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Kritik

Über das "ganz besonders abgefuckte 20. Jahrhundert"

Hamburg

„Gedächtnistheater“, „Desintegration“, „JfD - Juden für Deutschland“: Max Czollek liefert mit ‚Desintegriert euch‘ eine Polemik gegen das Vergessen. Sehr unterhaltsam, hoffentlich mit Nachwirkungen, aber vermutlich zu jugendlich für einen breiten gesellschaftlichen Diskurs.

Max Czollek ist „Lyriker, Berliner und Jude. In wechselnder Reihenfolge.“ Und aus dieser Position heraus schreibt er auch. Aber Max Czollek ist vor Allem eines: wütend. Seit einigen Jahren produziert er am Maxim Gorki Theater – dort organisierte er 2016 den ‚Desintegrationsprozess‘ und 2017 die ‚Radikalen Jüdischen Literaturtage‘ –, seit 2016 ist er Mitherausgeber der Zeitschrift ‚Jalta – Positionen zur jüdischen Gegenwart‘. Das jetzt bei Hanser erschienene ‚Desintegriert euch‘ liest sich wie ein Abschluss, ein ernüchterndes Fazit einer Recherche. Vielleicht befinden wir uns aber erst am Anfang einer gesellschaftlichen Entwicklung.

Worum geht’s? Czollek positioniert das „Gedächtnistheater“ (ein Begriff von Y. Michal Bodemann aus dem Jahr 1996) als zentrale These: Deutsche und Juden (jeweils und in der Folge immer: m*f) sind zwei Parteien auf einer historischen, deutschen Bühne. Das Stück begann mit dem Holocaust – seitdem dürfen Juden und Jüdinnen ihre Geschichte erzählen, alle sind bedrückt, dann dürfen sie traditionelle Musik spielen etc. – und am Ende gehen wir wieder getrennt nach Hause. Wichtig dabei: Indem die Deutschen der Minderheit (die sie selber definieren) Aufmerksamkeit geben, waschen sie sich selber von der historischen Schuld rein und beschwören eine neue Normalität. Wir in der Gegenwart haben schließlich mit der Vergangenheit abgeschlossen.

„Das Gedächtnistheater macht natürlich mehr Spaß, wenn ‚jüdische Dramen und jüdische Schauspieler‘ mitmachen, denn das verleiht der ganzen Veranstaltung etwas mehr Glamour. Die Inszenierung des Gedächtnistheaters kann aber auch die lebenden Juden und Jüdinnen verzichten, erst recht, wenn diese unangenehm auffallen. Zerstörte Synagogen lassen sich ja auch ohne Juden aufbauen, jüdische Museen mit deutschen Leiter*innen ausstatten, und bei gemeinsamen Feierstunden kann man sich auch dann auf die Schultern klopfen und Prosecco trinken, wenn keine Juden und Jüdinnen dabei sind: betroffen und besoffen.“

Max Czollek sah sich nie in dieser jüdischen Rolle, dem man die Geschichte seines SS-Opas erzählen kann und der bereitwillig die besten Judenwitze erzählt (davon sind dennoch eine Hand voll über das Buch verstreut – allein deshalb schon meine Kaufempfehlung). Dennoch wurde er immer wieder Teil des Gedächtnistheaters – doch damit ist jetzt Schluss. Auf knapp 200 Seiten holt zu einem Rundumschlag aus. Die Themen sind breit gestreut, vom neuen Fahnenpatriotismus rund um die Fußball-WM 2006 bis zu jüdischen Rachephantasien – vielleicht etwas zu unfokussiert, aber hier muss schließlich was von der Seele geschrieben werden.

„Die jungen Deutschen haben den Spaß am Holocaust verloren“

„Immer wieder streift sich jemand das Haar aus dem Gesicht, umfasst sein Bier etwas fester und flüstert, dass er das mit der deutschen Geschichte zwar wirklich schlimm finde, aber während der Schulzeit, nun ja, das sei wirklich zu viel gewesen. Zu viel was, frage ich dann. Zu viel Holocaust, antwortet der oder die andere, wo die Sache doch nun wirklich schon lange her sei. Wobei sich mein Gegenüber einem deutschen Täter*innenkollektiv zugeordnet hat, bevor ich überhaupt Silberlöffel denken kann. Zack!“

Czollek bedient sich einer Sprache, die eine geisteswissenschaftliche Ausbildung nicht verheimlichen lässt – gleichzeitig möchte er wohl aber auch seine street cred zeigen: Formulierungen wie „Wowschwitz“, „Kein Scherz“ oder „Hahaha. Hahahaha. Hahahahahahahaha.“ machen die Emotionen und Einstellungen deutlich (nennen wir es künstlerische Freiheit im Essay-Format), und können den Text für eine vermutlich damit adressierte Zielgruppe durchaus interessant und lesbar(er) machen. Ob das der breiten Akzeptanz zuträglich ist und welche Auswirkungen auf den Schreibstil noch kommender Bücher das haben wird, wird sich weisen.

Letztendlich ist das das größte Problem des Buches: Max Czollek spricht, was sich viele denken. Zumindest viele politisch links/sozialistisch/liberal gesinnter, die den Essay wohl vorrangig lesen werden. Für Leser*innen mit ein wenig (zeit-)geschichtlichem und soziologischem Vorwissen gibt es wenig Neues. In zwölf kurzweiligen Kapiteln werden mit vielen aktuellen und vielleicht schon wieder vergessenen (oder nie gewussten) Beispielen Aspekte des jüdisch-deutschen Verhältnisses abgehandelt. Eine gute Zusammenfassung der Situation des „ganz besonders abgefuckten 20. Jahrhunderts“, die für die eine hier und den anderen dort spannende Momente bieten wird.

„Desintegriert mich!“

Leider leitet der Titel und der Klappentext ein wenig in die Irre. Integration war bis vor einigen Jahren untrennbar mit „den Ausländern“ verbunden, 2018 anscheinend nur mehr mit „Asylwerbern“, „Asylanten“, „Flüchtlingen“ oder wie man Refugees sonst noch zu bezeichnen weiß. Auch am Klappentext geht es um Juden und Migranten – die Versuche im Buch, über den jüdischen Tellerrand hinauszublicken, gelingen leider nicht, müssten aber auch überhaupt nicht sein. ‚Desintegriert euch‘ ist eine famose Polemik eines Juden über die Rolle der Juden in Deutschland und ein wichtiger Beitrag gegen die Verdrängung der Schuld aus dem kollektiven Gedächtnis – die unmittelbare Umlegung auf andere Gruppen gelingt nicht.

Schlussendlich wird es darauf ankommen, was wir mit diesem Buch machen. Wenn es der Anstoß für breitere Diskussionen wird, wenn wir beginnen, die Vergangenheit aufzurollen, unsere Position darin kritisch zu betrachten – dann kann ‚Desintegriert euch‘ auch deutliche Auswirkungen aus die Zukunft Europas und den Umgang einer Mehrheit mit einer Minderheit sein.

Max Czollek
Desintegriert euch!
Hanser Verlage
2018 · 208 Seiten · 18,00 Euro
ISBN:
978-3-446-26027-6

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