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Kritik

Von allerlei beinah möglichen Gegebenheiten

Zu Matthew Sweeneys erstaunlichen Gedichten in „Hund und Mond“
Hamburg

Der Hund versuchte den Mond zu beißen,
aber er sprang nicht hoch genug
und fiel in den Fluß, in dem
das Spiegelbild des Mondes tanzte.

Wenn man sich mit den Veröffentlichungen auf dem Gebiet der zeitgenössischen Lyrik beschäftigt, wird man viele unterschiedliche Erfahrungen machen und auch allerlei Verkopftem, Verdrehtem, Illustrem, Spaßigem, Exzentrischem, Eigenwilligem und Experimentellem begegnen. Viele dieser Begegnungen leben von einer intensiveren Auseinandersetzung – ein Gedicht und seine Bedeutungsebenen (+ Verweise und Echoräume) sind nicht mit einem Blick erschöpft, auch wenn der Text sich scheinbar schnell konsumieren lässt.

Die Verdichtung komplexer und spezieller Thematiken und Zusammenhänge und die teilweise hochgestochenen, innovativen Wortschätze, haben der zeitgenössischen Lyrik u.a. den Ruf eingebracht, kompliziert, schwer nachvollziehbar und nicht immer stringent zu sein. Spaß und Vergnügen, die sich nicht aus einer intellektuell oder fachlich orientierten Quelle speisen, sind Emotionen, die man eher selten mit ihr in Verbindung bringt.

Am Turm verhallen die Glocken der Mitternacht.
Die betrunkenen Zwerge des Kaisers sind noch wach.
Man sollte ihnen die Flaschen mit Schnaps entreißen,
durchs offene Fenster den Schloßberg hinunterschmeißen,
am Baum mit den gelben Blüten zerschellen lassen.

Eine neue Erfahrung könnte man mit dem Band „Hund und Mond“ des irischen Lyrikers Matthew Sweeney (übersetzt von Jan Wagner) machen . Denn der verspricht vor allem: jede Menge Vergnügen, jede Menge Witz, ohne dabei auf poetische Nuancen, kritische Töne, gelungene Verdichtungen oder Tiefe verzichten zu müssen.

Nehmen wir zum Beispiel jenes Gedicht mit dem Hund und dem Mond, das dem Band den Titel verleiht und von dem ich ganz am Anfang der Rezension die ersten vier Zeilen der Übersetzung zitiert habe. Das Gedicht fährt fort und beschreibt das Verlangen des Hundes nach einer Interaktion mit dem Mond – schmerzlich und komisch. Er kann ihn nicht beißen, nicht anfassen, aber irgendeine Macht lässt ihn es wie wahnsinnig versuchen. Warum will er den Mond überhaupt beißen? Die Verwirrung ob dieser Obsession ist dem Tier natürlich anzumerken, aber es kommt nicht los von der unerfüllten Anziehung, die zwischen ihm und dem Mond besteht. Das Gedicht beschreibt die tiefe Sehnsucht nach dem Unerreich- und doch Sichtbaren und ist zugleich eine Slapstick-Einlage, eine Fabel, ein tierisches Vergnügen.

Angesichts der Aufgaben, die mich erwarten,
fing ich gleich mit der gewaltigsten an –
die Bestattung des Elefanten, zugegeben:
ein Kalb, dabei doch größer und schwerer
als ein Schwein. Ich klappte ein Ohr um,
dann das andere, dachte daran, wie geschickt
Wally einst mit dem Fußball war, ihn durch
die Beine der lachenden Jungen dribbelte,
trompetete, wenn er ein Tor geschossen hatte

Sie sind ein häufiges Motiv, die wie Fabeln anmutenden Geschichten. Manchmal sind die Tiere eigenständige Protagonisten, manchmal pflegt das lyrische Ich eine besondere Beziehung zu ihnen. Diese Geschichten haben, zumal sie als Gedichte wie aus heiterem Himmel kommen, etwas Märchenhaftes (sind nicht ganz so magisch, aber ebenso dreist) und Ulkiges, visieren aber darin tiefe emotionale Verdichtungen an.

