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Kritik

Dolmetscherinnentage

Shortlist Debut Österreichischer Buchpreis 2017
Hamburg

Wenn Folter oder Vergewaltigung zum Thema in der Therapie wurden, und früher oder später war das bei jedem Klienten der Fall, dann hielt sich Nora krampfhaft an ihrer Wahrnehmung fest, studierte aufmerksam des Gesichtsausdruck des Klienten, starrte auf die in sich zusammengesackte Topfpflanze am Fenster, trank einen Schluck Wasser, betrachtete die Hände des Klienten oder fummelte selbst an einem Taschentuch herum, konzentrierte sich auf das Dolmetschen, auf diesen alchemischen Prozess, im Zuge dessen das Gesagte in einer bestimmten Wortkombination durch den Gehörgang in ihren Kopf eindrang und in einer anderen Form, möglichst unbeschadet und so wenig wie möglich durch Reibungsverluste in Mitleidenschaft gezogen, durch den Mund wieder verließ.

Mascha Dabić hat ihrem Debüt „Reibungsverluste“ zwei Zitate vorangestellt, die sich ergänzen und zugleich widersprechen und ihren vielleicht etwas zu großen, aber möglicherweise auch notwendigen Schatten auf die Ereignisse des schmalen Bandes werfen, der so akkurat seinen Erzählfluss einhält und sich nie weit von den Bewusstseinsströmen seiner Figuren entfernt. Das erste stammt von Jean Améry und ist seinem Text „Die Tortur“ entnommen, einem essayistisch-autobiographischen Text, lesenswert und erschütternd, und lautet:

Wer der Folter erlag, kann nicht mehr heimisch werden in der Welt.

Das zweite Zitat kann man als Kommentar zum ersten lesen, als vorsichtige Erwiderung, Ergänzung, als Kontrast, kurzum: hier wird bereits ein ambivalenter Raum aufgemacht, wie ihn die Literatur im besten Fall zu öffnen pflegt. Dies zweite Zitat ist von Wilhelm von Humboldt und lautet schlicht:

Die wahre Heimat ist eigentlich die Sprache.

Dann beginnt das Buch mit dem Erwachen der Protagonistin Nora (und mit Büchern, die überall herumliegen). Einen ganzen Tag werden wir Nora begleiten: bei ihren Morgenritualen, ihrem Arbeitsalltag; ihre Gedankenzüge werden vor unserem Auge vorbeirattern und Entfernungen zu Erinnerungen und Eindrücken zurücklegen; wir werden ihre Eigenheiten streifen, ihre (Selbst-)Erkenntnisse vernehmen und nicht wirklich unter ihre Oberfläche gelangen – Nora selbst scheint aber auch nicht unter diese Oberfläche zu kommen.

Ein paar Mal die Woche arbeitet Nora als Dolmetscherin in einer therapeutischen Praxis. Die Klient*innen sind fast ausschließlich geflüchtete Personen, die auf ihre Asylbescheide warten, deren Vergangenheit von Krieg, Vertreibung, Folter und anderen Gräueln geprägt ist, deren Geschichten in den Therapiesitzungen sich aber zumeist um Träume, fixe Ideen, und Alltagssorgen drehen.

Es gelingt Mascha Dabić sehr gut den mühsamen, eingespielten Aspekt der Sitzungen herauszukehren, überhaupt hat ihre Prosa den Anstrich des Ungeschönten, der die kleinsten Widerstände der Existenz miteinbezieht und die einfachen Freuden unverzagt erwähnt, ohne dabei manieriert oder detailversessen zu wirken; allerhöchstens hat dieser Zug dann und wann etwas Minuziöses.

Noras Bewusstseinsstrom einerseits, der nur dann und wann aus dem Fokus gerückt wird, wenn der Text kurz in einen anderen Bewusstseinsstrom hüpft, und Dialoge andererseits, das sind die beiden Formen, in denen sich die Bewegung des Buches vollzieht. Die Abbildung der Bewusstseinsdichte 1gelingt Dabić ebenfalls sehr gut, rund, unspektakulär und doch fesselnd.

