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Kritik

Verhangene Welt mit ungeahnten Einsichten

Mit einer lebhaften wie unterhaltsamen Mischung gewährt Martin Becker Einblicke in die tschechische Seelenlage und seiner Literatur
Hamburg

Das Nachbarland Tschechien steht immer noch, trotz einer gemeinsamen Grenze von 811 Kilometern, allzu oft im Schatten unserer Wahrnehmung. Ungeachtet einer gemeinsamen mitteleuropäischen Geschichte ist uns die tschechische Kultur fremd, der ideologisch bedingte Eiserne Vorhang der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hat bis heute Nachwirkungen.

Ganz offensichtlich hatte der längere Aufenthalt in Prag den deutschen Autor Martin Becker gut getan. Mit seinem Büchlein „Warten auf Kafka“ legt er eine quirrlige und zugleich landeskundliche Einführung zur tschechischen Hauptstadt Prag und vor allem zur Literatur des Landes vor. Wie der spielerische Titel oder auch die gewählte Einteilung der Kapitel in die Anzahl getrunkener Biere belegen, bemüht Martin Becker Assoziationen und Wortwitz. Dies betrifft vor allem auch seine eigenen Eskapaden, die geschickt zwischen die porträtierten Schriftsteller eingeflochten sind. Auch wenn diese Rahmenerzählung über seinen Aufenthalt in Prag zuweilen ein wenig konstruiert wirken, gelingt ihm dennoch eine treffliche atmosphärische Beschreibung der verhangenen Welt der Prager Kneipen mit ihren ewigen Geschichten. 

Es ist das „tschechische Erzählen“, welches Martin Becker in Atem hält. Letztlich ist es der Lektüre von Milan Kunderas Roman „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ zu verdanken, daß Becker einst den Sprung über die Grenze wagte, um den Ort des Geschehens unmittelbar auf sich wirken zu lassen. Martin Beckers großes Verdienst kommt in indirekter Weise zur Geltung. Seine Neugier auf dieses Land war groß genug, sich den Büchern seiner Autoren zu nähern. Er entdeckt, wie mit Božena Němcová, die mit ihrem Roman „Babička“(Die Großmutter) im 19. Jahrhundert das Tor zur Weltliteratur aufgestoßen hatte. Kundig geht Becker den Spuren Karel Čapeks oder Jaroslav Hašeks nach und ebenso originell werden der sagenumwobene Golem mit dem unvermeidlichen Franz Kafka, der in der einstigen ČSSR mühsam rehabilitiert werden mußte, in Betrachtung gezogen.

Besonders verdienstvoll ist Beckers Blick auf Autoren, die oft genug zu Unrecht außerhalb des Landes zuwenig Aufmerksamkeit gefunden hatten. In besonderer Weise trifft dies Ota Pavel, dessen wichtigste Bücher auch in das Deutsche übersetzt wurden. Becker bewundert Pavels Erzählen über Herkunft und Kindheit in der „malerischen Landschaft Mittelböhmens, mit diesem Fluß namens Berounka, dem Ota Pavel ein Denkmal für die Ewigkeit gesetzt hat, ja, für den er, so weit würde ich gehen, das ganz eigene Genre der bukolischen Flußprosa erfunden hat“. An diesem Schriftsteller, wie auch etwa an Lenka Reinerová, die auf Deutsch schrieb, bündelt sich neben einem lebensfrohen Optimismus auch die Brutalität und Grausamkeit, mit welcher Land und Leute im 20. Jahrhundert der nazistischen und stalinistischen Totalität ausgesetzt waren.

In einem Bierlokal vermeinte Becker, in einem stillen Besucher den bereits 1973 verstorbenen Ota Pavel wiedererkannt zu haben. Aber hier verschwimmen Fiktion und Wirklichkeit. So, wie es in diesen Bierstuben eben vorkommen kann und genau so, wie es in der fulminanten Prosa eines Bohumil Hrabal auf atemberaubende Weise zum Ausdruck kommt. Beckers Hrabal-Porträt ist sicher seine gelungenste Hommage für einen tschechischen Schriftsteller, obwohl er manchmal mehrere Anläufe brauchte, „um plötzlich zu bemerken, daß dieser Ausflug in das Land der Geschichten modern und aufregend ist, daß sich das Geschehen der ganzen Menschheit durchaus im regennassen Kopfsteinpflaster des kleinen Örtchens Nymburk spiegeln kann, wo Hrabal aufgewachsen ist“.

Daß Martin Becker mit Lyrik, wie er anmerkt, nicht viel anfangen kann ist schade. Denn die tschechische Literatur ist nachhaltig von der Tradition großer Dichter wie etwa Konstantin Biebl, Vladimír Holan, Vítězslav Nezval oder auch Jaroslav Seifert, dem bislang einzigen Literatur-Nobelpreisträger Tschechiens, geprägt. Die vitale Buntheit der tschechischen Literatur, die Martin Becker in der Prosa zurecht hervorhebt und schätzt, hatte nicht zuletzt im tschechischen „Poetismus“ der 1920er seinen originären Ausdruck gefunden.

Eine Auflistung wichtiger Bücher rundet dieses aufregende Buch ab, wenngleich ein Titel, dessen Autor Martin Becker besonders hervorgehoben hatte, leider fehlt: Petr Hruška „Jarek anrufen“(2008) in der kongenialen Übersetzung Reiner Kunzes.

Dieses Buch ist keine vollständige Einführung in die tschechische Literatur und will dies auch gar nicht sein. In jedem Fall ist es Martin Becker aber gelungen, auf den vor Leben und Phantasie sprühenden Kosmos der tschechischen Literatur aufmerksam zu machen. Seine durchweg gelungenen Porträts tschechischer Schriftsteller machen Lust auf Lektüre. Das beste Kompliment, das einem Autor zu machen ist.

Martin Becker
Warten auf Kafka
Luchterhand
2019 · 224 Seiten · 16,00 Euro
ISBN:
978-3-630-87576-7

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