die Ware [...]'

            Sumpf Schlamm Jauche und andere Billigangebote"

Méskos hat aber eher ein ambivalentes Verhältnis zum Kapitalismus. So heißt es im Nachwort vom Übersetzer Giorgis Fotopoulos über ihn: "Er ist, nach seinen eigenen Worten, mit der einen Hand für den Kapitalismus und mit der anderen für die Poesie tätig." Denn "Den Unterhalt für das Nötigste verdient er damit [also mit der Veröffentlichung von über zwanzig Gedichtbänden] nicht."

Im Nachwort geht Fotopoulos generell auf den Umgang mit ambivalenten Verhältnissen ein: "Entscheidend für die Dichtung aber ist [...] die schwierige Leichtigkeit des Gleichgewichts zwischen beiden [Seiten, zwischen dem Alten und dem Unbekannten] zu versuchen." Das ist das Wesentliche für einen Dichter, "Denn solches Dazwischensein macht Dichtung erst lebendig und das Leben dichterisch." Dieses "Dazwischensein" kann man auch in Anlehnung an Karl Marx als Dialektik bezeichnen. Bzw. von solcherart Gedichten als einer poetischen Dialektik sprechen.

Öfters geht es in Méskos' Gedichten um das Wort an sich, um ein genaues Hinterfragen seiner Bedeutung: "Er brach die Wörterblöcke des Steinbruchs entzwei / um zu sehen, was da drinnen ist". Einmal spricht er von einer "Armee des jungen Alphabets". Manche Worte sind auch nichtsnutzig: "Wortewolke zog von dannen / niemandem löschte sie den Durst;“

Das verstummende Wort in Zusammenhang mit dem Meer taucht als bildliches Motiv mehrfach auf: "Das Wort fiel ins Wasser [...] versinkt und verstummt" oder "und die verlorenen Worte des Meeres / und der Ertrunkenen". Da denkt man an die vielen toten Flüchtlinge im Mittelmeer, die durch ihr Ertrinken mit Billigung der Europäischen Union ja schließlich auch zum Verstummen gebracht werden. Aber es gibt auch Hoffnung, denn

            "Das Wort entrann der Überschwemmung
            [...]
            während die wütende Stimme des Wortes wiedergeboren
            auf den Weg sich machte [...]"

Auch die bewegende Geschichte Griechenlands spiegelt sich ein Stück weit in den Gedichten von Méskos wider. Zum Beispiel die vier frühen Gedichte, die laut Fotopoulos' Nachwort "von der deutschen Besatzung und dem darauffolgenden Bürgerkrieg, dem Überleben menschlicher Abgründe bestimmt sind." In ihnen geht es viel um Blut und Tod, dem "Grab eines Soldaten" und einer gewissen Betrübnis. Dies gilt aber auch für die vier ausgewählten Gedichte, die während der griechischen Militärdiktatur 1967 bis 1974 erschienen sind.

Manche Stellen kann man nur mit einem entsprechenden griechischen "Background" verstehen. Zum Beispiel heißt es in dem Gedicht Stumm von 1963:

            "setze ich zum Trauerlied an, klagt sie [meine Mutter],
            sich die weißen Haare einzeln ausreißend..."

Das ist zwar von dem Griechen Fotopoulos korrekt übersetzt worden. Im Original heißt es aber: "θλιβερό σκοπό μοιρολογάει ξεριζώνοντας". Das Verb μοιρολογώ, also "mirologó" heißt beweinen oder klagen. Dazu muß man wissen, dass es in einigen Gegenden Griechenlands, insbesondere der Mani, eine karge Gegend auf dem Peloponnes, die alte Tradition der Klagelieder oder Totenklagen gibt, die auf Griechisch eben Mirológia heißen. Das diese Art Spontandichtung vortragende Klageweib gerät dabei zusehends immer mehr in Ekstase, sie weint nicht nur, sondern zerkratzt sich auch die Wangen und reißt sich büschelweise das Haar aus. Und in dem Gedicht Stumm ist es ja witzigerweise genau verkehrt herum: Der Sohn oder die Tochter stimmt das Trauerlied an, aber die Mutter reißt sich, entsprechend der Tradition, die weißen Haare einzeln aus.

Die Problematik des Übersetzens von Gedichten ist Fotopoulos durchaus bewusst. In dem Artikel Schwierigkeiten beim Übersetzen von Wahrheit. Gedichtband von Markos Meskos auf Deutsch. macht er sich Gedanken darüber, siehe diablog.eu/allgemein/markos-meskos-uebersetzung-deutsch-giorgis-fotopoulos. Auf dem Titelblatt heißt es deshalb ja auch nicht Übersetzung, sondern "Nachdichtung und Nachwort Giorgis Fotopoulos". Zwei Stellen sind mir dabei besonders aufgefallen. In dem Gedicht Am Ufer heißt es in einer Zeile: "Wörter geborgene Wellen Grabstellen Nachrichtenquellen", im Original "ξυλάρμενα κύματα μνήματα μνήματα οί λέξεις". Die sich wiederholenden gleichlautenden Endungen in "κύματα μνήματα μνήματα", also direkt übersetzt zu "Wellen Friedhof Friedhof", wollte Fotopoulos also angelehnt an das Original ähnlich klingend übertragen. Deshalb diese dreifache Endung auf -ellen.

In dem Gedicht Anmerkung lautet die erste Zeile: "Weizen Wasser als auch Wörter". Diesen Wohlklang mit den drei Anfangsbuchstaben W gibt es im Original überhaupt nicht. Das ist dann durchaus eher eine Neu- als eine Nachdichtung. Dass hier also eher die Stimme des Übersetzers zu hören ist, als die des Dichters, kann man an einer Stelle im Nachwort feststellen. Dort heißt es nämlich: "Drei Worte, die [...] nicht allein Bilder und Klänge erzeugen, sondern auch zu einer Reise ins Unbekannte verführen. In neue Welten, zu neuen Worten, neuen Werten." (Hervorhebungen durch P. Oehler.)

Durch eine solche Nachdichtung sind also Dichter und Übersetzer eng miteinander verwoben. Und so macht es dann auch Sinn, dass Giorgis Fotopoulos, der in Berlin lebt, bei der 2. Offenbacher Lyriknacht am 14. Oktober 2017 anlässlich der Frankfurter Buchmesse Gedichte aus Leib der Mutter Schöne Landschaft vortrug, und nicht Márkos Méskos persönlich.

Markos Meskos · Μάρκος Μέσκος · Giorgis Fotopoulos (Hg.)
Leib der Mutter Schöne Landschaft / Kοιλιὰ τῆς μάνας ̔Ωραῖο τοπίο
Werkauswahl 1958 - 2016 / Ἐπιλογή Ποιημάτων 1958 - 2016
Verlag Razamba
2017 · 130 Seiten · 18,00 Euro
ISBN:
9-783-941725-47-8

Fixpoetry 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung von Fixpoetry.com und der Urheber
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen den Artikel jedoch gerne verlinken. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Letzte Feuilleton-Beiträge