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Kritik

Ich konnte nicht aufhören, still zu sitzen

Hamburg

Pseudo heißt ein bereits im Jahre 2000 veröffentlichter Gedichtband von Martín Gambarotta. Der argentinische Lyriker aus Buenos Aires hat ihn damals vor 17 Jahren bei Ediciones Vox (Bahia Blanca) erstveröffentlicht. Jetzt ist er im Jahresprogramm 2017 der Brueterich Press in deutscher Erstübersetzung von Timo Berger erschienen. Verleger Stolterfoht setzt damit seine Importe fremdsprachiger Lyrik fort, nach Els Moors (Niederländisch), Andrew Duncan und Cyrus Console (Englisch) nun also das erste Spanisch sprachige Werk. Wie nicht anders zu erwarten, ist es sperrig, doch nicht in einem etwa überfordernden Sinne, sondern eher einem unterfordernden. Gambarottas Sammlung, die mehr einem einzigen vielstrophigen und polymorphen Langgedicht verpflichtet scheint, ist auf den ersten Blick zäh und dickflüssig. Sie lebt von der Wiederkehr, dem Aussprechen, der Variation und dem Verzicht auf Gags und Effekte hin zu einer Analyse. Pseudo ist ein ernstgemeintes, trauermüdes Insistieren auf seltsam beharrlicher Einfachheit. Ohne jede Überraschung serviert – vielleicht einmal davon abgesehen, dass eine Strophe/ ein Gedicht in Pseudo so aussehen kann:

"Pseudo steht mit dem Zombielachs in der Küche
und nimmt eine Droge, um sein Zielen zu verbessern.
Und hängt ein Laken aus Gardine vors Fenster.
Und sieht sich die Ermordung von Luis Donaldo Colosio an.
Und stillt seinen Durst nach einem unanständigen Sport
mit dem englischen Fähnchen seiner Reeboks."

oder so :

"Fläschchen"

Doch es ist verkürzt und vorweg rezipiert, dass Gambarottas Dichtkunst an Unterkomplexität leide, oder Beliebigkeit. Das tut sie nicht. Sie ist im Gegenteil sehr genau und erläutert gewissermaßen sich selbst und ihr reduziertes Vokabular in jeder neuen Strophe. Vermeintliche random picks entpuppen sich als Schlüsselwörter, die immer wieder auftauchen. Dazu gehören "Chinese, Fisch, Pflanze, Tee, Schlange, Brot, Huhn, Ei, Melone, Bassist etc." und natürlich die beiden Hauptpersonen, wenn man so sagen darf, Pseudo und Arnaut, die sich einen immerwährenden Dialog liefern, immerflimmernde Geständnisse und Weisheiten, Ereignisse tauschen. Die Form wechselt von kräftigen Prosagedichten, wie gesehen zu Kurzversen und Mittelgedichten, leicht oder mit trashigen Endreimen versehen, sprachspielerischen Nirgendwos in der Leere von Früchten auf Schale oder nichts in der Schale oder keine Schale etc. Thematisch geht es mit viel Kolorit (es gibt ein kleines Glossar am Ende des Bandes) um eine typisch südamerikanische Sicht auf Politik, Maoismus, Sport, Liebe und Existenzialismus bzw. Selbstvergewisserung. Dabei ist Gambarottas Stil eigen, wie geschildert mühlenartig, dickflüssig, doch präzise und gewollt in einem Gewand aus Trash und eben fast Pseudo-Gedichten um nichts.

"Der Tee im Kessel
der Wein im Glas
Arnaut in seinem Zimmer
den Schwanz in seiner Hand."

Textgrafisch sind die fettgedruckten Übersetzungen Bergers die Seitenöffner, kurz darunter befinden sich in schmaler und kleiner Type, wie eine Fußnote, die spanischen Originale mit slashes statt Umbrüchen. Timo Bergers Übersetzungskunst ist es, den Sound von Gambarotta genau und präzis rüberzubringen: Wo der Argentinier in Spielereien abdriftet, reimt und abgeht, tut Berger dasselbe mit Erfolg. Eine starke Arbeit.

Aus den Gedichten:

"Musik hören
den ganzen Tag, den ganzen Tag
will ich und nachts arbeiten
ich will eine leichte Arbeit
mich um Pflanzen kümmern
in einem Gewächshaus (auf
der anderen Seite der Gleise)
wo man sich in einem Haus
aus Glas auf einen Stuhl setzen kann
um das Brummen
der Würde
aus dem Kopf zu bekommen."

*

"Pseudo ist das kaltblütige Ziel
des Morgens, der am meisten Gehasste, der Athlet.

Er hat einen Namen, Spitznamen und wissenschaftlichen
Namen und die Summe der drei ergibt
die Nomenklatur seiner Natur.

Aber Arnaut, nicht Pseudo, kennt
die monastische Qualität des Lichts
und denen, die sie auch kennen, widmet er:
die Wiedergeburt eines Ochsen
die Arbeitsniederlegung
den Aufruf zur Gewalt.
Einen schwarzen Kupferpfeil."

*

"Wenn du das Brot neben
die Bananen in den Korb legst
bekommt das Brot
einen Bananen-
geschmack
aber wenn du mich fragst
wie es so spät
werden konnte
muss ich passen: Ich weiß es nicht."

*

"Zwei Namen zu haben und nicht zu wissen, welcher vor dem
anderen steht. Das Meer schwarze Milch genannt zu haben.
Wenn er mit einem Schlag aufwacht, weiß er manchmal für einen
Moment nicht, wer er ist, wo er sich befindet, welche Sprache er
spricht, zu welcher Klasse er gehört, und befragt sich ans Bettende
geklammert in einem raschen Verhör selbst. Bis der Kopf die Teile
neu zusammenfügt und ihm antwortet: Du bist Arnaut, bist in
Buenos Aires, sprichst keine einzige Sprache, mir fällt keine
Definition für diejenigen ein, die zu deiner Klasse gehören."

Martín Gambarotta ist ein produktiver Autor, der über sechs eigene Gedichtbände verfasst hat, die in sich jenen ähnlichen Ansatz von Pseudo verfolgen, eine Realität aus sprachlichen Festlegungen vorzuführen, wiederzukauen, über scheinbar zufällige word picks zu meditieren, sie auf eine Weise in immer neuen Strophen wiederzugebären und damit zu verändern. Pseudo liest sich alles andere als leicht, obwohl der Text auf den ersten Blick leicht ist. Das ist das Besondere. Gambarotta beherrscht die unsichtbare Technik, ohne Manierismen Sprache als Werkzeug über den Inhalt zu stellen, gleichzeitig nichts zu sagen, aber Bilder entstehen zu lassen und sie zu kolorieren. Ein schwieriges Buch, nicht unbedingt für jeden, denn es ist bizarr lebendig und schlaff zugleich, was eigentlich nicht geht. Tja.

Martín Gambarotta
Pseudo
Übersetzung: Timo Berger
Brueterich Press
2017 · 20,00 Euro
ISBN:
ISBN 978-3-945229-14-9

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