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Kritik

Das ontologisch privilegierte Einhorn Gabriel

Hamburg

Wittgenstein hielt den für einen Gewinner im Rennen der Philosophie, der „am langsamsten laufen kann” oder „der das Ziel zuletzt erreicht”. Das sieht Markus Gabriel offensichtlich ganz anders, denn er wurde 2009 mit noch nicht 30 Jahren Ordinarius für Philosophie und haute schon davor Text um Text heraus, manchmal populärphilosophisch (Warum es die Welt nicht gibt), manchmal angeblich doch seriös, wobei das vermutlich auch eine Frage des Sinnfelds ist, worin der Text dann je so etwas wie relevant sein mag.

Sinnfeld: So, wie es in manchen Texten „von vermeintlich wirklichen Hexen” sich unterscheidende Hexen gibt, weshalb es sie da also eben … irgendwie … gibt, in eben diesem Kontext mit seinen Spielregeln, was insgesamt nicht relevant für andere (Kon-)Texte sein muß, genau in diesem Sinne ist, was er schreibt, in seinem Sinnfeld jedenfalls Philosophie, von der er dann drauflos plaudert, wobei Bert Rebhandl wohl Recht hat, daß es eher das „Sinnfeld Buchmarkt” ist, was Philosophie hier meint – und auch der Begriff „Mogelpackung” ist nicht ganz falsch, wobei Rebhandel sich auf Warum es die Welt nicht gibt bezieht.

Alles läuft auf ein mit jedenfalls seltsamer und auch nicht ansteckender Fröhlichkeit vorgetragenes Einsehen hinaus, daß es nur naiven Ontologien gebe, die „Wirklichkeit” („Existenz, das heißt Erscheinung in einem Sinnfeld”) je in ihrer „Sinnfeldontologie” bestimmen, wobei sich fragt, welchem Sinnfeld die Regeln entstammen, nach denen man in einem Sinnfeld operiert, die aber, weil es nachgerade als Implikat des Begriffs „indefinit viele wirkliche Sinnfelder” gibt, immer nur eine unter vielen sind, in einem ist dann das Einhorn, im anderen Donald Trump, alle gleich gültig und alles gleichgültig.

Das Dürftige dessen, der Mangel an Brillanz oder anarchischer Lust im Aufstören und Entdecken, dies läßt denn auch die Fröhlichkeit so seltsam erscheinen, ein „rheinisches Gute-Laune-Wunder wider den Nihilismus” nennt die Zeit Gabriel – wobei das noch verkennt, daß das Schale seiner Sinnfelder so etwas wie ein Nihilismus ist, bloß zudem einer, für den in sich selbst kein Platz ist.

Denn im Zentrum sitzt Wonneproppen Gabriel, der mit sich jedenfalls zufrieden ist, eigentlich ersetzt das Bild auf seiner Homepage fast das Gesamtwerk, rundum die „Existenz objektiver Vernunftstrukturen”, rundum auch alles, was gut und teuer ist, von Nagel bis Badiou, bloß gebe es keine Welt, jedenfalls nicht als „ein Gegenstand des Wissens”, sondern eben nur Sinnfelder, inklusive Kuchenrezepten. Und eigentlich bleibe so nichts mehr zu denken, weshalb jedenfalls Gabriel auch wenig denkt, das aber hunderte Seiten füllend.

Wie anders Kripke, der zum Teil da eben erst anfängt, wo Gabriel noch einmal wiederholt, was sich sowieso längst verstehen ließ, sich mit den postkantianischen Selbstverständlichkeiten nicht abfindet, daß Hamlet also denke, aber nicht sei – oder sei, aber dort, wo er denke, womit sich bei Kripke abzeichnet, daß man Shakespeare liest, weil es in dessen Werk doch um etwas gehen mag, das nicht lokal abgehandelt und fertig ist1… stattdessen bei Gabriel aufgekochter Kant mit etwas symbolischem Vatermord an diesem, samt dann doch Würdigung, weil man zumindest einer „minimalsten Version der kopernikanischen Wende” bedürfe: minimalst, ein Superlativ, der hier zudem einem unterläuft, der Altphilologie studiert hat. Gut, vielleicht ist das eben so mit Sinnfeldern, vielleicht lektorierte das Buch auch Gabriels Einhorn.

