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Wespennest 175 Hilfe
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Wespennest 175 Hilfe
Kritik

Den Wipfeln feig

Hamburg

Der Nachfolger von Gesummsel zeigt Markus Hallinger noch tiefer im Gebüsch, im Wald zwischen Leben und Gipfeln verortet. Die Gedichte in Würfelbruch, wie zuvor bei Peter Engstler erschienen, gehen in wandelnder Form wie jeden Morgen, jeden Abend aufs Neue los und stapfen durch ein Inventar aus vorwerklich Natur. Manchmal wirkt es wie ein Zurück-auf-los. Wieder und wieder begegnen wir den Stämmen, dem Horizont, Wasser und Tieren. Hallingers Sprache schlägt allerdings Wege, wo keine sind. Sie kann den Berg kommen lassen, den Horizont zertrümmern und in Worte fallen. Wir erleben kritische Naturreflektionen, die pointenlos sicher den Halm sein lässt, wo er ist. Oft geschieht gar nichts und die eindringende Sprache geht ein und lässt dem (Natur-) Bild ihre Größe, so wie sie sie verlässt. Dann aber scheint sie sich selbst zu verhaspeln, verschlucken. Hallinger spielt mit seinem Wege-Motiv, die Gedichte drängen sich selbst in Vordergrund. Die Bilder legen sich schlafen und über die Zeit scheint sich das Lyrische Ich durchzusetzen, es wird größer, will mehr. Wie getrieben noch, aber längst auch durch Innenräume oder Innenschauen. "Lebensträume ersaufen", irgendetwas schwant:

Unter welchem Sternzeichen
wir driften und gleiten,
es treiben die Flüsse landeinwärts,
es schwimmen die Gesichter.
In welcher Sprache,
über alle Sinne weg ist der Oberton hoch infektiös. Nicht zu kurieren.

Das Thema Krankheit beziehungsweise Unheil oder Unfall schleicht sich ein und stiehlt sich durch Hallingers Sprachwanderungen. Praktisch nie bleibt das Gedicht stehen, es schwingt, nimmt alles mit. Im nächsten Gedicht startet es wieder neu, scheint dabei aber gealtert zu sein über die vorhergehenden Erfahrungen.

Ein Habicht schreit wie in Gefangenschaft herzzerreißend
Zu Grunde liegt ein dunkles Blau
Die Stimme taucht
Kopfüber hängt im Wald das dunkle Blau
                                                               der Stimme
--------------------------
fällt, halt & los, fällt in die Nacht, wirft aus und balgt und schwelgt
Gewölle wechselndes Gefieder speit. Jäh. Blickdicht. Plötzlich
riesig groß
wirft körnig Nadeln....

So geht es los ins Blau
hin treten Bäume... hochinfektiös u. stöber, stoben.

Markus Hallinger benutzt ein ganzes Arsenal an Verfremdungen und Interventionen im Gedichtfluss, sowie Zeichen, Auslassungen und dergleichen. Jeweils meist nur ein oder zweimal und zu subtilem Effekt. Was wie Naturbeschauung allein zunächst daherkommt, entpuppt sich als Dekonstruktion zurück oder weg von der Sprache. Typografisch besonnen und sehr abwechslungsreich, bisweilen sogar ins Prosagedicht abschweifend. Besonders hervorzuheben ist Hallingers Ausgewogenheit zwischen einer nüchternen Sprachhaltung im Grundsätzlichen, eine die so leicht nichts erschüttern kann und keine, die Fanziositäten benötigt, und auf der anderen Seite, die die genannten elaborierten, cleveren Suboperationen in ihr zulässt, auch gelungen forciert. So kommt es zu einem stets offen-überraschenden Kontrast. In den schön bescheiden produzierten Band in einem Engstler-typischen Format folgt man Hallingers meist eher kurzen und prägnanten Streifzügen gern. Feine Trauer zwischen der Landschaft.

Markus Hallinger
Würfelbruch
Verlag Peter Engstler
2018 · 44 Seiten · 14,00 Euro
ISBN:
978-3-946685-08-1

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