Dieser Zug zur emotionalen Verdichtung ist wiederum eine häufig auftretende Nuance bei Sweeney. Egal ob es um Gedichte mit persönlichem Einschlag oder um von leichter Hand erfundene, skurril-illustre Szenarien geht: die Gedichte sind nicht einfach nur Possen und Einlagen, sondern transportieren und evozieren Regungen wie Trauer, Schmerz, (Schaden-)Freude, Glück, Melancholie etc. in vielen verschiedenen Variationen und das oft auf eine deutliche, hervorstechende, unverstellte Art und Weise. Manchmal im Gewand von spielerischen, obskuren, wilden Geschichten.

und das ieck der Möwe auf ihrer Laterne,
als wir um die Boote herumspazierten
uns vorstellten, wie wir das schönste stehlen,
zu den Shetlandinseln segeln und dort bleiben,
einen Radiosender für Vogelgedichte gründen,

Diese Lust am Fabulieren und dem Zuwiderlaufen der Erwartungen, verleiht den Gedichten, neben dem erwähnten Spaßfaktor, auch eine Aura der Ungebremstheit, Freiheit, Beschwingtheit. Dass hinter diesen horizontsprengenden, eigenwilligen Darbietungen oft eine sehr sensible Erkenntnis oder Eingebung liegt, dass in der heiteren Absurdität, mit der die Text gefüttert sind, eine kritische Klinge steckt, macht diese Aura nur umso erstaunlicher: hier gelingt einer Dichtung der Befreiungsschlag gegen vielerlei Erwartungen und Diktionen, ohne dabei auf Narrative, Botschaften oder Positionen zu verzichten.

The birds sing at night in Chamissoplatz, // Nachts singen die Vögel am Chamissoplatz
they sing of street-battles, fought in 1945 // singen von den Straßenkämpfen 1945,
they sing of storms that will wreck their nests // singen von Stürmen, die Nester zerstören,
that will blow down their trees. They say: Listen // Bäume fällen werden. Sie sagen: Lauscht
to the bird on the moon, the big white bird // dem Vogel auf dem Mond, dem großen, weißen Vogel,
who will fly down here when all is ruined – // der herbeifliegen wird, wenn alles zerstört ist –
[…]
say: Drink water while you still have some, // sie sagen: Trinkt Wasser, solange ihr Wasser habt,
go for long walks in the bucketing rain, // geht lange spazieren, wenn’s gießt wie aus Kübeln,
visit the Antarctic while it’s walkable on // reist zur Antarktis, solang man dort laufen kann,
spend time in Holland while it still exists. // verbringt etwas Zeit in Holland, bevor es versinkt.

Mir hat die Lektüre von „Hund und Mond“ sehr viel Spaß gemacht und ich bin entzückt gewesen, dann wieder leicht verstört, schwer bewegt, dann erheitert, dann war ich wieder nachdenklich gestimmt. Die Heftigkeit, mit der Sweeney einen teilweise in seine Geschichten hineinzuziehen vermag, fasziniert mich – und ich kann nur denen, die sonst wenig Spaß an Gedichten haben oder wenig damit anfangen können (sowie natürlich allen anderen!) nur empfehlen, diesen Band zu lesen. Er ermöglicht, glaube ich, eine ganz neue Art von Erfahrung.

Das Schloß des Teufels
ist weiß, um alle zu täuschen, die rein
zufällig vorbeikommen, und die Türen
sind grün. Ein Papagei hält Wache
und spricht fünfzig Sprachen fließend.

Denn auf gewisse Weise ist das Buch ein Zauberreich, mit traurigen und schönen Gestalten, ebensolchen Ereignissen und Geschichten, in denen sich Weisheit und Witz verbergen und vertragen. Ein Buch, das einem Momente der Innigkeit schenkt und dann wieder Moment der Ausgelassenheit. Ich scheue mich nicht zu sagen: ein besonderes Buch.

I’d like also, ideally, to find banks of coloured clay // Im besten Fall fänden sich Schichten von farbigem Lehm,
to finaly try to be a painter, using my fingers // denn ich möchte endlich zu malen versuchen, selbstredend
of course, and I’d endeavour to sketch picture // mit Fingern, und ich gäbe alles, um Porträt
after picture of you all over the walls of the cave. // um Porträt von dir auf die Höhlenwände zu zaubern.

Matthew Sweeney
Hund und Mond
Übersetzung:
Jan Wagner
Übersetzung: Jan Wagner
Hanser Berlin
2017 · 144 Seiten · 18,00 Euro
ISBN:
978-3-446-25684-2

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