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Kritik

„Darf man denn alle Schicksale in einer einzigen Geschichte vermischen?”

Zu Maxim Kantors Romantotalitär „Rotes Licht”
Hamburg

Man handelt ihn als Jahrhundertroman und nennt ihn in einem Atemzug mit dem „Meister und Margarita” von 1940: „Rotes Licht” von Maxim Kantor. Darin versucht der russische Weltbürger, Maler und Grafiker die Geschichte Sowjetrusslands bis in die Ära Putin episch zu bewältigen.

Tatsächlich steht eine Figur wie Voland, Ausländer und Meister für schwarze Magie in Bulgakows Kultbuch, im Mittelpunkt: In die Zeitläufe des blutigen 20. Jahrhunderts wirft ein Mephistopheles „Rotes Licht”. Den „Geist, der stets verneint” gibt bei Maxim Kantor die historische Persönlichkeit des Ernst „Putzi” Hanfstaengl. Hitlers „Phantomschmerz einer versäumten Bildung” war in Wirklichkeit dessen weltgewandter und gebildeter Freund und Gönner, ein bayrisch-amerikanischer Kunsthändler, der anlässlich der Machtergreifung eine „Hitler-Suite” komponierte und dem Braunauer Herrenrasseführer als Berater für Internationales zur Seite stand. Vorerst Auslands-Pressechef der Nationalsozialisten, sollte „Putzi” nach dem Misserfolg des „Blitz” auf Großbritannien aus dem Weg geräumt werden. Da wechselte er Seiten und wurde Berater seines Studienkollegen Franklin D. Roosevelt. Während der historische Hanfstaengl 1975 in München starb, lässt Kantor ihn weiterleben, aus dem Londoner Hausarrest heraus den Verfall des Kapitalismus, in London wie in Moskau, kommentieren.

In „Rotes Licht”  zeigt Kantor in der Geschichte des 20. Jahrhunderts auf, wie das Böse, ein Fähnchen im Wind, aus Diktaturen zur Schutzmacht der Demokratien wechselt. Es entspricht dem Zeitgeist und nennt sich, in persona von Ernst Hanfstaengl,  „Historiker <...> Ernst Astarthowitsch”.

Hanfstaengls umfangreiche Memoiren sind nur eine Quelle, bei der sich der Autor bedient, und „Putzi” ist nur einer der Pappkameraden, die für die Geisterbahn des Weltkriege-Jahrhunderts zum Einsatz gebracht werden. Zur Darstellung sowjetischer Ereignisse zwischen Revolution und Bürgerkrieg – darunter hier weniger bekannte Ereignisse wie die Bauernaufstände von Tambow 1921 (eine Hungerrevolte gegen die Zwangsrequirierungen von Getreide, aus der sich für eine Zeitlang ein Staat im Roten Staate bildete) und der für die Rote Armee fatale „Fleischwolf” verlustreicher Schlachten um die Stadt Rschew 1942/1943 –  wählt Kantor eine Riege von ProtagonistInnen verschiedener Perspektiven, Generationen und Bevölkerungsschichten. Ihre Berichte und Episoden verwendet Kantor, um, meist in Dialogen, Schlaglichter auf die Geschehnisse auf russischer Seite zu werfen.
 
Die Fäden aller Figuren hängen im selben Moskauer Wohnhaus zusammen. Es sind Nachbarn, Kollegen, Verwandte von Hanfstaengls Antipode Solomon Richter, der seit 1927 hier lebt, mit seiner Familie damals in die UdSSR remigriert. Solomons Vater hieß wie Maxim Kantors Großvater Moses, war 1905 nach Argentinien ausgewandert und 1927 mit fortschrittlich gesinnter Frau und vier Söhnen zurückgekommen, um als Geologe seinen Beitrag zum Aufbau der kommunistischen Gesellschaft zu leisten. Drei seiner Kinder kämpften im Spanischen Bürgerkrieg und wurden von russischen Landsleuten, weil trotzkistisch gesinnt, liquidiert –  ganz wie die Brüder von Kantors Vater Karl. Einzig Sohn Solomon bleibt dem Vater, einer Hiob-Figur. Kantor gestaltet diesen Solomon Richter, den „Faust" des Romans, nach Vorbild seines Vaters. Karl Kantor war Wissenschaftler und mit den Dissidenten-Philosophen Alexander Sinowjew und Merab Mamardaschwili befreundet. „Rotes Licht” ist sein Denkmal.

