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Kritik

„Ich mag keine Geheimnisse“

Maxim Billers neuer Roman Sechs Koffer fragt, warum jemand wissen will, was ein anderer nicht wahrhaben kann
Hamburg

„Das geht niemanden etwas an. Das verstehen Sie doch, oder?“ Maxim Biller lässt seinen neuen Roman mit einem Radiogespräch enden, in dem die Schwester des Erzählers, Jelena, penetrant von einer Moderatorin gefragt wird, wer ihrer Ansicht nach denn nun wirklich Schuld sei am Tod des Großvaters, damals in der Sowjetunion. Irgendjemand musste den Patriarchen der jüdischen Familie nämlich verraten, ihn und seine illegalen Geschäfte an eine Apparatschik für irgendeine Gegenleistung verpfiffen haben. Wenn Jelena der aufdringlichen Journalistin dann doch nachgibt und „auspackt“, endet der Roman Sechs Koffer.

Davor entspannt und verwebt sich in sechs Kapiteln aus unterschiedlichen Perspektiven eine russisch-tschechisch-jüdische Familiengeschichte, die mindestens die Hälfte des letzten Jahrhunderts umspannt. Sie spielt in Prag, Berlin, Zürich und folgt Figuren vom Kindes- bis zum Greisenalter. Die berüchtigte Slánský-Affäre, als in Prag 1952 jüdische Mitglieder der Kommunistischen Partei in einem Schauprozess zum Tode verurteilt wurden, schimmert am historischen Horizont auf, ebenso die brasilianische Militärdiktatur, die letzten Tage des zweiten Weltkriegs in Berlin.

In Sechs Koffer wird der Weltenlauf allerdings nicht großspurig über die Köpfe der Familienmitglieder hinweg ausgedeutet, sondern von Leben mit Schwere relativ leicht erzählt: Am Beginn werden Prager Kindheitsszenen geschildert, in denen die Mutter Sohn und Tochter als „Schätze und Sargnägel“ bezeichnet, während der Vater nach dem russischen Wort für „fauliger Gestank“ sucht, um eine Szene mit Soldatengräbern in Der brave Soldat Schwejk zu übersetzen. Tante Natalia — KZ-Überlebende und später femme fatale von Prag — muss in ihrem eigenen ambitionierten Filmprojekt, die verführerische, lebensbejahende Hauptfigur unter dem Druck der Kulturfunktionäre sterben lassen und setzt sich Jahre später auch selbst ihr eigenes Ende. Von Onkel Dima wird erzählt, einem Prahlhans, der fünf Jahre in den Knast muss, lange Zeit für den Verräter am Patriarchen gehalten wird. Danach entwickelt er in Zürich Waffen für ein Schweizer Unternehmen, was ihm immerhin erlaubt, in der berühmten Zürcher Kronenhalle essen zu gehen, damit es am Ende alles irgendwie zumindest zeitweise so erscheint, als hätten sich die Entbehrungen gelohnt.

Die knapp 200 Seiten des Buchs liest man in einem Rutsch, ohne große Anstrengung. Und dennoch bleibt Sechs Koffer nachdrücklicher im Gedächtnis als unglaublich aufwändige, ausgebuffte Prosaprojekte, die auf unzähligen Meta-Ebenen alle möglichen relevanten Diskurse pflichtbewusst abstecken. Billers Sog kommt nicht von Städtepanoramen, die staubig-dichte Postkartenatmosphären einfangen wollen. Er verzichtet auf großangelegte psychologische Landnahmen, bei denen der Erzähler hinter der Stirn einer Figur ausgetüftelte Tiefen auslotet. In kurzen, dichten Szenen mit vielen Dialogen wird eine Handlung vorangetrieben, ohne zu behaupten: So musste es sein. Geschickte Rückblenden und einige erzählerische Kniffe wie die immer wieder unterbrochene Lektüre eines Abschiedsbriefs lassen dabei die Gegenwart von der Geschichte eingeholt werden. Die Familienmitglieder können nicht vergessen und kaum vergeben und wollen doch gleichsam was war, hinter sich lassen. Zwischen Sexheftchen aus der Jugend liegen die Akten von der Staatssicherheit, die das ganze Leben jederzeit in einen neuen Abgrund stürzen können.

Was jedes handwerkliche Lob und die Betonung technischer Finessen im Fall dieses Romans dumm dastehen lässt, ist die einfache Tatsache, dass es sich ziemlich sicher doch ziemlich genau so zugetragen hat mit der Familie, wie es in Sechs Koffer geschrieben steht: Der Roman stimmt (vermutlich). Billers Vater hieß Semjon und war Übersetzer, seine Mutter heißt Rada, die Schwester Jelena veröffentlichte letztes Jahr einen Familienroman bei KiWi. Die Vermengung von Fiktion und Wirklichkeit gilt als Kardinalssünde bei den allermeisten professionellen Exegeten, um wohl ein Leben lang im Text stochern zu dürfen und nach immer neuen Bedeutungen zu schaufeln. Biller hat die mangelnde Bereitschaft dazu, das Erlebte zu einer juristisch unangreifbaren Unkenntlichkeit zu verstellen, schon mal die Veröffentlichung eines Buchs gekostet (Esra, 2003). Aber gerade in dieser selbstsicheren Vermengung liegt der Grund, warum der Roman schlicht und ergreifend gelingt. Ein Autor weiß, wie er dem ihm vertrauten, persönlichen Stoff in der Konstruktion eines Buchs gerecht wird: Hier wird nicht an der Nase herumgeführt, sondern mit den Mitteln eines mehrperspektivischen, chronologisch uneinheitlichen Erzählens das schwere Zerwürfnis von Leuten dargestellt, eine „Familienhölle“, wie Onkel Dima sagt. Jeder hat vorm andern Geheimnisse, unterstellt ihm das Schlimmste, und doch können alle am Ende nicht voneinander lassen. Dabei die Frage, ob es nicht reicht, dass das klare Aufschreiben einer verhedderten (Lebens-) Geschichte die (stellvertretende) Befreiung zumindest eines Einzelnen ist. Jedenfalls sagte schon Goethe: „Sprich vom Geheimnis nicht geheimnisvoll.“

Maxim Biller
Sechs Koffer
Kiepenheuer & Wisch
2018 · 208 Seiten · 19,00 Euro
ISBN:
978-3-462-05086-8

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