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Kritik

Gedichte aus China mit Blick in die Welt

Hamburg

Die Gedichte von Meier sind in der ganzen Welt verortet und für die ganze Welt geschrieben, möchten in ihr widerhallen und auf Resonanz stoßen, übersetzt werden, um gehört zu werden, schreibt Astrid Nischkauer in ihrem Nachwort zu dem Lyrikband Regenbogenfarben des kalten Wetters der chinesischen Lyrikerin Meier. Hinter diesem Pseudonym verbirgt sich die 1968 in Huai’an, Jiangsu geborene Gao Changmey. Die auf Chinesisch verfassten Texte sind in dem Zeitraum zwischen 1989 und 2016 entstanden und Astrid Nischkauer hat sie aus dem Englischen übersetzt. Meier übersetzten zu dürfen, schreibt Astrid Nischkauer weiter, sei eine körperliche Erfahrung gewesen, bei der sie als Übersetzerin weit über ihre eigenen Grenzen als Dichterin hinausgegangen sei. Und in der Tat merkt man vielen Gedichten bei aller Weitläufigkeit die Tiefe der chinesischen Tradition an, und es ist gut, dass Astrid Nischkauer selbst eine Lyrikerin ist und daher für diese Stimmungen und Aussagen die richtigen Worte findet.

Schon das erste Gedicht Suiyang Impressionen nimmt uns mit auf eine Reise in die von Wasser und 400 Millionen Jahre altem Sandstein geformten Höhle von Shuanghe. Es bildet mit der Darstellung der Natur (Bambusschaft, Wildblumen, Tautropfen) den Auftakt zu weiteren Gedichten, die Berge, Seen, ganze Landstriche durch Personalisierung als lebendige Wesen erscheinen lassen.

Ich stehe auf der Spitze eines Bambusschafts;
Stoße im Sturzflug zu dir nieder
In dieser Reihe nebelumwundener Berge umwunden
………………………………………………… von Nebel
Auf diesem Pfad durch blühende Wildblumen

Wo kann ich diese Falte aus meinem Gesicht streichen?
Ohne das reine Grün deiner Bluse zu beflecken?

Wie ein roter Faden ziehen sich Gedichte über Traumlandschaften und Sehnsuchtsorte durch den Band. Da ist der Himmel in Sich sehnen nach Qinghai Qinghaiblau und in Rückkehr zum Qingxihu See im Traume heißt es:

Solange dein Herz so rein wie ein Smaragd ist,
Hier im von der abgebrochenen Klippe
                        tropfenden Wasserfall und im grünlichen Moos,
Ist mir deine Liebe teuer und für Billionen von Jahren
                                   werde ich Ausschau nach dir halten.

Dabei beziehen sich die Texte manchmal aufeinander. Wieder ist von einer Landschaft mit mehreren Naturwundern die Rede und es ist gut, dass Astrid Nischkauer hier wie an anderer Stelle entsprechende Anmerkungen hinzugefügt hat. So wissen wir, dass es sich unter anderem um den geologischen Nationalpark der Zwillingsflusshöhlen, um die Qingxi Felsschlucht und um die unterirdische Felsspalte des Tong-Oil Flüsschen handelt.

Bei diesen Gedichten gibt es intertextuelle Bezüge, wenn Meier mehrmals das Bild eines Leoparden verwendet.

In Die Zwölf:

Überlasse mir einen unserer Risse
Das ist das Muster, das ich auf Leoparden ritze

und in dem aus mehreren Teilen bestehende Gedicht Zwölf Schauplätze im Hinterland werden die einzelnen Teile dieses Landschaftsareals ebenfalls mit dem Fell eines Leoparden verglichen.

Eure Hoheit, Ihr seid in zwölf Teile zerbrochen,
Damit jeder Eurer Leopardenflecken einzeln zu sehen ist

Meier schreibt einerseits sehr bildhaft, benutzt häufig zarte Naturbilder, andererseits auch in einen prosaischen Tonfall und mit ungleich langen, reimlosen Zeilen, in denen sie ganze Geschichten erzählt. So beispielsweise in dem berührenden Gedicht Schwerer Familienbrief. Da wird das Heimweh der lyrischen Sprecherin mit Fragen nach dem häuslichen Garten beschrieben, nach dem Pfefferbaum, nach dem Birnbaum, den sie bei ihrer Abreise pflanzte. Gleichzeitig wird deutlich, dass sie das elterliche Haus im Streit verlassen hat.

Mama,
Hast du unser Streiten vergessen?
Die Konfrontation zwischen Flussufer und dunkler Nacht
                                                           im dämmrigen Licht der Öllampe

Obwohl viele Gedichte in der chinesischen Umgebung verhaftet sind (vielleicht sind diese mir hauptsächlich im Gedächtnis geblieben), gibt es, wie Astrid Nischkauer im Nachwort schreibt, auch zahlreiche andere. Als Beispiel möchte ich das Gedicht Södergran anführen, das für die Gleichzeitigkeit des lyrischen Erlebens steht. Da sitzt jemand zuerst auf einem Balkon in Las Vegas, später am Flughafen von San Francisco und denkt an die aus dem vorletzten Jahrhundert stammende Dichterin Edith Södergran.

Meier schreibt über viele Themen, manche, wie das über den Tod ihres Kindes, sind sehr persönlich. Sie hat einen Blick für die Schönheit der Natur, aber ebenfalls für die Menschen, die sie mit Mitgefühl und Zuneigung beschreibt.

Meier
Regenbogenfarben des kalten Wetters
Übersetzung: Astrid Nischkauer
POP Verlag
2019 · 145 Seiten · 19,50 Euro
ISBN:
978-3-86356-197-0

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