Die Erzählungen von oder über all diese Menschen hat Kantor in den Plot verwoben; ein ehrgeiziges Projekt, für das sich der Versuch gelohnt hat.

Die deutsche Schlagseite des Romans beruht auf der idealistischen deutschen Philosophie der Spätromantik. Aus ihr sei Bösewicht Hanfstaengl hervorgegangen. Er hält alles zusammen. Seine Zeit mit Hitler gibt den Kamm, über den Kantor den Rest der Welt schert. Sein Ziel ist, die Geschichte der Sowjetunion als Vorgeschichte der Putin-Autokratie zu erzählen:

„Wir saßen im Hotel Vier Jahreszeiten und diskutierten den Hakenkreuz-Entwurf, als im fernen Russland die Kommunisten das gleiche Zeichen als Helmzierde der sogenannten Budjonny-Reister einführen wollten. Hätte man sich nicht einigen können?”

Heute wird Geschichte vereinfacht gelehrt. An europäischen Schulen behandelt man Stalinismus und Drittes Reich als nur in Details abgewandeltes Modell der Alleinherrschaft. Obwohl kein Freund der sogenannten Totalitarismus-Theorie, begeht Kantor denselben Fehler: Es gelingt ihm nicht, das schematische Handlungsgerüst glaubhaft zu bekleiden. Sein Advocatus Diaboli führt mit erdrückender Schwadronierwut Debatten über Politik, wobei er sich auch anderer Figuren bedient, die er reden lässt. Die hängen dadurch in der Luft, bleiben Puppen auf den Handlungssträngen, ohne je Kontur zu erlangen. Anstatt dass er sie handeln lässt, stellt der Autor sie aufs Spielfeld und legt ihnen Reden in den Mund. Radikal entgegengesetzt wäre die Doderer-Strategie gewesen: Geschichte, ersetzt durch Privatheit und absolut genommene Innen-Wahrnehmung der Figuren. In „Rotes Licht” dagegen werden Papiermaché-Figuren, ohne zu Leben zu erwachen, auf Geleisen, Landkarten und Generalstabsplänen verschoben; Talking Heads, wie Kritikerin Christine Hamel treffend vermerkte

Die Geschichte packt einen nicht. Das Konzept geht nicht auf, selbst wenn die treibende Kraft des ganzen Aufs und Abs der Zeitgeschichte, Ich-Erzähler Hanfstaengl, mehrfach von sich behauptet: „Ich –  ich bin die Geschichte.”

Der Leser/die Leserin kämpft sich freudlos durch das Konstrukt. Ähnlichkeiten zu Jonathan Littells giganteskem Nazischinken tun sich auf, weil „Die Wohlgesinnten” ebenfalls ein fleißig erstellter Frankenstein war, dem das Menschliche fehlte.

Um den pessimistischen geschichtsphilosophischen Monolog aufzulockern, wurde als zusätzlicher Handlungsstrang der Mord in einer Moskauer Kunstgalerie eingebaut. Hier tummelt sich eine Schickeria, in die Hanfstaengl gut passen würde. Allerdings sitzt der in London, wie viele russische Oligarchen-Gattinnen aus der Gesellschaft um Kunsthändlerin Irina Kuljkowa, deren Ehemann „in der Jugend zwar ein wenig gemordet und vergewaltigt” hat, und Szene-Galerist Iwan Basarow, bei dem ein Mord stattfindet. Seine Aufdeckung erfolgt am Ende durch den Aufklärer per se, Professor Solomon Richter, als Nathan der Weise oder Sean Connery in „Der Name der Rose” vorzustellen. 

