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Kritik

Die zweite halbe Doppelrezension von zwei Ausgaben der horen

Noch ehe der Rezensent dazu gekommen ist, die horen #267 auch nur ein erstes Mal aufzuschlagen, ist schon #268 im Briefkasten. Also eine Doppelrezension – was war (im ca. September) und was ist (um Weihnachten rum)?
Hamburg

Herausgeber Martin Zingg schreibt fast gleich zu Anfang:

Eine "runde Zahl" ist es nicht, die zu dieser kleinen Anthologie geführt hat, auf einen äußerlichen Anlass ist die Beschäftigung mit Lorca nicht angewiesen, zu keinem Zeitpunkt.

Damit ist alles, was wir wirklich wissen müssen, gesagt: Nummer 268 der horen ist eine Sammlung aktueller deutschsprachiger Lorca-Rezeptions-Phänomene, es geht um Übersetzungs- und vor allem Deutungshoheit sowie um ihre Verschiebung im Laufe der Zeit; wohl auch darum (so dürfen wir annehmen), die Begeisterung für und die Ahnung von Lorca hierzulande nach Kräften zu befördern. Wenn das so ist, ist die Mission im Ganzen geglückt: Der Rezensent beispielsweise hatte bislang keine, überhaupt gar keine, Ahnung von Lorca – und schämt sich eh in angemessenem Ausmaß, danke der Nachfrage! – und ist nun angefixt.

Ziellos, aber mit einer ungefähren Richtung – nämlich, nach Lektüre des Editorials, vom Autor_innenverzeichnis am Schluss weg langsam nach vorn – lesend-blätternd-lesend, ist das erste Lorca-Gedicht, mit dem wir uns beschäftigen, jenes, dessen letzte Zeile einen Aufsatz Michael Brauns über "dämonische" Motive Lorcas beschließt (und mit ihm den Textteil des Buches): "sorpresa/unverhofft" in der neuen Nachdichtung von José F. A. Oliver. Wir1 lernen bei dieser Gelegenheit ein bisschen darüber, wie sich das mit der monolithischen "alten" Lorca-Übersetzungen von Enrique Beck wohl verhält (dass diese ein bisschen schwerfällig sei bei ihrem Versuch, die klanglichen, v. a. rhythmischen Qualitäten des Spanischen direkt ins Deutsche zu holen).

Dann, weiter zurück (also: zum Anfang hin) blätternd, finde ich als nächstes zweimal drei nebeneinander stehende Nachdichtungen von zwei Lorca-Gedichten – "1910 (intermedio)" und "Alma ausente" –, beides archaischen, liedhafte Totenklagen, bei denen wir uns rasch denken, dass die anfallenden Unterschiede bloß Details ausmachen werden – ah, aber dass es um gerade die Details geht, die kleinen Unterschiede bei Klang und Wortregister, und wenn schon nicht für das jeweilige Lied, das tatsächlich, und verlustarm, so oder so oder so gesungen werden wird können, so doch für unser2 Verständnis von Lorca-Übersetzungs-Fragen, soweit für Endkonsumenten notwendig. Diesen ganzen bisherigen Abschnitt VII des Buches beschließen für unser Lesen (eröffnen also in der vorgesehen Reihenfolge) Erwägungen von Oliver zur "Richtigkeit" von Übersetzungsvariationen mit Beispielen.

Wieder blättern wir weiter vor: Abschnitt VI umfasst Texte von Hans Thill – sind das Lorca-Übersetzungen? sehen zu modern aus … sind es Verpflanzungen von Lorca-Texten, die andere Leser als wir3 wiedererkennen würden, aus Lorcas Klang- und Metaphernwelt in unsere zeitgenössische? … Außerdem Jack Spicer und Jerome Rothenberg beim Schreiben über und/oder an Lorca, beim "Variieren" seiner Texte. Der Form der Du-Anrede in diesen Kunstbriefen entströmt eine Heiterkeit, die sich auf den ganzen Abschnitt überträgt; oder ist das bloß die Folge davon, dass wir auch Lorca-biographisch vom Tod weg ins reife Leben zurückgeblättert haben, hinein in die Auseinandersetzung Lorcas mit (a) der weiten Welt und (b) der literarischen Moderne Amerikas?

