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Phänomenale Frauen

Hamburg

Maya Angelou ist nicht nur als Bürgerrechtlerin und Feministin weit über die Grenzen Amerikas hinaus bekannt. Geboren 1928 als Marguerite Annie Johnson war sie in ihrem langen Leben in vielerlei Berufen tätig. Mit 17 Jahren Mutter eines Sohnes verdingte sie sich zunächst als Straßenbahnfahrerin, wurde Schauspielerin, Sängerin, Tänzerin und wählte 1954 den eingängigeren Namen Maya Angelou. Später war sie unter anderem Produzentin, Journalistin, Drehbuchautorin und Komponistin. Sie veröffentlichte 36 Bücher, viele davon Bestseller: sieben Autobiografien und etliche Lyrikbände, Essaysammlungen, Kinder- und Kochbücher. Literatur und das eigene Schreiben waren ihr nicht in die sprichwörtliche Wiege gelegt worden. Sie stammte aus einfachen Verhältnissen, erlitt als Kind das Trauma einer Vergewaltigung und verstummte danach für mehrere Jahre. Durch das Bemühen ihrer Lehrerin Bertha Flowers, einer Afroamerikanerin, begann sie nicht nur wieder zu sprechen, sondern lernte auch die Werke zahlreicher Autor*innen kennen, darunter neben Dickens oder Poe viele afroamerikanische Literat*innen. Besonders beeindruckt war Angelou von William Shakespeare und bekannte später, dass sie als junges Mädchen beim Lesen seiner Sonette die tiefe Empfindung hatte „Shakespeare must be a black girl“.

1959 riet ihr der Schriftsteller John Oliver Killens, sich ganz auf das Schreiben zu konzentrieren und nach NYC zu ziehen, wo sie Austausch mit zahlreichen anderen Autor*innen hatte. Bedeutsam war die freundschaftliche Förderung durch James Baldwin, den sie „my brother“ nannte. 1969 veröffentlichte Angelou ihre erste Biografie mit dem Titel „I Know Why The Caged Bird Sings“. Es ist ihr wohl bekanntestes Buch, in dem sie von den frühen Jahren bis zur Geburt ihres Sohnes erzählte und in dem die Vergewaltigung einen wichtigen Platz einnahm. Zwei Jahre danach erschien ihr erster Gedichtband „Just Give Me a Cool Drink ’fore I Diiie“, der 38 Gedichte enthielt, die meisten davon waren Songtexte. Die Schriftstellerin wurde im Lauf der Jahre mit zahlreichen Ehrungen gewürdigt, war u.a. die erste Frau und erste afroamerikanische Dichterin, die ein Gedicht bei der Amtseinführung eines amerikanischen Präsidenten las – ihr Gedicht „On the Pulse of Morning“, das sie 1993 bei der Amtseinführung von Bill Clinton vortrug. Und sie wurde 2010 von Barack Obama mit der höchsten zivilen Auszeichnung der USA geehrt, der Presidential Medal of Freedom. Maya Angelou, die als „a woman who teaches by being“ erinnert werden wollte, starb 2014 mit 86 Jahren.

Wiederkehrende Themen in Angelous Prosa und Lyrik sind Liebe, Rassismus und Unterdrückung der Schwarzen in Amerika sowie das Ringen um Identität, wobei sie besonders die Schönheit, Stärke und Widerstandskraft schwarzer Frauen literaturwürdig machte. Zugeordnet werden viele ihrer Bücher dem Genre „autobiografical fiction“, entspringen zum einen den Erfahrungen der eigenen Biografie, zum anderen gründen sie in der Historie der Afroamerikaner*innen, beginnend mit der Barbarei der Versklavung, den Umwälzungen des 20. Jahrhunderts und deren Schatten bis in unsere Zeit. Angelou erzählt auch in ihren Gedichten zumeist Geschichten in einfacher, leicht verständlicher Sprache, die bildreich ist und in der Rhythmisierung gelegentlich an Slave- und Work-Songs erinnert.

Wenn ich so über mich selbst nachdenke,

Hau ich vor Lachen mir auf die Schenkel,

Mein Leben – ein Witz von Anfang an,

Ein Lied, gesprochen,

Ein Tanz, gegangen,

Ich lache so doll, ich ersticke noch dran,

Wenn ich so über mich selbst nachdenke.

Die Dichterin folgte einer Tradition, die auf den afroamerikanischen Schriftsteller Frederick Douglass zurückgeht, „the slave-narrative“, „speaking in the first-person singular talking about the first-person plural, always saying I meaning `we´“, wie Angelou in einem Interview erklärte. In der dritten und letzten Strophe des obigen Gedichts heißt es:

Meine Leute lassen mir die Schwarte krachen,

Ich bin fast umgekommen vor Lachen,

Was sie erzählen, klingt nach völligem Stuss,

Sie bauen die Frucht an,

Doch essen Schale statt Nuss,

Ich lache, bis ich heulen muss,

Wenn ich an meine Leute denke.

