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Johanna Hansen Zugluft der Stille
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Johanna Hansen Zugluft der Stille
Kritik

Sprachraum und Auffassungsunterschied

Hamburg

2020 erschien bei Limbus Preziosen das Märchen-Triptychon "Der gute Bruder Ulrich" von Marlen Haushofer, wohl auch anlässlich des aktuellen hundertjährigen Geburtsjubiläums der Autorin, versehen mit einem lesenswerten Nachwort von Herausgeber Markus Bundi. Zu jenem Buch (das auf Fixpoetry bereits von Marcus Neuert besprochen wurde) gibt es aber auch einen kurz zuvor erschienenen Sekundärband aus der Feder Bundis: "Begründung eines Sprachraums. Ein Essay zum Werk von Marlen Haushofer". Mit diesem Begriff – "Sprachraum" – nähert sich der Linguist und Philosoph Bundi den im Werk Haushofers auf besondere Weise gesetzten Sprech-Situationen – ihren mehrfachen Rahmenkonstruktionen, den klarer als bei anderen Autor*innen definierten Ebenen zwischen Erzähler*in, Leser*in, Protagonist*in und ontischer Autorin – als einem wesentlichen Charakteristikum ihrer Prosa. Wir müssten, so Bundis zentrale und plausibel belegte These, ___STEADY_PAYWALL___Haushofers Texte von der Begründung des Sprachraums im jeweiligen Narrativ her lesen.

Auch sind die literarische Referenzmodelle, die Bundi auf Haushofer anwendet, (mir) neu, kenntnisreich gewählt und aufschlussreich (die erste Konsequenz der Lektüre seines Aufsatzes für mich war, mir eine antiquarische Ausgabe von Wilhelm Raabes "Stopfkuchen" zu beschaffen). Überhaupt ist Bundis Essayband eine hervorragende Einführung in ein zu Unrecht unterrepräsentiertes Lebenswerk und sehr zu empfehlen. Wenn die gleich folgende Kritik an einem Detail seines Essays fundamental erscheint, so ändert sie folglich nichts an seinem respektablen Verdienst, als Literaturwissenschaftler und Herausgeber, um Verbreitung und Vermittlung von Haushofers Werk.

Nun wird mir die Lektüre dieses klugen, ausführlichen Essays erschwert (aber, wie gesagt, keineswegs unüberwindlich erschwert) durch einen fundamentalen Auffassungsunterschied zwischen dem Verfasser und mir – oder zumindest durch sprachliche Artefakte im Text, die wie Spuren eines solchen Unterschieds erscheinen:

Aspekte der objektiv drückenden, scheinhaft monolithischen (aber – so meine Lesart – stets manifest veränderlichen) Wirklichkeit, von der die Person Haushofer ebenso umgeben war wie ihre Figuren, sie werden von Bundi, scheint mir, immer wieder als anthropologische Konstanten, oder zumindest soziologische Konstanten, gesetzt. Geschenkt, es geht dem Essayisten wohl in den meisten dieser Wendungen bloß darum, schnell weiter und zur Sache zu kommen (Haushofers Sprachräume), aber dennoch:

(…) ihr Lebensmittelpunkt aber blieb – trotz gelegentlicher Fluchten in die Bundeshauptstadt – das oberösterreichische Steyr, wo sie viele Jahre als Mutter, Haus- und Ehefrau gefordert war.

… und natürlich war sie nicht einfach, und quasi naturgesetzlich "gefordert", sondern lebte in einem Staat, in dem verheiratete Frauen bei Strafdrohung verpflichtet waren, den Haushalt "des Familienoberhaupts" zu führen … Sagen wir es anders: Wenn Haushofers Protagonistin in "Wir töten Stella" ihren psychischen Zustand in die Worte kleidet –

Etwas muß mir vor Jahren geschehen sein, seither glaube ich es nicht ertragen zu können, daß, unfaßbar für mein Hirn und Herz, Gut und Böse eins sind.

– dann handelt es sich bei diesem Ausdruck katholischer Mystik (laut meiner Lesart) um eine von der Autorin abgebildete Ausweichbewegung gegen die greifbare Wirklichkeit, die sie nicht notwendig selbst teilte. Natürlich kann man die moralische Verfassung der deutschsprachigen Nachkriegswelt, unter all den heimgekehrten Tätern, so beschreiben – so fühlt es sich (meine Lesart) wohl an, die stets noch greifbare Drohung von unmittelbarer Eskalation jeder Sorte Gewalt notdürftig unter die Teppiche und Eckbänke kehren zu müssen. Man kann sich das so erzählen, wenn man Teil der Menschenwelt – jener bestimmten Menschenwelt – bleiben will. Aber als Leser müssen wir auf diese Behauptung von Gut, Böse und ihrem Ineinsfallen nicht affirmativ reagieren: Die Autorin lässt da ja ihre Figur nicht ein objektiv Gegebenes beschreiben, sondern einen Seelenzustand setzen.

Markus Bundi schildert punktgenau den Charakter der großen Verzweiflung, die genaue Sorte Ausweglosigkeit, der sich Haushofers Figuren gegenübersehen. Doch was z. B. mir beim Lesen der Primärtexte stets als Intervention der Autorin gegen konkrete Zustände – greifbare Zustände – nicht geheimnisvolle, überzeitliche, oder gar unveränderliche Zustände – einleuchtete, wo Haushofer mich einlud, zu fragen, wie genau es anders sein müsste, damit es für diese oder jene Figur anders sein könnte – da lese ich Bundi so, dass die Dunkelheit, Unfreiheit, Enge bei Haushofer eben naturgegeben erschienen, und die gesellschaftliche Dimension zum Verständnis der Texte nicht dringend konkretisiert werden müsse.

Z. B. sieht Bundi in "Wir töten Stella" genau keinen Text, der die Erlebnisse der Hitlerei und ihrer Folgen verarbeiten soll, da er zu wenige klare, eindeutige Anhaltspunkte dafür findet. Doch zugleich zitiert er an anderer Stelle seines Buchs die Schlusssätze jenes Romans:

Natürlich könnte ich an die Zukunft denken, aber das tue ich nie. Sie wird ganz ohne mein Zutun kommen und uns auf unheimliche Weise zu dem machen, was wir nie sein wollten.

… was aber bringt die Allgegenwart, die genaue Art und Weise, wie den deutschsprachigen Folgegenerationen das Erbe der großen Schuld und Verblendung der Nazis auf den Leib geschrieben ist, besser auf den Punkt als der zweite dieser zwei Sätze – während der vorangestellte die Möglichkeit der Veränderung, der Hinwendung zum Gesellschaftlichen (um einen hohen Preis) eben sehr wohl in den Raum stellt.

Ja, Haushofers Thema war zeitlebens der gewaltsame Triumph der sogenannten "Verhältnisse" noch in den intimsten Lebenssphären der Individuen. Aber dass dieser Triumph mitnichten unausweichlich, dass das Andere möglich ist, schien mir ihren Textstrukturen stets deutlich eingeschrieben. Zumindest von außen – von der Seite der Leser*in her.

Ich verdanke dem Herausgeber der Märchen im "Guten Bruder Ulrich" und des vorliegenden Essays in diesem Sinne auch das Aha-Erlebnis: Dass man Haushofer auch so ganz anders lesen könne, als ich es bisher getan habe.

Markus Bundi
Begründung eines Sprachraums / Ein Essay zum Werk von Marlen Haushofer
Begründung eines Sprachraums
Limbus
2020 · 160 Seiten · 15,00 Euro
ISBN:
978-3-99039-153-2

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