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Kritik

Gestrichen

Hamburg

Unter dem chinesischen Titel Shānshī Censored (Zensiert) (wörtlich „gestrichen und verloren“) gab Juliane Adler im Verlag fabrik.transit, Wien, zehn englische Gedichte des österreichischen Sinologen und Poeten Martin Winter heraus, die von Yi Sha und Lao G kongenial ins Chinesische übersetzt, aber von der chinesischen Zensur gestrichen wurden. Martin Winter übersetzte bereits früher Gedichte von Yi Sha ins Deutsche, und Yī Shā 伊沙 Gedichte von Martin Winter ins Chinesische.

Beide Autoren schufen mit ihrer Zusammenarbeit eine poetische Brücke zwischen chinesischen und deutschsprachigen Räumen. Es gibt nicht viele Fälle derartiger Zusammenarbeit, die offenbar erst im 21. Jahrhundert beginnt.

Martin Winter schreibt nur scheinbar schlichte an ___STEADY_PAYWALL___Aufzählgedichte der Kindheit erinnernde lyrische Texte, die es in sich haben, „Es“ bedeutet in diesem Fall die einfache, für jeden sichtbare Wahrheit, die aber geflissentlich geleugnet wird, eben die Wahrheit des Königs ohne Kleider. Die Wahrheit in einem von Angst erfülltem Raum. Der Vorsitzende oder auch Generalsekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei ist der Herrscher über 1,3 Milliarden Menschen, den keine Chinesin und kein Chinese wählt, denn er ist nicht wirklich in einem demokratischen Prozess wählbar. Insofern ist die Volksrepublik China eine Diktatur.

Chairman

chairman, he is not a bird
chairman, he is not a plane

what is chairman all about?
chairman makes a chair for you
chairman, he makes all the legs
chairman, he makes all the arms
chairman, he makes every back
chairman, he makes all the chairs
don’t tell me you didn’t know …
 

Der chairman, 主席 zhǔxí, wörtlich derjenige der auf der „Haupt-Matte“ sitzt, denn bis zur Táng-Zeit des 7. Jahrhunderts nach Chr. saß man in China nicht auf Stühlen sondern (wie später noch in Japan) auf Matten, ist der CHEF. Martin Winter ironisiert die Macht, indem er den Begriff scheinbar naiv wörtlich nimmt: Der Stuhlmacher ist kein Vogel, nein, auch kein Flugzeug, nein, sondern er macht Stuhlbeine, Armstützen und Rückenlehnen, denn er macht alle Stühle, er macht überhaupt alles, er ist letztlich für alles verantwortlich, denn er ist der Mächtigste, der Autokrat, der alle Macht in seinen Händen hält, und wenn es die Situation zu verlangen scheint, eben einmal die „Volksbefreiungsarmee“ einsetzt, um demokratische, gewaltlose Demonstrationen der Jugend niederzuwalzen oder ein (Un-) „Sicherheitsgesetz für Hongkong“ aufoktroyiert und droht, demokratische Elemente von Militärstiefeln zerstampfen zu lassen. Niemand sage, er wüsste es nicht.

Aber wir sollten nicht arrogant werden: In Deutschland gab es im 20. Jahrhundert von 1919 bis 1933 keine Zensur, von 1933 bis 1945 Zensur als Element eines mörderischen Systems und von 1949 bis 1989 in der DDR die Zensur der StaSi. Immerhin haben wir aus den historischen Erfahrungen gelernt: Zensur ist so dumm wie die undemokratische Macht, damit brutal und inhuman, damit einem zivilen Land nicht angemessen und eine Schmach für Länder mit großartigen kulturellen Artefakten und Werten, nein, eine Schmach für jedes Land gleichgültig welcher Sprache und Kultur. Ein Gedicht des 21. Jahrhunderts sollte vielleicht gegendert sein, so hat der Dichter eine zweite Strophe angefügt:

what is chairlady about?
chairlady will make them too
chairlady makes all the legs
chairlady makes all the arms
chairlady makes every back
chairlady makes all the chairs
don’t tell me you didn’t know