Wer in der Clique der sich kulturaffin gebenden Geldwäscher wer ist, weiß der Autor wohl: Neben Essay-Schreiber auch Maler und Karikaturist, hat Kantor sein Herkunftsland Russland 1997 auf der 14. Biennale in Venedig vertreten. Damals unter den Mächtigen und Einflussreichen noch wohlgelitten, macht der argentisch-englisch-deutsche Staatsbürger heute als Putin-Kritiker Furore, wetternd gegen den Zeitgeist des neuen russischen Imperiums von Autokratengnaden. Die Besetzung der Ukraine gilt Kantor als Anfang vom Ende: Spätestens zu diesem Zeitpunkt sei die liberale Einstellung der russischen Intellektuellen großräumig einer vaterländisch-imperialen Gesinnung gewichen, sagt er, nach dem Motto: heim ins Reich, man gebe Russland, was Russland gehört.

Aber ist es nicht billig, Putin skandalträchtig mit Worten zu schmähen wie:

„Das glatte Antlitz des russischen Präsidenten, das so viel Ähnlichkeit mit einer nicht mehr ganz jungen Lesbe hatte, verzerrte sich im Zorn, wenn er an den ukrainischen Verrat dachte.”?

Kantor betont gern, dass ihm das Ankreiden der Käuflichkeit des postsowjetischen Intellektuellen durch die Oligarchie die Position auf dem 36. Platz im Ranking der Staatskritiker eingebracht hätte. Und das nach dem Angebot, ob er denn nicht russischer Kulturminister werden wolle... Das verlockende Angebot hat er ausgeschlagen, „Rotes Licht” musste in der Ukraine erschienen.

In Moskau möchte der vielseitige Künstler aus den genannten Gründen nicht mehr wohnen. Spätestens sein 1000-seitiger Roman „Zeichenlehrbuch” hätte ihn dort zur Persona non grata gemacht. Derzeit lebt er in Frankreich. 

Der Roman beginnt an „Faust” Solomon Richters Sterbebett in einem Moskauer Krankenzimmer und endet bei seinem Tod. Der Mord am Chauffeur des Galeristen wird aufgeklärt. Hanfstaengl tritt zum Showdown auf. Im Dialog mit dem Professor und ewigem Wahrheitssucher, der „strebend sich bemüht”, outet er sich als Kontrahent:

„Ich und der berüchtigte Zeitgeist, wir sind ein- und dasselbe. <...> Trippelschritte dessen, was Hegel als Weltgeist bezeichnet hat. <...> Ich bin da, wo die Mode ist, und die Mode ist da, wo das Imperium ist.”

Den Pakt mit dem Bösen sieht der Autor vor allem darin verwirklicht, wie sich die Gebildeten seiner Generation mit den Oligarchen des postsowjetischen Russland arrangiert haben. Dabei kam der faule Zauber einer simplen Vergangenheitsverteufelung zum Einsatz: Wer gegen Stalin ist, ist gut. –  Für diese rückwärtsgewandte Geschichtskritik feierte man KünstlerInnen als neue demokratische Stimmen, und in ihrer Eitelkeit hätten sie den Laudatoren nachgesehen, welche Verstrickungen die Mäzene an Geld und Macht band. Wer wird auch die Hand beißen, die einen füttert? Der gestrige Mummenschanz der Nomenklatura war bald von dem des Neuen Russen ersetzt, Neofeudalismus trat an Stelle der gepriesenen demokratischen Freiheit. So erklärt es Maxim Kantor bei seinen zahlreichen Auftritten vor europäischen Entscheidungsträgern.

Recht spät im Roman nennt der Erzähler die „Göttliche Komödie” seine Inspiration. Eher dürfte Alexander Sokurows 2011 fertig gestellte Tetralogie über die unsichtbare Macht Pate gestanden sein, v.a. dessen von Bosch-Gemälden inspirierte „Faust”-Lesart. Mehrere Willkürherrscher sind in den Spielfilmen Untersuchungsgegenstand: Hitler (in „Moloch” von 1999), Lenin („Taurus” 2000) und der japanische Gottkaiser Hirohito („Sonne”, 2005). „Rotes Licht” tritt gewissermaßen zur Verlängerung von Sokurows kinematograischer Forschungsfrage an, bis hin zur Putin-Ära. Kantor nennt die Kraft, die die Machtgestalten antreibt, den bösen Zeitgeist der Geschichte. Aus Hanfstaengls Mund beschreibt er den immerwährenden Konflikt:

„Es gibt Dinge, die mir verwehrt bleiben. <...> ich kämpfe um Territorien und verderbte Seelen, eine göttliche Seele dagegen kennt keine Territorien und kann auch nicht erobert werden. Deshalb habe ich Fausts Seele nicht bekommen, wohl aber den Inhalt eines Hitler oder Putin.”

