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Wortschau, Veranstaltung Marburg
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Wortschau, Veranstaltung Marburg
Kritik

"ich setze voraus:"

Hamburg

Der Verfasser dieser Rezension hatte mal eine lange Diskussion mit einem Lektor, betreffend die "richtige" Länge von Gedichtbänden im Allgemeinen. Die Meinung des Lektors war, mehr als 80 Druckseiten müssten echt nicht sein; auch was ein Lyrikband sei, müsse einen Spannungsbogen tragen usw.; die Meinung des Verfassers dagegen war, er hätte da aber nun leider grob geschätzte 200 Seiten anzubieten und wüsste nicht, wo streichen, das gehöre alles zusammen …

Auch Markus R. Weber hatte mit dem vorliegenden Brüterich-Band, "vor augen", grob geschätzt 200 Seiten Lyrik anzubieten (genauer: 236). Aber dass das mit dem Aufbau und dem Spannungsbogen kein Hindernis gewesen ist, muss in diesem Fall nicht mit bloßem verlegerischen Überschwang erklärt werden: "vor augen" strukturiert sich quasi von selbst. Die acht Großkapitel können gelesen werden als Heldenlieder auf diverse Entdecker, Entwickler, Forscher … und nein, leider können wir hier nicht einfach taxfrei sagen, Weber handle von einer "Geschichte des Fortschritts", schreibe eine "Galerie der Aufklärung" oder so ähnlich – zu disparat sind die einzelnen Einträge in die Liste, auch springt der Band zeitlich hin und her, und so wenig, wie es unter den Besungenen Frauen gibt, gibt es ein übergreifendes Narrativ à la "Sternstunden der Menschheit". Was es dagegen gibt, ist eine Sammlung von Texten, die um Momente von Überschreitung irgendwelcher symbolischen Ordnungen von Wissen kreisen.

Die Besungenen sind (in der Reihenfolge des Buchs): Linné, Darwin, Newton, Cook, Leonardo da Vinci, die Brüder Wright, Humboldt, Heisenberg … und es ist dieser letzte, der uns das naheliegende Organisationsprinzip dieser Reihenfolge zunichtemacht: Linné zu Darwin, Newton zu Cook und Leonardo zu Wright, das lässt sich je irgendwie als  Theorie-zu-Praxis-Paarung ausmalen; aber Humboldt zu Heisenberg, das passt ausser durch, äh, Deutschland, nicht.

Webers Gedichte sind nicht unterkomplex, womit gesagt sein soll, dass sie sich formal stabil auf einiger Höhe bewegen, ohne uns zu langweilen, und dass sie inhaltlich nicht übermäßig Rücksicht auf den (mutmaßlich unzureichenden) Kenntnisstand der Leser über die wissenschaftlichen Sachthemen des jeweiligen Kapitels nehmen. Mit anderen Worten: "vor augen" wäre gut geeignet, um mal eine Studie darüber anzugehen, wie sich das bloße Vorhandensein von Wikipedia und Google auf die Themen und Formen der Dichtkunst auswirkt (Mutmaßung: Dass nichts, das prinzipiell gewusst werden kann, mehr extra aufbereitet werden muß, und dass der Text mit allen Materialien umspringen kann, wie das vor hundert oder fuffzig Jahren bloß für den jeweiligen "Bildungskanones" tat, wodurch damals das Zielpublikum leichter mal vorzusortieren war als als heute … Demokratisierung durch Digitalisierung! Hurrah!).

Wenn uns an dem Band etwas stören kann, dann vielleicht die (glücklicherweise nur) gelegentlich drübergestreuten Kalauer, welche wohl die doch eher anspruchsvollen Themen ein wenig leichter verdaulich machen sollen – von einer

kontin / ente

bis zu

belie
bixte[n]
kleine[n] por
tionen

– die aber ausser müdem Schmunzeln und regelmäßigem Entgleisen des Leseflusses nichts bewirken. Hingegen hervorragend aufgegangen erscheint das Kalkül Webers, gar nicht erst zu versuchen, "selber" (dh. durchs Text-Ich hindurch, in Konkurrenz zu seinen Protagonisten) extra-schlau oder belesen zu erscheinen. "Eigene" Ideen, die nicht unmittelbar der jeweiligen Heldenfigur und ihrer Story angehören, halten sich in den engen Grenzen des allernotwendigsten stage-setting –

hochwimmelnd
im barock auf
wirbelnde antike götter halb
götter figuren die die natur in gang
halten, werden (neuerung) durch formeln ersetzt.

dazwischen in tunika: Newton
figur, fingerzeiger (auf ab
tretend Euklid)

der hinauslief auf nassen
asphalt das glitzern von
nassem asphalt in der nacht

– und verunklären nicht die theoretischen und phantastischen Geistesregungen, mit denen sich der jeweils gegenständliche Geistesheld selbst herumschlagen musste.

"vor augen" gleicht der Behauptung, es könne das Genre "Gedichtband" in puncto Materialschlacht und Recherche mit dem Genre "Historienroman" mithalten; wir glauben die Behauptung auch gern und fühlen uns gut belehrt und unterhalten. Gelegentlich, dass wir uns vielleicht denken können, Weber hätte es hier und dort und da dabei bewenden lassen können, den offensichtlich beachtlichen Umfang dieser seiner Recherchen ein bisschen weniger dick aufzutragen … aber das wäre dann für die jeweiligen Fachleute nur der halbe Spaß, nichtwahr?

P.S.: Erst nach Korrekturlektüre der obigen Rezension fällt mir auf: Ich wollte doch eigentlich über meine Unsicherheit schreiben, die angesichts dieses Buches aufpoppt – ob ich das nämlich gut oder schlecht finden soll, dass wieder Themen einfach mal angedichtet werden, bei denen es nicht jedes Mal unmittelbar und sofort erkennbar auf ein GANZES! geht … Ob wir es da mit einer Erscheinung der fortgeschrittenen Arbeitsteilung und der Austreibung der Originalgenies zu tun haben, oder ausdiversivizierten Leserscharen, oder was … ? Leser_innenmeinungen dazu bitte, wie es bei youtube so schön heisst, in die Kommentare!

Markus R. Weber
vor augen
Brueterich Press
2017 · 236 Seiten · 20,00 Euro
ISBN:
978-3-945229-12-5

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