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Kritik

Ich bin kein Wetterbericht

Hamburg

Bitte interpretieren Sie mich nicht.

so lautet der letzte Satz dieses Buchs. Doch was bleibt einer Rezensentin anderes übrig, als (dreist/anmaßend/widerständig) die Bitte des Autors zu missachten. Ich kann und will ihm auch gar nicht Folge leisten, sondern mir statt dessen (gern/hingerissen/beglückt) lieber meinen eigenen, subjektiven Rezensionspfad durch seine Gedichte legen und finde mich in einem anderen Gedicht wieder, in dem er schreibt

Ich bin für ein Publikum, das Teil
Des Gedichts werden will

wobei es für Lesende keine Frage des Wollens ist, sondern eine unleugbare Tatsache: Wir alle sind, wie Martin Piekar, Teil von jener Welt, die er dichtend kritisiert, und somit mittendrin.

„AmokPerVers“ ist das dritte Buch des Autors. Nach seinem Debüt „Bastard Echo“ (2014) legt er nun seinen zweiten Lyrikband im Verlagshaus Berlin vor. Der Titel ist reißerisch. Amok ist etwas, dem wir hilflos ausgeliefert sind, das angstbesetzt ist, weil es uns jederzeit treffen, und auf das man sich nicht vorbereiten kann. Wir denken an Gewaltausbrüche von Männern, die alles Lebendige, das ihren Weg kreuzt, wahllos mit einer Waffe niedermähen (Anm.: Amokläufe von Frauen kommen zwar vor, sind jedoch extrem seltene Ereignisse).

Amok richtet Freiheit durch Freiheit

schreibt hierzu Martin Piekar. Was meint er damit? Darf die männlich anmaßende Freiheit des Richtens alle anderen Freiheiten auslöschen? Will er verherrlichen? Rennt der Dichter jetzt gleich Amok, sozusagen ein Amok mit Ansage? Und wenn ja, wie?

Ich bin Autodidakt des Amoks

gesteht der Dichter im Titel gebenden Gedicht AmokperVers, das im zwölften von insgesamt 13 Gedichtzyklen dieses Buchs zu lesen ist – wobei noch hinzugefügt werden muss, dass sich der Titel in unterschiedlichen Schreibweisen im Buch und in der Verlagsaussendung finden lässt. Und er sinniert weiter:

Im Gedicht ist kein Amok

Eigentlich pervers
Vom Amok zu dichten
Ich will keine Berichterstattung sein

Seine Gedichte sind radikal aus der Ich-Perspektive geschrieben und ehrliche, schonungslose Selbstbefragungen und Selbstauskünfte. Da ist ein Dichter, dem wir beim Wahrnehmen, Fühlen und Denken zusehen, wenn er drängendem Wie? und Warum? nachgeht. Er offenbart sich dabei nie als einer, der allzeit Bescheid weiß, sondern ist einer, der ewige Bescheidwisser und Einflüsterer beargwöhnt

Niemandem trauen, der auf jede meiner Fragen
Eine Antwort kennt

Piekar spielt mit der Bedeutung des Wortes per Vers / pervers, gleichwohl ist nichts in seinen Versen als pervers im sexuellen Kontext zu bezeichnen, sondern pervers, man könnte auch wahnsinnig dazu sagen, sind die ihn umgebenden, alltäglichen Ereignisse und widersinnigen Tatsachen, die auf ihn (und uns) einstürzen und denen er versucht, mit seinen Mitteln der Sprache zu begegnen.

Vielleicht kann ich ja Gedichte
Pervertieren -
Spontane Rage drüberlegen

überlegt er. Gleichwohl zweifelt er an der Kraft des Wortes, ist

Unsicher, ob friedlicher Widerstand
Nachhaltig bleibt

Er ist ratlos, gesteht seine Angst, bleibt zuweilen ohne Hoffnung. Und er zeigt sich als begnadeter Zweifler, der sich im Gedicht auch einmal an Gleichgesinnte wendet

Liebe Dichter*innen, helft mir
Wie schreibt man gegen Brandanschläge an?
Gegen Nachrichten wie Schürhaken
Gegendruck Welt, Fakenews Valuta
Angststörungen, AlternativParteien

