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schliff Literaturzeitschrift, band 11 utopie
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schliff Literaturzeitschrift, band 11 utopie
Kritik

Gesänge vom großen Strahlenkranz

Matthias Buth legt sein Opus magnum vor
Hamburg

Natürlich regt sich zunächst intensiv eine gewisse Skepsis, wenn heute der Untertitel eines Gedichtbands auf die »Zeiten der Corona« anspielt, denn er legt den Verdacht einer inflationären Beschreibung der Epidemie – oder genauer: der Auswirkungen des Lockdowns wegen der Epidemie – nahe. Doch Matthias Buths neues Opus magnum bestätigt diesen Verdacht zum Glück nicht, im Gegenteil: Obwohl auch die gegenwärtige Situation thematisiert wird (und das sollte sie, wenn sich der Dichter nicht einer vorsätzlichen Blindheit strafbar machen will), beschränkt sich Buth nicht allein darauf, sondern entwirft ein Panorama des Sterbens und Lebens als heilsames Memento mori, wie es vielleicht nur die Kunst vermag.

Es ist ein Buch aus dieser Zeit für diese Zeit. Natürlich bleibt Buth den Themenkomplexen seiner anderen, früheren Gedichtbände treu. Berühmte und weniger berühmte Gestalten aus der Geschichte, die Weltkriege, Rumänien, die Musik, vor allem Schubert, die Bienen, Köln und das Umland und immer wieder – neben vielem anderen – das Lesen, das Lesen! Dennoch stellt sich nur ganz selten der Eindruck der Redundanz ein, denn Buth gelingt es, auch seinen bekannten Themen neue Aspekte, Bilder und Metaphern zu entlocken. Das ist umso erstaunlicher angesichts der ungeheuren Produktivität des Autors –: der vorliegende Band kommt locker auf den Umfang zweier ›gewöhnlicher‹ Gedichtbände. Wie so oft sind sogenannte Krisenzeiten ganz offensichtlich auch die Zeiten gesteigerter Kreativität.

Matthias Buth hat den Zeitkommentar bisher nicht gescheut, und er tut es auch jetzt nicht. Selten hat er so kritische Worte gefunden für seine Abrechnung mit den vermeintlich humanen Werten der westlichen Welt nebst einer Bankrotterklärung für den »geblondeten« Mann, der sich für einen Präsidenten hält. In scharfen Worten geißelt er alle, »Die sich verschworen haben / Und heraustreten wollen aus der Mündigkeit / Der Schrift«, doch verbirgt sich hinter der Maske des Zynikers irgendwo ein enttäuschter Romantiker, der lieber beklagt als bekrittelt, weil er selbst einer bedrückenden Situation wie der gegenwärtigen Corona-Pandemie allgemeinere Einsichten über unsere Existenzbedingungen abgewinnt:

… und macht die Welt vielleicht doch sicher
Vor der Einfalt irgend etwas sei beherrschbar
Was beherrschen soll

Ein verkappter Romantiker also, der all dem etwas unerwartet Positives entlockt, das sich in vielen Gedichten mal als sensible Beobachtung der Natur, der Menschen, der Kultur, mal als rebellisches Außenseitertum niederschlägt. Da ruft der Alleingänger zum Beispiel aus:

Nie war Köln schöner als in der Virenzeit

Die eine Seite der Dichtkunst ist die Achtung vor den Toten und der Gewalt des Todes, die andere die Mahnung zum achtsamen Leben. Deshalb folgen auf die Gedichte ›in‹ Zeiten der Corona die Gedichte ›für‹ diese Zeiten. Buth läßt keinen Zweifel aufkommen, daß in der Poesie mehr Trost liegt als in den Kirchen – »Die Kardinäle versteinern schon lange / In ausgebluteten Kirchen« –, deshalb wendet er sich in der zweiten Hälfte des Buchs verstärkt dem Alltag zu und schickt immer wieder sogar auch kleine Liebeslieder und -erklärungen hinaus.

Verblüffend an Matthias Buths Gedichten ist die Verschränkung eines nüchternen Sprechens mit bunten Metaphern – die beiden Herzen von Jurist und Dichter schlagen in seinen Büchern im harmonischen Takt. Dennoch behält der enthusiastische Dichter dabei meist die Oberhand (dem seine Impulsivität manchmal auch, wie erwähnt, gewisse Redundanzen diktiert – so sind sich etwa zwei Gedichte im Wortlaut so nahe, das man eines gar für eine versehentlich aufgenommene Variante halten könnte). Und er hat, nach dem Worten des Philosophen und Kunstkritikers Arthur C. Danto, keine Scheu, »die Verklärung des Gewöhnlichen« voranzutreiben:

Schon wieder eine Zahlungserinnerung
Der Briefkasten lebt noch
Gestern war’s eine Wolke
Irrläufer der zum Hausrat gehört
 

Matthias Buth
Die weiße Pest
Gedichte in Zeiten der Corona
PalmArtPress
2020 · 266 Seiten · 24,00 Euro
ISBN:
978-3962580575

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