Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Anzeige
x
Kritik

Das Schlafzimmer wie ein leeres Strandbad

Hamburg

Der gläserne Filter des Todes, Formulierungen wie diese stecken beinahe überall in Marzanna Kielars dunkler bis fatalistischer Lyrik. Nichts ist, das nicht in Verbindung mit gleichzeitigem Nichtsein oder der Bedrohung des kommenden Verfalls abgesetzt wird. Kielar schreibt in Variablen wie Holz-Gras-Rinnsal-Tag, lässt in ihren Naturgedichten praktisch nichts Menschliches zu im Sinne des Eingreifens und doch gerade durch die ostentative Abwesenheit oder aber das ausnahmehafte blitzartige Hineinschreibens eines merkwürdig stockenden Dialogs, ist es das Menschliche, das Kielar als melancholische Vermesserin seiner Zeitigkeit vergehen sieht. Nur noch Figuren in einer Art Kann-nicht-anders-Stellung. Die Welt der Masuren, Herkunft der Dichterin, aus Wasser, Wiesen, Himmel und oft dunklen Farben, speziell in Herbst und Winter hat es ihren Verdichtungen angetan. Irgendwo steckt immer ein November, ein Habicht oder ___STEADY_PAYWALL___eine Frage oder Kluft.

Die Amsel singt, als hätte sie vergessen, dass sie singt.
Als zöge der riesige Himmel von Osten durch sie hindurch,
alles, was lebt, wächst.

Besonders der dritte Abschnitt der Auswahl von Lass uns die Nacht, in der Edition Lyrikkabinett von Renate Schmidgall übersetzt unlängst erschienen, unter dem Titel Monodie ist derart morbide und verwittert, dass es wie vorzeitige Nacht einschießt, sowohl im Gedicht als auch im Verfolgen der Komposition. Das aufgeworfene Terrain ist mit einem Wort heavy. „Wie ein buntes Zierkissen entgleitet der Tag unterm Kopf“.

Auf interessante Weise sind Kielars freie Verse fast referenzlos. Wie stets von Neuem beginnen ihre Gedichte den Garten zu umkreisen oder den nahen Bruch im Feld, „um die Füße das zerknitterte Laken des Grases“, in Abkehr von explizit Politischem oder sonstwie gebrauchten Phrasen von Leben außerhalb dieser Welt aus Tag und Nacht, die sich in Gleichzeitigkeit schaukeln.

Erinnerung bricht die Vergangenheit wie ein Prisma – uns ziehen
ihre umkehrenden Strudel mit, der Lärm der Bahnhofshalle.

oder

                                                                              Kaffee dampfte,
die Katze schnupperte am Drahtsieb zum Räuchern der Fische,
streckte sich unter deiner Hand. Durch die Galaxien

floss wie durch beschädigte Muscheln
die Dunkelheit und wusch aus den Zellen
den Planetensatz

Je später die Gedichte werden, um so auswegloser scheint die Nacht in Lass uns die Nacht. Marzanna Kielars Band ist ein Ausnahmebuch. Konsequent, ohne unflexibel zu sein, ist ihre Sprache dienlich, steht wie hinter dem Bild, um dann doch plötzlich Tempo aufzunehmen, sich in den Vordergrund zu bewegen. Kielar schafft es auf handfertige Weise, aus einem gar nicht mal großen Variationenvokabular einen abgeschlossenen Jahres-/ Lebenszeitenzyklus herzustellen. Ihre Texte erinnern ans Leben selbst, sie sind so tröstlich wie die Wüste und so wenig schmackhaft wie eine Stadt. Wer in sie eintritt, wird von eigenartigen Flechten angewunken – ein ungemütlicher, charakterstarker Bilderraum. Diesem Band sei jedwede Aufmerksamkeit vergönnt, genau das Richtige, wenn es tagsüber dunkel werden soll und happige Lektüre zur Kost steht.

***

Ins Unbekannte bricht er auf, rein – Regen wäscht das Sterben von
     den Stunden.

Ein Zaunkönig zwitschert, er lebt ganz nah
an der Erde

Marzanna Kielar
Lass uns die Nacht
Übersetzung:
Renate Schmidgall
Edition Lyrikkabinett bei Hanser
2020 · 128 Seiten · 20,00 Euro
ISBN:
978-3-446-26754-1

Fixpoetry 2020
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung von Fixpoetry.com und der Urheber
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen den Artikel jedoch gerne verlinken. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Letzte Feuilleton-Beiträge