La una era la otra

und die Missus war keineswegs
ganz nackt. Sag was & du wirst
nicht verstanden. Also rede dem Wesir hinterher und seinen
Satrapen dem Zampano
dem wässrigen Nöck

… so und ähnlich klingt das bei Thill. Bei Rothenberg ca.:

Anfang mit Olivenbäumen.
Schatten
Anfang mit Gockeln.
Kristall.
Anfang mit Kastagnetten & Mandeln.
Fische.
Dies ist eine Huldigung Spaniens.
Dies hüllt Hund ein Nebel.
Dies lässt Radierer verstummen.
Dies ist Saturn.
Anfang mit Gelb.
Finsternis.
Anfang mit Nadeln.
Schlaflosigkeit.
Anfang mit Körben.
Der Mond.
Wer ist nackt? Die Imagination
(schrieb Lorca) ist verbrannt.
Dies ist eine Huldigung des Wassers.
Anfang & Ende.

Weiter zurück, zunehmend schneller blätternd: In Abschnitt V geht es erstmals um Lorca den Dramatiker – ein Dramolett, wir vermuten ein Pasticcio, von Renata Burckhardt, drei dramatisch-literarisch überformte Aufsätze über ihn. Abschnitt IV, sagen wir "Lorca y Nueva York", oder "Lorca und Whitman", bestehend nur aus einem "Lorca-Alphabet" komplett unbestimmbarer Gattungszugehörigkeit aus der Feder von Marco Kunz. Kapitel III fällt aus dem Rahmen, es sind Tuschezeichnungen und -malereien von Heinz Egger, in Beziehung zu Lorca und zu Lorcas eigenen Graphiken, die diese horen-Ausgabe durchziehen, gesetzt in einem kleinen Text von Herausgeber Martin Zingg. Abschnitt II – Gedichte verschiedener zeitgenössischer deutschsprachiger Lyriker mit "bloß" thematischem Bezug – bleibt uns wegen dem so langen wie ruhigen Atem von Anna Ospelt in Erinnerung,

Stoff genug für 141 Reime

heißt ihr Text und beschäftigt mich länger, als er sollte oder ich möchte. … Und Teil I? – Vier Essays zu Biograhie Lorcas; hätten wir von vorn nach hinten gelesen, dies wäre unser Ausgangspunkt gewesen; ganz vorn die Historisierung und Kanonisiertheit, ganz hinten ganz individuell (wir erinnern uns, "sorpresa/unverhofft")der "duende" Lorcas, sein Dämon, die Todessymbolik. (So stellen wir fest, wir haben instinktiv sozusagen den sprichwörtlichen Countrysong rückwärts abgespielt, und jetzt wird alles gut.)

Aber alles das, von Abschnitt V weg bis zum Ende unserer Leserichtung, das der Anfang der horen #268 ist, bedürfte zu seiner tatsächlichen Würdigung deutlich größerer Ahnung von Lorca, als der Rezensent sie hat. Literatur ist auch dann ein Eingeweihtenspiel, wenn sie das explizit nicht ist – ein paradoxer Zustand: "Nein, du musst, um dem einzelnen Intertext als Text nahezukommen, seine Bezüge nicht von vornherein abrufbereit haben. Aber um zu erkennen, dass, was du liest, Intertext ist und nicht bloß unschuldige Einzeläußerung – also Kunstweltkunst, nicht Spinnerei – hilft es ungemein, wenn Dir jemand mal gezeigt hat, dass es den diesen oder jenen speziellen Kontext überhaupt gibt …" Und genau das hat diese Lorca-Ausgabe der horen zumindest für uns, also, siehe Fußnoten, für den ahnungslosen Rezensenten, trefflich geleistet.

Autor_innen: Nico Bleutge, Mirko Bonné, Michael Braun, Renata Burckhardt, Ralph Dutli, Zsuzsanna Gahse, Martin Gelzer, Kerstin Hensel, Uwe Kolbe, Ursula Krechel, Marco Kunz, Federico García Lorca, José F. A. Oliver, Anna Ospelt, Hendrik Rost, Jerome Rothenberg, Armin Senser, Jack Spicer, Beat Sterchi, Jürgen Theobaldy, Hans Thill, Julia Trompeter

Bilder: Heinz Egger, Frederico García Lorca

Übersetzer_innen: Svenja Becker, Stefanie Gerhold, Markus Hediger, Norbert Lange

  • 1. Und "wir" heißt glücklicherweise bloß: "der bislang Lorca-technisch ahnungslose Rezensent, der sich gewohnheitsgemäß seines Kunstgriffs bedient, statt seiner selbst in der Kritik ein unangenehm vereinnahmendes 'Wir' als Textsubjekt zu setzen."
  • 2. Siehe Fußnote 1.
  • 3. Ja ja, ich.
Martin Zingg (Hg.) · Jürgen Krätzer (Hg.)
die horen #268 – Es gibt ein Bruchstück des Morgens
Federico Garcia Lorca, noch einmal gelesen
Wallstein Verlag
2017 · 176 Seiten · 14,00 Euro
ISBN:
978-3-8353-3122-8

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