Womit schon viel auch über das vorliegende Werk gesagt ist. „Phänomenale Frauen“ enthält eine Auswahl aus dem Buch „The Complete Collected Poems by Maya Angelou“, das 1994 erschienen ist, und wurde zusammengestellt und übersetzt von Judith Zander. Es ist eine zweisprachige Ausgabe, was erlaubt, dem Ton der Dichterin nachzuspüren, der sich noch besser beim lauten Lesen erschließt, und diesen mit dem Ton der Übersetzerin zu vergleichen. Was dem Buch leider fehlt, ist ein Nachwort, in dem Zander die Kriterien ihrer Auswahl darlegt, ihren Zugang zu Angelous Texten sowie die eine oder andere Entscheidung beim Übersetzen. Auch die Entstehungszeit der einzelnen Gedichte Angelous wäre interessant gewesen.

Der Titel „Phänomenale Frauen“ irritiert zunächst, denn es gab einst das schmale Bändchen „Phenomenal Woman: Four Poems Celebrating Women“, das 1995 erschienen und nicht ident mit dem hier zu besprechenden Werk ist. Die vier Gedichte „Unglaubliche Frau“, „Dennoch erhebe ich mich“, „Unsere Großmütter“ und „Wochenend-Herrlichkeit“ wurden jedoch in die aktuelle Auswahl übernommen.

Es wird zum Problem, dass das Buch mit dem Titelgedicht beginnt, weil es meiner Meinung nach kein Beispiel von Einfühlung und sprachlicher Raffinesse ist, jener Raffinesse, die Zander in ihrer eigenen Lyrik zeigt, die ich schätze. Dies fängt schon beim Titel des Gedichts „phenomenal woman“ an, wenn das Wort „phenomenal“ nicht mit „phänomenal“ und damit mit dem Buchtitel oder einem äqivalenten Adjektiv übersetzt wird, sondern mit dem etwas läppischen „unglaublich“, das einen anderen, nämlich auch deutlich negativen Bedeutungszusammenhang öffnet. Es setzt sich fort mit der ersten Zeile.

Pretty women wonder where my secret lies

my secret – es ist ein lyrisches Ich, jenes einer schwarzen Frau, das „mein Geheimnis“ offenbart und erzählt, was am eigenen Körper und dessen Bewegungen phänomenal ist. Es spricht ein selbstbewusstes Ich, das zugleich ein selbstbewusstes Wir meint (siehe Zitat oben). Judith Zander jedoch wechselt die Perspektive und übersetzt:

Schöne Frauen fragen sich: Was mag ihr Geheimnis sein?

„ihr Geheimnis“!, ein Blick von außen, erst im zweiten Vers übernimmt die Übersetzerin die Position des lyrischen Ichs wie im Original. In der zweiten Strophe des vierstrophigen Gedichts gibt das lyrische Ich weitere Beispiele seiner Phänomenalität, etwa

The swing in my waist,

And the joy in my feet.

Es sind zwei einfache, eingängige Verse, die der gesprochenen Sprache folgen und einem Lied entnommen sein könnten, ein Text, der von der Freude in den eigenen Füßen spricht, und man kann sich sofort eine leichtfüßig hüpfende oder tanzende Frau vorstellen. Zander hingegen macht daraus

Der Schwung in meiner Taille

Und meiner Füße Ergötzen.

Meiner Füße Ergötzen? Das ist plump, befremdet und entspricht nicht Maya Angelous Art zu dichten. Die Übersetzerin greift öfter zu solchen Konstruktionen. So wird in der dritten Strophe dieses Gedichts der Vers „The sun of my smile“ zu „Meines Lächelns Sonnenglut“ und zwei Zeilen später „The grace of my style“ zu „Meines ganzen Stiles Anmut“. Sie versucht damit das Reimpaar smile – style nachzubilden, doch verliert sie die Leichtigkeit und Unmittelbarkeit des Originals, erzeugt konstruierte Behäbigkeit. Ein Verzicht auf den Reim wäre entsprechender gewesen.

Ein weiteres Beispiel sei angetupft: Die Formulierung „at the meeting of my (bzw. your) thighs“ kommt in zwei Gedichten vor. Sie wird einmal, dem Reim(zwang) geschuldet, mit „dort, wo meine Schenkel zusammenkommen“ übersetzt und wirkt unnötig sperrig, während sie im zweiten Gedicht mit „dort, wo deine Schenkel sich treffen“ deutlich weniger holprig übersetzt wird. Auch nicht dem Original entspricht, wenn im Gedicht „Die Sängerin wird nicht singen“ Angelous Widmung „For A.L.“ einfach weggelassen wird.

Maya Angelous lyrischer Ton ist nicht hoch, sondern einfach und direkt, gelegentlich derb und laut, manchmal verhalten, immer wieder von Humor gefärbt und stets im Boden der Realität verankert, während Judith Zanders Ton ein wenig zu oft hochgeschraubt wirkt, gelegentlich nach Lyrik früherer Jahrhunderte klingt und sich damit deutlich vom Original entfernt. So bleibe ich in Zanders Auswahl gern bei Maya Angelou, lese die Gedichte der linken Seiten über die Härten und Freuden des Lebens schwarzer Frauen in Amerika, folge den hymnischen Liedern über die Stärke und Unbeugsamkeit ihrer Ahninnen, den Höhen und Tiefen von Liebe, Sehnsucht, Einsamkeit und Enttäuschung, auch von unverhüllter Aggression ... und schaue lieber nur gelegentlich auf die rechten Seiten.

Maya Angelou
Phänomenale Frauen
Übersetzung:
Judith Zander
Suhrkamp
2020 · 95 Seiten · 14,00 Euro
ISBN:
978-3-518-47098-5

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