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Kritik

Wider die Härten des Herzens

Hamburg

Marlen Haushofer (1920-1970) scheint die große vergessene Jubilarin des Jahres 2020 zu sein. Während Beethoven, Hölderlin, Celan und andere trotz Corona medial abgefeiert werden, hat Ullstein, quasi der Haupt-Verlag der vor hundert Jahren im oberösterreichischen Frauenstein geborenen und vor fünfzig Jahren in Wien verstorbenen Schriftstellerin das Doppeljubiläum ohne Neuauflagen oder sonstige Veröffentlichungen verstreichen lassen. Da sich zeitlebens nur Haushofers Jugendbücher gut verkauften, ihre Erwachsenenliteratur, einschließlich des 2012 mit Martina Gedeck in der Hauptrolle verfilmten Romans "Die Wand" hingegen erst posthum so richtig in den Blick der Öffentlichkeit und zu angemessener Würdigung kam, mögen hierfür vor allem auch wirtschaftliche Überlegungen entscheidend gewesen sein. Das ist mehr als schade, denn der gleichermaßen elegante wie situativ-präzise Ton und die Sujets, in denen auch immer in wechselnder Beziehung zueinander stehende Frauen- und Männerrollen und -bilder eine zentrale Rolle spielen verleiht dem Werk eine zeitlose Gültigkeit, die vielleicht in ihrer ganzen Wirkmächtigkeit noch längst nicht erschlossen erscheint.1

Da ist es erfreulich, dass sich aktuell einzig der in Innsbruck und Wien ansässige und sehr rührige Limbus-Verlag der Wiederherausgabe eines der kleineren Werke Marlen Haushofers annimmt. In der Reihe "Limbus Preziosen" ___STEADY_PAYWALL___ sind in schlichter und schöner Aufmachung soeben drei Märchen der Autorin erschienen, die zuerst 1972 im Verlag Jugend und Volk aus dem Nachlass aufgelegt worden waren. Entgegen der ursprünglichen Veröffentlichung, die den Titel "Das Waldmädchen" trug, nach dem ersten der drei kleinen Prosastücke, hat Limbus das Buch nach dem abschließenden Text "Der gute Bruder Ulrich" benannt; die beiden umarmen gewissermaßen das dritte Märchen, "Das Nixenkind". Ein ausführliches Nachwort von Markus Bundi schließt den nur knapp über sechzig Seiten schmalen Band ab, in welchem er den (literaturhistorisch nicht zweifelsfrei nachweisbaren) trilogischen Charakter des kleinen Werkes plausibel macht.

Zwar mögen diese Märchen aufgrund ihrer schlichten Sprache und einer an die Grimmschen Hausmärchen erinnernden Struktur durchaus auch für jüngere Lesende geeignet erscheinen; doch ist ihre eigentliche Zielgruppe ein erwachsenes Publikum, das die impliziten Feinheiten aufgrund eigener Lebenserfahrung zu goutieren imstande ist. In den beiden ersten Texten werden auf merkwürdige Art und Weise Geschlechterrollen behandelt, die vordergründig eine traditionelle Festgefügtheit männlicher Dominanz und weiblicher Mutterglück-Seligkeit behaupten, und zwar so unhinterfragend-apodiktisch, dass das Publikum den immanenten Widerspruch mit jedem Satz zu spüren bekommt. Vielleicht ist Haushofer nicht die Feministin gewesen, die die Frauenbewegung der 1960er und 1970er Jahre in ihr zu entdecken glaubte (vor allem wegen des doch sehr eindeutigen Finales von "Die Wand", in welcher die Heldin durch die Erlegung des letzten männlichen Eindringlings in ihre Abgeschiedenheit das Ende der Spezies homo sapiens besiegelt); ihre Frauenfiguren lassen sich nicht einfach auf ihre Forderung nach unbedingter Autarkie reduzieren. So ist denn auch die offensichtliche Unterordnung des Waldmädchens und der Müllerin im "Nixenkind" unter eine vermeintlich naturgegebene Mutter-Erwartungsrolle für das Publikum wenig plausibel. Man möchte ständig protestieren gegen die Haltung der Protagonistinnen und den ihnen von außen übergestülpten Schicksalen. Gleichzeitig verleiht Haushofer ihren Märchen eine stille, verzweifelte Melancholie, die mitunter geeignet ist, zu aufsteigenden Tränen zu rühren, verhärtet Geglaubtes auf- oder zumindest anzulösen. Es geht eben auch um die einfachen, aber oft schwer zu beantwortenden Fragen nach Heimat und Lebensglück, und auch die männlichen Figuren handeln trotz ihrer erzählerisch behaupteten Dominanz mehrheitlich mitfühlend und entgegenkommend - freilich immer im Rahmen familiärer Konventionen. Das "gute Ende" der jeweiligen Prosastücke kann daher nicht überzeugen, und das ist von Haushofer klar intendiert: das sind Märchen - das ist nicht Wirklichkeit. Hier reiben sich Form und Gehalt auf ganz eigene Weise, die scheinbar positiven Schlüsse können auch als vergiftete Selbsttäuschungen der Protagonistinnen gelesen werden.

"Der gute Bruder Ulrich" handelt dagegen vorrangig von Hierarchie, Egoismus und der Sühne von Lebensschuld in der Beziehung zweier Ziehbrüder. Doch auch hier haben die darin vorkommenden weiblichen Figuren dienende und unausweichlich männlich vorherbestimmte Aufgaben. Sie definieren nicht den Rahmen, die eigenen Lebensabläufe. Auch hier bürstet Haushofer das heutige Leseempfinden gehörig gegen den Strich. Insofern ist es nachvollziehbar, wenn Markus Bundi in seinem Nachwort seine Überzeugung anmerkt, "[d]ass es sich bei den drei Märchen um eine Trilogie (beziehungsweise ein Tryptichon) handelt", auch wenn es wie schon erwähnt keine gesicherten Erkenntnisse über Zeitpunkt und Ort ihrer Entstehung gibt.

Was diese drei kleinen, kunstvoll-schlicht gesponnenen Texte so lesenswert macht, ist Marlen Haushofers Gabe, zwischen unterschiedlichen Rezeptionshaltungen zu vermitteln. Die Märchen-Trilogie bietet Raum für eine interpretatorische Offenheit, die fast automatisch die eigene Lesart immer wieder hinterfragen muss.

Marlen Haushofer
Der gute Bruder Ulrich / Märchen-Trilogie
Mit einem Nachwort von Markus Bundi
Limbus Verlag
2020 · 64 Seiten · 12,00 Euro
ISBN:
978-3-99039-165-5

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