Kantors pessimistische Botschaft, aus dem Munde des Zeitgeists, lautet: Das Böse ist vor allem im scheinbar Liberalen wirksam. Gerade die Demokratie sei „der triste Homunkulus westlicher Alchimie”:

„Wollte man sich auf Fakten stützen", sagte ich, „so würde sich herausstellen, dass Adolf Hitler den Tod von weniger Menschen verschuldet hat als die aufgeklärte demokratische Welt.”

Die Tyrannei sei nicht die effektivste Methode für den Massenmord, gibt Hanfstaengl zum besten, vielmehr die Demokratie: „Zwischen 1945 und 2012 sind mehr Menschen umgekommen als zwischen 1914 und 1945”. Zum Beweis folgt eine Liste der Konflikte um die Unabhängigkeit von Staaten bzw. Stellvertreter­kriegen, angefangen bei den lateinamerikanischen Demokratien, deren Regierungen verurteilte SS-Kommandeure als Militärberater beschäftigten. – Doch wo historische Daten anstelle von großen Gesten gefragt sind, wird Kantors „Putzi” kleinlaut. Lieber fuchtelt er mit großen Gesten im Raum als Geschichte genau zu nehmen.

Noch dazu lässt ihn das Lektorat der deutschsprachigen Version im Stich: Es wäre nicht schwer gewesen, ein paar Jahreszahlen zu überprüfen. Man hätte herausgefunden, dass kein „dortiges Auschwitz” in Belgisch-Kongo Catania hieß, sondern die ganze Unruheprovinz Katanga; dass Stauferkaiser Friedrich II. Barbarossa das Heilige Land nie erreicht hat; und dass man den „Bürgerkrieg von Kalimantan” hierzulande Ost-Timor-Konflikt nennt. Übersetzung sollte mehr als Vokabelumtausch bieten... Der Verlag ließ den Roman hastig von einem ganzen Kollektiv ins Deutsche bringen und sparte offenbar auch bei der Korrektur. Der Text strotzt vor Rechtschreibfehlern.

An einer Stelle hängt plötzlich, mitten im Bilderhagel aus den Blood Lands des 20. Jahrhunderts, ein auktorialer Erzähler in der Luft wie ein am Set übersehenes Mikro: „Lassen wir <Deschkow und seine nach allen Irren wiedergefundene Frau Darja> hier auf diesem Hügel stehen, gegenüber von Dulag 240. Wir wissen ja, was jedem von ihnen bevorsteht.” – Eine weitere Unachtsamkeit des Verlags?
Die Summe der Kleinigkeiten steht im Gegensatz zu den großen Fragen, wie sie der Autor stellt – und sich gleich selbst Antwort gibt: „Darf man denn alle Schicksale in einer einzigen Geschichte vermischen? – Man darf, wie man sieht.”

Dass man darf, erlaubt die Demokratie. Ob einen das Gelesene tatsächlich überzeugen mag?

Nicht jeder mag ein Joseph Roth oder Mario Vargas Llosa sein, deren Figuren konturierte Persönlichkeiten der Handlung auftreten, wie sie auch ihre Epochen repräsentieren. So hoch muss „Rotes Licht” sich die Latte nicht legen. Aber dass sich selbst das komplizierteste Romangespinst mit Sinnesmaterial aufladen lässt, hat eben erst Kantors Landsmann Alexander Ilitschevski bewiesen. Wer sich also Fabulierkunst auf dem Nährboden erlebter Großvatergeschichte im 21. Jahrhundert geben möchte, der gehe lieber zu Varujan Vosganians „Buch des Flüsterns”.

Maxim Kantor
Rotes Licht
Übersetzung:
Juri Elperin, Sebastian Gutnik, u.a.
Hanser Literaturverlage
2018 · 704 Seiten · 29,00 Euro
ISBN:
978-3-552-05853-8

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