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Edition paradogs #3 - wo Hakenkäuzchen plärren
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Edition paradogs #3 - wo Hakenkäuzchen plärren
Kritik

#istdaseingedicht

Hamburg

Eine neue Anthologie ist erschienen. Nora Gomringer und Martin Beyer wollen bei Voland & Quist zeigen, dass "Lyrik einen schlechten Ruf" zu Unrecht habe und sie hiermit etwas dagegen unternehmen wollen. Der pink-türkise Band kommt dementsprechend poppig daher und tut auch in seiner Auswahl, Ansprache und Gemeinsamer-Nenner-Findung alles, um (neue) Leute zu gewinnen. Die Frage ist, an wen sich das ganze richtet. Mit den einführenden Epochen-/ Thementexten zu Barock bis Terror, Natur, Gender sieht es eigentlich so aus, als ob man es mit einer Schullektüre zu tun haben könnte. Gomringer und Beyer sprechen davon, nach Vorbildern wie der Lyrischen Hausapotheke Kästners oder dem Museum der modernen Poesie Enzensbergers zu greifen. Die Auswahl der alphabetisch geordneten Beiträge versammelt vieles, was nicht unbedingt im Jahrbuch der Lyrik oder dem Lyrikkalender etc. stehen würde, so zum Beispiel Songtexte, Raps und slam poetry, von Peter Fox, Deichkind, Bas Böttcher u.a. Interessant ist die durch ein inflationäres Versammeln von hashtags je Beitrag entstehende "Arbeitsgemeinschaft von Begriffen", deren häufigste tatsächlich #istdaseingedicht und ähnliche sind. Ob das Leuten der Nicht-Generation Smartphone/ Social Media oder wie man sie zusammenfassen mag, tatsächlich etwas sagt oder Gewicht zugesteht, ist nicht klar. Der kleinste gemeinsame Nenner bei der Auswahl der Gedichte ist auch nicht unbedingt Bandbreite oder Abwechslungsreichtum, eher noch "Klarheit", so man dieses Überstülpen überhaupt kann. Kaum ein Beitrag, bei dem Inhalt und Form nicht symbiontisch korrelieren würden, kaum einer, der Unwuchten experimentell zum Ergebnis haben könnte, oder Sprache als unbekannten Partner vorhält. Mehr noch, die meisten Texte halten sich tatsächlich an Reimschemata, sind kurz und verhandeln eher populäre Themen, die "einen was angehen".

Dies macht sie auf jeden Fall zu einer Anthologie mit Haltung. Einige Beiträge, wie Lydia Daher oder Carolin Würfel, auch Thomas Bernhard, Yahya Hassan und Uljana Wolf sind über diesen "Nenner" hinaus einprägsam. Es wäre gut möglich, sich diese Klammer um Lyrik (und ihre populären Erweiterungen/ Einschlüsse) an Schulen und schulähnlichen Institutionen vorzustellen, um ein Heranführen nach Gusto und Selbstauswahl anbieten zu können und keinen Kanon mit Leumund bemühen zu müssen. So wäre #poesie auch exakt für diesen jung-didaktischen Rahmen zu empfehlen. Für alle anderen Genreaffinen, LeserInnen oder Schreibende, ist sie eher eine schräge Ergänzung, die "freiere" Ansätze glatt ausklammert. Es ist sicherlich wichtig, und darin allein lobenswert solch eine Arbeit von Gomringer und Beyer, diese sogenannte neue LeserInnen-Generation zu gewinnen, einfach, auf dass es mehr werden, aber es könnte bei keinem Level 2 des ganzen auch zu einer Einseitigkeit kommen, bei der weiteres Schisma sich Bahn bricht, in "funktionierenden" Pop-Gehalt, inkl. Songs, Slam etc. und einen irgendwo stehenden Rest für "eingewiesene Ausgeweihte" (Bert Papenfuß), der sich vielleicht auch über Rückendeckung freuen würde.

Martin Beyer (Hg.) · Nora Gomringer (Hg.)
#poesie
Voland & Quist
2018 · 128 Seiten · 20,00 Euro
ISBN:
978-3-863911-97-3

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