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Kritik

Istanbul von Jetzt

Fünfzehn junge deutsche und türkische AutorInnen über das komplexe Istanbul von heute
Hamburg

Istanbul heute – eine Megametropole, die immer wieder von politischen Erdbeben erschüttert wird. Wie wird sie von jungen Menschen erlebt? Mit der Sammlung „Şimdi heißt jetzt“ erzählen und erkunden fünfzehn AutorInnen ihr Istanbul der Gegenwart – und geben Klischees keine Chance.

Noch vor zehn Jahren war Istanbul der große Hotspot der internationalen Kulturszene. Jeder wollte hin. Kunstevents, Ausstellungen, Konzerte, Lesungen fanden in so großer Menge statt, dass es kaum möglich war, einen Überblick zu behalten. Zahlreiche Stipendien lockten junge Künstlerinnen und Künstler an den Bosporus. Ihnen folgten Touristen und, wie zu erwarten, die Neureichen aller Länder, für die eine luxussanierte Wohnung im Studentenviertel Cihangir oder im Szenekiez Kadiköy furchtbar hip war. Inzwischen hat die damit einsetzende Gentrifizierung längst das Stadtbild so radikal verändert wie kaum etwas anderes in den vorangegangenen Jahrzehnten.

Doch längst sind die Immobilienpreise wieder gefallen, viele der KünstlerInnen haben das Land verlassen. Zu unsicher wurde die Lage, als Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan mit harter Hand seine Macht ausbaute. Seit dem Putschversuch von 2016 lässt er Oppositionelle gnadenlos verfolgen, darunter freilich auch jene aus der Kulturszene. Und ein deutscher Pass schützt einen keineswegs, wie nicht nur prominente Beispiele wie Deniz Yücel gezeigt haben. Bis heute sind ca. sechzig Deutsche in türkischer Haft, noch einmal so viele unterliegen einer Ausreisesperre. Das Engagement der Bundesregierung, sich für diese Menschen einzusetzen, hat spürbar nachgelassen. Offenbar betrachtet man in Berlin ein gutes Verhältnis zum Despoten als wichtiger.

Istanbul ist auch bis heute in der Engführung des eurozentrischen Blicks eine Ansammlung verklärter und mitunter jahrhundertealter Orientklischees – vom Schmelztiegel zwischen Ost und West zur romantisierten Folkoreskyline mit Moscheen und Derwischen. Wer die Stadt kennt, dem ist all das zwangsläufig zuwider, ebenso wie das, was die Erdogan-Regierung aus ihr gemacht hat oder zu machen versucht: eine Comicversion neoosmanischen Spießertums.

Aber wie erlebt die junge Generation diese Zeit der Umbrüche? Wie wirkt sie sich auf die eingangs erwähnte Kulturszene aus, wie ist es wirklich – das Leben in Istanbul? Diesen Fragen nähert sich das Team des deutsch-türkischen Kulturmagazins Maviblau im unlängst erschienenen Buch „Şimdi heißt jetzt. Momentaufnahmen aus Istanbul“ an. Fünfzehn deutsche, türkische und deutsch-türkische Autorinnen erzählen in dem Band von ihrem Istanbul. Viele von ihnen lernten die Stadt in den vergangenen zwanzig Jahren kennen, besuchten sie erstmals, blieben für viele Jahre – manche gingen wieder, andere sind bis heute vor Ort.

Die „Momentaufnahmen“ ganz persönlicher Eindrücke wechseln sich ab mit essayistisch-historisch-zeitgeschichtlichen Exkursen und zeichnen ein so vielfältiges wie vielstimmiges Bild Istanbuls, in dem Licht und Schatten naturgemäß nah beieinander liegen. Romantisierung und Klischees sucht man ebenso vergeblich wie eine Dämonisierung der politischen Entwicklungen. Stattdessen erlebt man mit: Wenn Marlene Resch von ihren ersten Eindrücken in den Jahren 2015 und 2016 berichtet, von der Beklemmung, die es bedeutet, wenn nur einen Steinwurf von der eigenen Wohnung entfernt PKK und IS bei Terroranschlägen dutzende Menschen ermorden, an Orten, an denen man selbst tagtäglich vorbeikommt, sei es am Fußballstadion, sei es im Nachtclub Reina, der so lange für die Leichtigkeit des liberalen Istanbul stand und dann binnen einer Silvesternacht zum Symbol für Tod und Terror wurde.

Auf der anderen Seite stehen die irren und die leichten Momente des Alltags: Marie Hartlieb und Navid Linnemann (der auch Ideengeber des Buches ist) erzählen Geschichten aus dem Öffentlichen Nahverkehr, von waghalsigen Fahrten im Taxi oder Minibus ebenso wie von der Entschleunigung auf der Fähre, die zwischen Europa und Asien pendelt. Derya Reinalda entführt den Leser in die Meyhanes rund um Taksim, die im Osmanischen Reich zwielichtige, halblegale Weinschenken waren, und in denen im 20. Jahrhundert das Istanbuler Nachtleben tobt:

„Die Meyhane entwickelten sich zu einem zentralen Punkt des gesellschaftlichen Lebens – auch, weil nach der Gründung der türkischen Republik dort mehr Frauen anzutreffen waren. Dabei gewannen die Meyhane als Kulturort in der türkischen Literatur immer mehr an Bedeutung.“

In einem anderen Beitrag gibt Linnemann einen Abriss der Geschichte des türkischen Militärs und ordnet die nicht nur aufgrund der Militärputsche längst zwiespältige Bedeutung der Armee anhand der Geschichten zweier junger Wehrpflichtiger ein; Onur Sesigur erzählt von den wilden Jugendtagen der türkischen Rockmusik und ihrer Emanzipation von westlichen Vorbildern, und Matthias Wechsler begleitet einen Fischbrötchenverkäufer, der in einer Ruine im Viertel Tophane lebt, ein Stück seines Wegs:

„Mehmet nimmt sich Zeit für ein Dürüm und brät Fisch, Tomaten, grünen Pfeffer und Zwiebeln auf einem klebrig triefenden Grill. Der Stand von Mehmet Usta besteht nur aus dem üblichen Handkarren und einer Nische in der Mauer. Für mich sind diese Mauer und die Wechselwirkung zwischen Mauer und Mehmet das eigentlich Faszinierende, worin sich die Entwicklungen Istanbuls wie im Brennglas bündeln.“

Blick ins Buch

Die Anthologie ist derweil nicht nur ein absolut lesenswertes Buch, sondern auch ein von Eva Feuchter äußerst bibliophil illustriertes und gestaltetes Werk. Dass das Werk auf Anhieb mit dem Designpreis Rheinland-Pfalz 2020 ausgezeichnet wurde, verwundert nicht. Eva Feuchter findet eine ganz eigene Bildsprache. Collagenhaft, verschleiert und doch sehr klar gelingt es ihr, die Stadt darzustellen, und wer sie kennt, wird Istanbul in jedem ihrer Bilder sofort erkennen – und auch spüren, wie die Zeichnungen über sich selbst hinausweisen und die Texte ergänzen.Şimdi heißt jetzt“ ist ein Gesamtkunstwerk aus Text und Bild und ein lebendiges Statement dafür, wie wichtig der interkulturelle Austausch, das Einreißen von Grenzen ist und immer bleiben wird.

 

Maviblau Magazin (Hg.)
Şimdi heißt jetzt
Slanted Publishers
2020 · 192 Seiten · 25,00 Euro
ISBN:
978-3-948440-06-0

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