Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Kritik

Woman Work

Hamburg

where the music is blues
and to the point

Judith Zander übersetzt Gedichte der legendären US-Amerikanerin Maya Angelou. Was sich als gute Paarung anhört, ist in der Gegenüberstellung der beiden Sprachzugriffe in Wirklichkeit nicht ganz in Balance. Zwar übersetzt Zander mit großer sprachlicher Flexibilität und Raffinesse, doch bleibt ein ganz wesentliches Element von Angelous Lyrik beinahe durchgängig auf der Strecke: ihre ihr eigene dringliche Einfachheit, ihre lesbare Lautstärke des Auftritts und die hohe Temperatur ihrer Texte. Zander verwendet sehr gesuchte, markierte, mitunter komplexe Arrangements, doch öfters fischt sie sich die Verse schwer mit langen, sinnsuchenden, unterkühlenden Flüssen, die das soulige Abschmettern von Angelou, ihre Ungeniertheit und musikalische Verkürzung schlichtweg ignorieren, mit etwas seltsam anmutenden Gestelztheiten ersetzen. Gewiss scheint es auch hier unmöglich, die Stimme zu finden, und gewiss ist Zanders Arbeit sehr dicht, doch biegt der Band mitunter ziemlich deutlich in die Richtung ab, zwei Gedichttypen zu ein und demselben Thema auszubilden. Was wiederum sehr interessant ist. Wer nur einer Sprache lesend folgt, verbleibt in nur einer Welt, „Ich bin nicht an der Spitze / doch spitze nenn‘ ich es auf alle Fälle“.

Während ikonische Gedichte wie Phenomenal Woman in der Fassung Unglaubliche Frau nicht ganz abheben wollen, gelingt es Zander in den Talking Poems wie Woman Work eine andere Glaubhaftigkeit zu konstruieren:

Ich muss auf die Kinder aufpassen
Und die Sachen ausbessern
Den Fußboden wischen
Zum Einkaufen zischen
Dann das Hühnchen brutzeln
Das Baby abputzen
Ich habe Besuch zu bewirten
Im Garten Unkraut zu jäten
Ich muss die Hemden bügeln
Die Kleinen schniegeln
Das Zuckerrohr gehört geschnitten
Es muss Ordnung in diese Hütte
Dann nach den Kranken gucken
Und die Baumwolle pflücken.

Angelous Unmittelbarkeit, ihr Engagement in Werk wie Leben ist legendär. Nie sind ihre Gedichte durch irgendetwas verstellt. Sie experimentiert zwar nicht über die Maßen, das ist schlicht nicht nötig, sie haut die Welt in kurze Verse, bringt universale Themen auf den Punkt ins Buch – jedes Wort an der richtigen Stelle. Einmal im Vergleich aus When I think about myself / Wenn ich so über mich selbst nachdenke:

Sixty years in these folks‘ world,
The child I works for calls me girl,
I say “Yes ma’m” for working’s sake.
Too proud to bend,
Too poor to break,
I laugh until my stomach ache,
When I think about myself.

Sechzig Jahre auf dieser Welt,
Und ein Kind nennt mich Mädchen, gegen Geld,
Ich sage: „Ja, Ma’am“, der Arbeit sei Dank.
Zu stolz, mich zu beugen,
Zum Zerbrechen zu blank.
Ich lache mich, bis mir der Bauch weht tut, krank,
Wenn ich so über mich selbst nachdenke.

Dieser Gedichtband namens Phänomenale Frauen bei Suhrkamp ist, trotz einer gewissen Spezialisiertheit in Sachen Übersetzen, immens bedeutsam. Trotz seiner Kürze, oder gerade wegen, bringen Angelous / Zanders Verse einen uniken Lebens-Drive in die Lyrik zurück, die vor keinem platten Abfeiern halt macht – und Recht behält. Trotz der überwiegend vor Unglück und Ausgeliefertsein an System, Männer, Historie, Zuschreibungen, Daumen nur so strotzenden Gedichte geht es hauptsächlich ums Befreien durch Sprache, das Dingfest-machen durchs Sagen, das Hochhinaus in Worten. Maya Angelous Kunst ist, die Gedichte sowohl individuell als auch kollektiv offen zu halten. Sie bergen einen höchsten Identifikationskern, weit gefasst, vollkommen verständlich und stets gepfeffert, derb, melodiös. Wuchtige 96 Seiten.

Ich bin süß wie Torte
und fett wie Butter.
Immer wenn ich erbebe,
kriegen Männer das Zittern.

Maya Angelou
Phänomenale Frauen
Übersetzung:
Judith Zander
Suhrkamp
2020 · 95 Seiten · 14,00 Euro
ISBN:
978-3-518-47098-5

Fixpoetry 2020
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung von Fixpoetry.com und der Urheber
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen den Artikel jedoch gerne verlinken. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Letzte Feuilleton-Beiträge