Sehr viel Platz nehmen in Noras Eindrucks- und Gedankenwelt die Schwierigkeiten der Überführung der Aussagen von einer Sprache in die andere ein. Redewendungen, Präzision und Prägnanz, Nuancen – das alles droht bei einer wörtlichen Übersetzung verloren zu gehen, aber eine mögliche Abweichung muss dann auch wirklich die Nuance, den Gehalt der Frage oder Aussage einfangen und das ist nicht immer einfach zu bewerkstelligen. Es ist spannend, diese Überlegungen geschildert zu bekommen, zu lesen, wie sich diese Probleme im Kopf einer Dolmetscherin manifestieren und wie sie abgewogen werden, zumal die Entscheidungen schnell gefällt werden müssen.

Der Mikrokosmos der Klinik, durchleuchtet und doch irgendwie fragmentarisch geblieben, steht im Zentrum des Buches. Die Gespräche, deren Zeuge/in die Leser*innen werden, bekommen durch den Strom der Prosa, durch den Anstrich des Alltäglichen, etwas Beiläufiges. Das Ungeheuerliche beherbergen sie nur in den Zwischenräumen, in den Lücken der Sprache. Was an die vorangestellten Zitate erinnert und mit der Zeit begreifen wir, dass das erste Zitat auf die Realität referiert, auf die stummen, bleiernen Tatsachen und das zweite auf die Schwierigkeit, diese zu artikulieren, irgendwie herauszulassen und darüber zu sprechen. Auch wenn Sprache „eigentlich“ Heimat ist, eine Möglichkeit auszudrücken, was innen drückt und sticht und matert. Aber die Reibungsverluste, sie sind auch jenseits des Dolmetschens groß.

Und Nora, wo ist sie zu Hause, zwischen den Sprachen? Das ist vielleicht der einzige Kritikpunkt, den man an das Buch herantragen könnte: dass die Hauptfigur, trotz einiger illustrierender Geschichten, Gedanken, Eigenheiten, sehr blass bleibt. Überhaupt die meisten Figuren. Es ginge zu weit, würde ich behaupten, dass die Figuren die Schwachstellen des Buches sind. Aber es gibt keine Figur, die einem nachhaltig in Erinnerung bleibt. Was ja auch nicht der Fall sein muss und vielleicht illustriert das wiederum ganz gut das Scheitern einer wirklichen Kommunikation, die Abstumpfung und Auswechselbarkeit, die sich bei einer solchen Arbeit einstellt; die Ungerührtheit, die man entwickeln muss und die ein bisschen über allen Szenen dieses Romans schwebt und ihm eine dicht-realistische Atmosphäre verleiht. Mit Dialogen wie diesem:

„Du und deine Flüchtlinge. Das scheint ja jetzt eine richtige Industrie bei euch zu sein!“
„Allerdings. Ich weiß gar nicht, was Leute wie ich ohne die Flüchtlinge täten.“
„Leute wie du?“
„Na, irgendwelche Geisteswissenschaftler, die von allem ein bisschen Ahnung haben, aber nichts richtig gut können … Mit den Deutschkursen kann sich unsereins perfekt über Wasser halten. Die Deutschkursindustrie ist unsere Rettung, sag ich dir.“

Aber trotzdem, ich vermisse irgendwie dann und wann einen menschlichen Anknüpfungspunkt; vielleicht wäre es an mir als Leser ihn zu finden, nicht an der Autorin, ihn zu beschwören. Abgesehen davon ist „Reibungsverluste“ ein gut geschriebenes, fast schon mustergültiges Werk, vielschichtig, unprätentiös und, auch wenn es obvious ist, hochaktuell.

Mascha Dabić
Reibungsverluste
edition atelier
2017 · 152 Seiten · 18,00 Euro
ISBN:
978-3-903005-26-6

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