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Kritik

Jüdische Dichtung und jüdische Wehrhaftigkeit

Max Czollek an der Seite von Hirsch Glik
Hamburg

Die Reihe „Zwiesprachen“ der Stiftung Lyrik Kabinett München, von unserem Autor als „großartig“ bezeichnet, sieht ein Gespräch vor zwischen einem, einer lebenden deutschsprachigen Lyriker*in und einer Person ihrer Wahl.

Max Czollek (geb. 1987, selber also Lyriker) hat den jiddischen Dichter Hirsch Glik ausgewählt (geb. 1922 in Vilnius, 1944 „im Kampf gegen die Wehrmacht in den estnischen Wäldern erschossen“), einen Autor, der Czollek begleitet „seit er denken kann.“

In seiner ursprünglich für Juli 20 geplanten Rede (langfristig nachhörbar auf Dichterlesen.net), die nun im Wunderhorn Verlag gedruckt vorliegt (durchaus mit gewissen Abweichungen), will Czollek eine veränderte Sichtweise auf Glik propagieren, dem er neben anderen vor allem – und später im Essay ausführlicher behandelt - die „jüdische Dichterin“ Nelly Sachs an die Seite stellt als nun endlich gleichermaßen neu zu sehen, mittels einer Sichtweise der literarischen Eigenständigkeit, aber auch der Unversöhnlichkeit, die im übrigen Hans Magnus Enzensberger für Nelly Sachs (die nämlich lyrisch keinerlei Versöhnungsangebote gemacht habe) schon 1957 begründet habe.

Seinen Dichter Glik, den er wohlwollend, aber „ohne Pathos“ betrachten will, möchte der Autor loslösen aus der „deutschen Klezmer-Begeisterung der 1980er Jahre (Zupfgeigenhansel), als Gliks Partisanenhymnen mehr oder weniger missbraucht worden seien, um einen „merkwürdigen Phantomschmerz“ auszudrücken, derjenigen nämlich, „die in der Gegenwart vermissten, was ihre Vorfahren vor 80 Jahren fröhlich [sic] in Osteuropa vernichtet hatten.“

Solch Vorgehen bedeute nämlich auch automatisch, dass sie die Beiträge jüdischer Künstler*innen als integrativen Bestandteil der deutschen Kultur sähen. Gegen die Sichtweise „jüdische Kultur sei auch deutsche Kultur“ wendet sich Czollek also.

Anderenfalls würden nämlich Eigenart und Unterschiedlichkeit der Werke von Paul Celan, Avrom Sutzkever, Ilana Shmueli, Nelly Sachs und eben Hirsch Glik nicht in den Blick genommen.

Im Folgenden kennzeichnet der Autor die Geschichte Hirsch Gliks als die eines jüdischen Autors in seinem lyrischen und physischen Widerstand gegen die deutschen und baltischen Nazis aber auch als eine Geschichte der herausragenden Bedeutung der Stadt Vilnius für die jüdische Dichtung. „Kriegerische Menschlichkeit“ (der Autor bezieht sich auch auf Bertolt Brecht), so Czollek, sei „ein guter Rahmen“ für den Zugang zu Gliks Gedichten.

Das Schreiben werde so „Akt des Widerstands, … Teil der widerständigen Praxis also, die keine Aussicht auf Erfolg braucht, um vollzogen zu werden.“

Zur textualen Illustrierung von Gliks „Poetologie der Hoffnungslosigkeit“ führt Czollek zwei jiddische Gedichte Gliks auf: „Schtil, die nacht is ojssgeschternt“ und „Sog nit kejn mol“, wobei er das erste selbst ins Deutsche übersetzt hat, während das zweite die Übersetzung seines Vaters Michael Czollek aus dem Liedarchiv der Familie darstellt. (Günstigerweise bringt das Büchlein im Anhang die beiden Gedichte auch in hebräischer Version; zudem beinhaltet der Internetmitschnitt Czolleks seinen Vortrag der Melodien, dabei in seiner zurückgenommenen Weise mit extra berührender Wirkung.)

In letzter Zeit fasziniert Czollek also „die Tatsache, dass die über zweitausendjährige jüdische Geschichte in Europa und anderen Erdteilen eben nicht nur eine Geschichte der Unterwerfung und Ausgrenzung, sondern auch eine der Handlungsmacht und der Widerständigkeit ist. Damit meine ich … auch jene Zwielichtigkeit, von der die Gangstergeschichten Isaak Babels über die Unterwelt Odessas oder die Schlägertrupps der Kosher Nostra gegen den protofaschistischen German-American Bund in den USA berichten.“

Es war dem Autor darum ein Anliegen, Hirsch Glik inmitten dessen wehrhafter Künstler*innengruppe Yung Vilne  „aufzusuchen“ und gerade mit ihm Zwiesprache zu halten.

Auf den Rezensenten wirkt als stark, dass Czollek klar und offensiv seine Absicht nennt und unterfüttert; selber angriffslustig wie er seinen geschätzten Hirsch Glik sowie weitere jüdische Dichter*innen gesehen wissen möchte. Dichter und Dichterinnen, die der jüdischen Kultur zuzurechnen seien, nicht der deutschen.

Max Czollek
»Sog nit kejn mol, as du gejsst dem leztn weg.« Zu einem Archiv wehrhafter Poesie bei Hirsch Glik
Zwiesprachen
Wunderhorn Verlag
2020 · 20 Seiten · 16,00 Euro
ISBN:
978-3-88423-634-

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