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Kritik

„Aufblitzen eines Goldzahns“

Hamburg

Lassen wir mal ein paar Dinge beiseite. Dass Max Sessner, der Augsburger Jackettliebhaber, Bücher-, Menschen- und Hundefreund, in seinem sechzigsten Jahr soeben seinen dritten Gedichtband – und erstmals in der Dresdner Edition Azur – veröffentlicht hat; 2005 und 2012 die Vorgänger (bei Droschl), alle sieben Jahre einen, könnte man meinen, so oft, wie der Mensch, wie man sagt, sich vollständig wandelt. Dass die Gedichte in „Das Wasser von gestern“, deren Strophen scheinbar willkürlich, optisch, nicht inhaltlich gefügt sind, zumeist kleine Episoden enthalten, die, angeregt von einem Bild Jan Gossaerts oder Francis Bacons, einem Popsong wie „Send in the clowns“, von Erinnerungen an die Eltern, einem schattensuchenden Hund oder einer Begegnung mit dem Glück, den sich daraus ergebenden Gedankengängen poetisch nachlaufen. Dass diese Gedichte einen sanft geleiten können und manchmal etwas ratlos machen, nie jedoch verwirrt zurücklassen, weil man es Sessner einfach abnimmt, dass er heute der „Tisch“ ist, „an dem du sitzt“, einer von den

hölzernen welche mich
an alte Hunde erinnern die
über unseren Schlaf wachen
treu und philosophisch

– man nimmt ihm das ab, man folgt ihm einfach gern.

Und ja – folgen wir ihm, auf diesen etwas chaotisch-labyrinthischen Wegen, gepflastert mit Assoziationen und Abschweifungen, diesen absurden kleinen Umwegen, die so nahe liegen, wie sie normal sind, und die der Geist eben geht, wenn man ihn lässt.

Da trägst du ein neues Jackett

– man wähnt Besitzerstolz, Freude am persönlichen Stil, ein bisschen Eleganz –

und musst doch irgendwann ins
Gras beißen

wie das Leben so spielt,

nicht sofort aber
einige Jacketts später

Und „dein letztes“ ist eben nicht das letzte Hemd, sondern ein Jackett „von unbestimmter Farbe“, textile Verkörperung des kleinen Dichterruhms, dessen späterer „Käufer Second Hand“ doch nur, nachdem er damit einen Abend aus dem Rahmen gefallen ist, „geraucht und zugesehen“ hat, beim Lüften im Garten, „wie der Wind / es bauscht“ – so wie man selbst.

Oder nehmen wir den

Tag heute mit seinem Licht
seinem Zaudern den schweren
Worten und den leichten

im Gedicht „September“: dieser Tag landet in einer Schachtel – Put the message in the box – auf dem Speicher, „und wir sind einen Tag ärmer“. Lassen wir uns ein auf diese nicht wahnsinnig originelle Metapher für Erinnerung, wir kennen doch die zerbrechliche Schönheit solch eines Septembertages. Irgendwann wird er dort, auf dem Dachboden, gefunden wie ein Schatz, und der ihn findet und „den Staub / vom Deckel bläst“, ist „geblendet“, denn

das Licht eines längst

vergangenen Tages strömt ihm
entgegen stundenlang

Und wiewohl die Verse in Sessners Gedichten nicht unbedingt Sinnabschnitten folgen, merkt man spätestens an diesem Sprung in die nächste Strophe – dem Zeilenloch, das ein längst vergangener Tag hinterlässt –, dass die äußere Form der Texte nicht willkürlich gewählt ist.

So einem Autor, der mit leiser Selbstironie der kumpelhaften Melancholie des Alltags und des Älterwerdens nachforscht, trauen wir es zu, dass er auch über das Glück schreiben kann.

Wissen Sie das Glück ist ein
Idiot

beginnt das Gedicht „Der Goldzahn“ – mit diesem lässigen Gestus, diesem amerikanischen Y’ know. Wo ist da der Goldzahn, wo könnte er stecken? Wir erfahren vom Glück, dass es ruhelos herumläuft,

als nicht mehr ganz

junger Mann in fadenscheiniger
Kleidung,

der auf der Straße lebt. Aber

wenn er sich
doch einmal niederlässt und
jemanden am Ärmel zupft,

dann ist das das

Aufblitzen eines Goldzahns

im Abendlicht.

Die coole, gedankenlose Rede vom Glück als Idiot erweist sich bei näherem Hinsehen, im „Abendlicht“ des Gedichtes zumindest, als fragwürdig – so wie das dichterische Trachten dahin geht, die Penner-Camouflage des Glücks auffliegen zu lassen, ohne ihm den Goldzahn auszureißen.

Und wir sehen ihn auf einem Friedhof als Kind sein „Wasser von gestern“ vergießen, in der „Stunde vor unserem spurlosen / Verschwinden“, den kunstsinnigen, musikaffinen Jackettträger, Hundeliebhaber und Bücherfreund. Er sieht, ganz „Dichter“ in der Nachfolge des „Freiherrn“, im Haus der Großmutter „unter den Betten Gras das // sich biegt“, und faßt sich ganz zuletzt doch noch „ein Herz / auch wenn es nicht seines ist“.

 

 

Max Sessner
Das Wasser von gestern
edition AZUR
2019 · 72 Seiten · 19,00 Euro
ISBN:
978-3-942375-39-9

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