Womit schon ein paar der Themen angerissen wären. Alle Gedichte dieses Buchs sind politische, doch nie plumpe und/oder agitatorische Meinungsäußerungen, sondern sprachmächtige Erkundungen der eigenen politischen Haltung. Selbst jene Texte, die ins Private reichen und von diesem genährt werden, zeigen eindrücklich, dass auch vermeintlich Privates politisch sein kann und dies für Piekar unleugbar so ist. Die zentrale Frage, die ihn umtreibt: Wie gehen wir mit uns und mit anderen um? Und er sucht nach Antworten, ringt um Wahrheiten und Erkenntnis. Er thematisiert kriegerische Konflikte in der Welt, die Macht von Staatsgrenzen, Passkontrollen und Willkür, die Ungleichverteilung materieller Güter, allgegenwärtigen Terror, Terrorangst und den Verlust der Unbeschwertheit, etwa beim Besuch des M'era Luna Festivals. Er kritisiert die Macht sozialer „Hetzmedien“, Populismus und digitale Bevormundung, wendet sich gegen tendenziöse und „informationsabgereicherte“ Berichterstattung, reflektiert die Situation von Flüchtlingen und Migranten sowie das Asylwesen. Und er erzählt von Sex und Liebe, von Alkohol und Kontrollverlust. Piekar ist stets mittendrin, setzt sich ins Verhältnis, nimmt Stellung, braust auf, ringt um Kontrolle, fragt nach, wägt ab. Dabei ist er sich seiner privilegierten Situation bewusst:

Ein frenetisches, genetisches Roulette
Weiß, Mitte zwanzig, Student
Ich könnte doch ein Patriarch sein
Schau mich nicht so an
Ich will niemanden unterdrücken
Aber es fällt so leicht

Aus ihm wird, so kann vermutet werden, niemals ein Patriarch werden, denn er zeigt Empathie, ist bereit, den Blick eines „du“ auf Augenhöhe wahrzunehmen und sich darin kritisch zu erleben. Und mag er zuweilen ein martialisches Gehabe zeigen (wollen)

Ich ist ein
Schwarzer Block

so beweist er zugleich mit diesem Buch, dass er zwar möglicherweise „kein ElitePartner“ (wer ist  das schon), aber ein hellwacher Mensch ist, der unbrachial zuweilen auf der Suche nach Schönheit ist, der sich manchmal fragt, ob er nun schon zu kitschig oder pathetisch sei (nie!), und zudem auch zarte, ja zärtliche Töne kennt, wenn er ein Liebesgedicht schenkt oder den Gedichtzyklus „Dirty Diaries“, der nach dem Betrachten einer feministischen Pornofilmsammlung gleichen Namens entstand, mit der Anmerkung versieht: „Das bin ich nach den feministischen Pornos“ und dann fern jedes Machogehabes bekennt:

Ich habe dich nie gefickt. Ich habe / Immer mit dir gefickt / Und mir war nie / Mein Glück selbstbewusster.

Piekars Gedichte sind nicht hand-, sondern wortgreiflich, sie packen, gehen nahe. Er überrascht durch seine erfrischende Sprachlust und so manche Fragen und Wendungen, erfreut durch Wortneuschöpfungen und aphoristische Einsprengsel, die selten auch ins Kalauernde rutschen. Und er beherrscht die Kunst der sachten Ironie. Zahlreiche Zitate sind in seine Gedichte eingestreut, etwa aus Songtexten diverser Metal- (System Of A Down, Gothminister, Die Krupps, ...) und Rockbands (The Sisters Of Mercy), außerdem Zitate von AutorInnen (u.a. J.D. Salinger, Volker Braun, Mascha Kaleko, usw.). Ein furioses Buch, das nie lauthals Amok läuft, sondern Amok in Worte lenkt, eine reiche Palette an Zwischentönen und wundervoll präzisen Formulierungen bereit hält und zu einer work in progress einlädt, denn auch

Ich bin für Gedichte, die
Mich kritisch betrachten
Ich bin für Gedichte, die in mir
Sedimentieren, sich aussprechen
Ich bin für Gedichte, in denen man
Für du dankbar
Ich bin für Gedichte, die sich
Wütend auf die Welt
Ich bin für Gedichte, die
Offen geil sind nach allen Geschlechtern
Ich bin für Gedichte, die inkompatibel

P.S.: Illustriert ist dieser Band mit Strichzeichnungen von Robin Wagemann. Er skizziert surreal fragmentierte Mensch-, Tier- und Dingkörper, die manchmal ungelenken Kinderzeichnungen ähneln, dann wieder auf komplexe Art und Weise die tastenden Erkundungen Martin Piekars nachempfinden.

Anmerkung der Redaktion: Gestern wurde Martin Piekar mit dem 2. Platz des Lyrikpreises Meran, dem Alfred-Gruber Preis der Stiftung Sparkasse 2018 ausgezeichnet. Wir gratulieren sehr herzlich.

Martin Piekar
Amok PerVers
ILLUSTRATIONEN: Robin Wagemann
Verlagshaus Berlin
2018 · 15,90 Euro
ISBN:
978-3-945832-25-7

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