Dem fiel dann aber auch nicht dieser Sprung auf, der Kripke auffällt, während Gabriel von einer „Ontologie” schreibt, die „realistisch” ist, und zwar „in dem Sinn, dass die behauptete Pluralität von Bereichen (von Sinnfeldern) nicht nur deswegen vorliegt, weil wir durch diskursive Praktiken oder epistemische Systeme irgendeiner Art dafür sorgen, dass es eine Vielheit von Bereichen gibt.” Das ist insofern unsinnig, als hierfür Pluralität dazu erwiesenermaßen auch dann vorliegen müßte, wenn es keine diskursive Praktiken oder epistemische Systeme (schön vage, nicht nur hier: irgendeiner Art) gäbe. Also Sinnfelder ohne einen, der sie konstituierte, was nicht bedeutet, daß die ungedachte Welt eine wäre oder wieder eine würde … nur ist selbst dies auszuschließen auf dem Level, den Gabriel eigentlich überwinden will.

Was ab diesem Zeitpunkt verblüfft, ist, daß manchmal Gabriel, der eigentlich ein Buch geschrieben hat, das sich auf zwanzig Seiten verlustfrei eindampfen ließe (womöglich mit großen Lettern), dazwischen sehr Kluges zu anderen zu sagen weiß, etwa zu Badious „Gleichsetzung von Ontologie und Mathematik”, genauer gesagt hat es da den Anschein, er wüßte etwas sehr Kluges zu sagen, bloß redet er dann von „einer bestimmten Interpretation” und „einer bestimmten Deutung”, die bei Badiou vorausgesetzt seien, gerade da, wo er eben noch angesichts seines eigenen – dünnen – Grundgedankens ausuferte, nun wieder Tempo machend, als sorgte er sich, da einzubrechen und dann das Buch insgesamt neu schreiben zu müssen, falls sich nämlich aus einem Diskurs herleiten ließe, „dass es keine absolut unrestringierte allumfassende Totalität gibt”, was bei ihm ja … noch immer, Einhorn sei Dank, einfach so ist. Badiou habe ja selbst nach „Das Sein und das Ereignis […] erkannt”, daß der „nicht die richtige Antwort” gehabt habe, zumal auf eine ungefragte Frage, ohne diskursive Praktiken oder epistemische Systeme, wie Gabriels Einhornteam weiß, das anders als schnöde Theorien vermutlich doch „ontologisch privilegiert” ist.

Neben dem, was er an Klugen wüßte, gibt es aber vor allem Triviales:

* aus der Kulturwissenschaft – der „Hinweis, man solle sich für die Nachspeise und Bezahlung alle Zeit nehmen”, ist also rhetorisch, so so! –,

* einem schwachen Einführungsproseminar in Erkenntnistheorie – ja, wir könnten alle, alle in einer Truman Show leben … Descartes’ genius malignus wird dann bei der Ausdeutung weggelassen, damit das, was Gabriel erzählt, origineller wirkt –,

* oder Sätze, die eigentlich nochmals das Buch sprengen müßten: „Einige Sinne, die Sinnfelder konstituieren, werden durch uns hervorgebracht, andere nicht”, doch „wie und ob etwas hervorgebracht wird, spielt […] nur eine untergeordnete Rolle”, es sei denn, man hätte postuliert, daß diskursive Praktiken oder epistemische Systeme irgendeiner Art hier nicht hereinspielen, auch nicht untergeordnet, was auch wieder schön vage bleibt.

Womit man zu dem Schluß kommt oder längst kam, daß dieses Buch einfach schlecht ist – aber nur in einem Sinnfeld, das offensichtlich nicht das des Bonner Lehrstuhls ist, wo Gabriel nun sitzt und im Sinnfeld seines Hörsaals wohl verbreitet, daß fortan das nicht eine, sondern die Philosophie sei.

Markus Gabriel
Sinn und Existenz - Eine realistische Ontologie
Suhrkamp
2016 · 507 Seiten · 22,00 Euro

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