Nein, in diesem Falle sind die Frauen nicht die besseren Menschen, leider nicht, Frauen im Machtapparat wirken an der Ausübung absoluter Macht mit. Gut, dass der Dichter Martin Winter in Wien lebt, für solch ein Gedicht kann man im Reich des Vorsitzenden und der Vorsitzenden schon einmal für ein Jahrzehnt ins Gefängnis (d. h. Arbeitslager) kommen, sodass ein solcher Text den unglaublichen Wert eines Siebtels der durchschnittlichen Lebenszeit eines Menschen repräsentiert.

Im zweiten Gedicht marschiert Martin Winter auf einem kurzen Marsch durch die neuere Geschichte des Landes und erwähnt die Hungersnöte 1959-1961 infolge der verfehlten Politik des „Großen Sprungs nach vorn“, die Entbehrungen der “Großen proletarischen Kulturrevolution“, die einen Bildersturm gegen die traditionelle Kultur Chinas darstellte, Zerstörungen der Hutong, der alten, engen, aber erneuerbaren Wohnviertel mit schönen Innenhöfen um den Kaiserpalast in Beijing, die in ihrer Einzigartigkeit die Chance einer spezifisch fernöstlichen Urbanität boten:

 

…then they brought in private money
razed the crowded little houses
razed the workers’ houses, too …

 

Ai Weiwei erinnerte mit seinem Turm aus alten Türen dieser Häuser template 2007 während der Dokumenta in Kassel an die Zerstörung alter Strukturen.

Im dritten Gedicht Island, in dem es hauptsächlich um die Donau und Japan im Frühjahr 1993 geht, reicht die Erwähnung des verstorbenen Trägers des Friedensnobelpreises Liu Xiaobo, der sich mit Worten für Demokratie und Humanität einsetzte, hin, um es zu zensieren, obwohl Martin Winter gerade in diesem Gedicht selbstkritisch zeigt, dass die Inhumanität nicht auf das chinesische politische System beschränkt ist, indem er von den Erfolgen der Neo-Rechten in Wien spricht.

In Imagine von 2014 klingt eine gewisse Resignation dessen an, der das Land, seine Kultur und seine Menschen kennt, sehr gern hat und längere Zeit mit seinen beiden Kindern dort lebte, wie er in dem autobiografischen Gedicht Taiwan White As Snow erzählt:

you might as well give up the ghost
of a chance for change in this land …

Leider muss man augenblicklich sagen, dass sich die Hoffnung auf grundsätzliche Veränderungen kaum stützen ließe, aber jede unterdrückerische Herrschaftsform steht auf tönernen Füßen und wird weichen, was allerdings in China Generationen dauern könnte. Ähnlicher Meinung ist auch Martin Winter:

one-party systems lack checks and balances
they will be overthrown in the end …

Jeder Mensch, der sich für das heutige China interessiert, sollte die zehn zensierten Gedichte lesen, um zu erfahren, wes Geistes nicht die Chinesen, sondern die gegenwärtige Regierung mit all ihren bürokratischen Verzweigungen ist, zu denen die Zensurbehörde zählt. Das Zensierte ist ja immer ein Fingerzeit auf das, was Mächtige fürchten und das ist in China schlicht und komplex zugleich die Freiheit oder wie Martin Winter in Is not Everything schreibt:

economy
is not everything
society
is not everything
growth
is not everything
security
is not everything
prosperity
is not everything
socialism
is not everything
equality
is very much
solidarity
is very much
to be free
is very much

Am Ende ruft Martin Winter mit equality, solidarity und to be free die große europäische Revolution von 1789 mit égalité, fraternité und liberté auf und das ist ohne jede Arroganz auch gut so.

Martin Winter
CENSORED 删失 / 10 Poems
translated into Chinese by Yi Sha & Lao G
fabrik.transit
2020 · 44 Seiten · 6,00 Euro
ISBN:
978-3-903267-13-8

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