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Kritik

Wer bin ich in Sprache?“

Hamburg

„Ich schreibe. Das ist alles, was ich tue“, stellt Mely Kiyak in ihrem neuen Buch fest. Es sind zwei Sätze, die einzeilig einen eigenen Absatz bilden und isoliert betrachtet vielleicht auch einen Hauch von Understatement atmen könnte, doch es ist eine schlichte Feststellung. Die 1976 in Deutschland geborene Tochter kurdischer Einwanderer aus Anatolien lässt uns in Erinnerungsschnipseln, Anekdoten und Überlegungen nachlesen und nachspüren, wie und warum sie, „ein schwaches, ständig die Unterernährung knapp überlebendes Mädchen“ zu der Frau wurde, nein, sich selbst zu der Frau machte, die sie heute ist, eine Journalistin, eine politische Kolumnistin und Autorin mehrerer Bücher.

Ich bin eine Frau. Ich bin es gerne. Da ist kein Hadern. Kein Bedauern. Kein Mangel. Aber auch kein Überfluss. Davon möchte ich erzählen.

Früh erkennt Mely Kiyak, dass sie kein übliches Frauenleben mit ___STEADY_PAYWALL___Ehe und Kindern „und“ schreiben will, keine andere Tätigkeit ausüben und daneben „auch“ noch schreiben wird. Sie nimmt sich die Freiheit der eigenen Wahl:

Ich wollte nicht von allem etwas, sondern von dieser einen Sache alles. Wenn mich jemand fragt, was machst du, wollte ich antworten: Ich schreibe. ...

Es war keine bewusste Entscheidung. Es ergab sich. Als mir bewusst wurde, dass es darauf hinauslief, entschied ich, entweder mache ich nur das, oder ich mache es gar nicht.

Es ist eine Mischung aus genauer Beobachtungsgabe, Reflexion und Intuition, die sie bei Entscheidungen leitet und hier eindrücklich für uns nachvollziehbar wird. Sie ist die Erste ihrer Familie, die auf die Universität geht, ein Kraftakt, beginnt Philosophie und Literaturgeschichte zu studieren. Doch statt die neue Freiheit genießen zu können, erlebt sie ihr Scheitern, hat plötzlich Konzentrationsschwierigkeiten, fühlt sich leer, ermüdet rasch und während ihr das Lesen von Büchern aus der Stadtbibliothek stets ein Vergnügen war, wird ihr die Seminarliteratur zur Qual.

Ich hatte das Gefühl, dass ich es nicht schaffen würde. Dass ich mich nicht schaffte. Für das Alte war ich zu klug und reflektiert, für das Neue zu ungeübt und, ja, auch zu blöd. Die alte Tür hatte ich geschlossen, die neue blieb mir verschlossen. Dazwischen steckte ich. Gefangen in Freiheit.

Sie wechselt das Studium, inskribiert Theaterwissenschaften, daneben verdient sie, die „aus dem materiellen Nichts“ kommt, nebenbei Geld als studentische Hilfskraft in verschiedenen Firmen und hat immer mehrere Arbeitsverhältnisse zugleich. Als sie schließlich ans Literaturinstitut Leipzig wechselt, fühlt sie sich vom ersten Augenblick an angekommen.

Ich lerne. Ich lerne von der ersten Minute an. Ich ... setze mich ins Seminar, höre zu und lerne. Verstehe alles auf Anhieb. Bin erreichbar und offen auf allen Kanälen. Später auf dem Heimweg gehen mir die Gespräche, Lektorate und Rezensionen durch den Kopf. Die Bandbreite der Erzählformen ermöglicht nicht nur eine geordnete Sicht auf die Literatur, sondern auch auf das eigene Schreiben. Wer bin ich in Sprache?

Mely Kiyak schreibt anfangs ihre Texte auf Türkisch, übersetzt diese ins Deutsche, überträgt sie dann mit Hilfe von Wörterbüchern im „Ping-Pong-Verfahren“ zurück ins Türkische und wieder vor ins Deutsche, erfreut sich an  den unterschiedlichen Ergebnissen und erweitert so ihren Sprachschatz. Die Studentin taucht wissbegierig in die ganze Bandbreite der Literatur ein, „alles ist wichtig.“ Sie erfährt sich einerseits als autonom, fühlt sich total frei als Autorin und als Mensch. Andererseits geht sie immer wieder durch zermürbende Phasen der Selbstzweifel, der Enttäuschung über ihre begrenzten Mittel und Methoden:

Das enttäuschende Gefühl. Ich kann nichts. Ich bin nichts. Kraft sammeln, aufrappeln, anfeuern. Ich mache das jetzt einfach. Ich schreibe.

Und sie erzählt, wie ihr Schreiben durch Widerfahrungen wie „aus Versehen“ zunehmend politisch wurde. Denn ihr Frausein ist nicht zu trennen vom Fremdsein. Kiyaks Geschichte steht exemplarisch für ähnliche Geschichten von Gastarbeiter*innen in Deutschland und ihren Kindern. Kiyaks Mutter arbeitet als Putzfrau, ihr Vater im Schichtdienst in einer Fabrik. Sie rackern sich ab für das eine Ziel, dass es ihre Kinder einmal besser haben sollen, vor allem die Mädchen, denn Jungs, so meint man, „kommen immer und überall durch“. Das Putzfrauendasein war stets „der Referenzpunkt für alles“, schreibt Kiyak, zugleich eine „Bürde“, denn der Auftrag lautete,

eine andere Frau zu werden. Eine sagenhafte Frau. Eine stolze Frau. Eine erfolgreiche Frau. ...

Es spielte keine Rolle, was für einen Beruf man anstrebte, ob Kosmetikerin, Ärztin, Bundeskanzlerin oder Betreiberin eines Solariums, das familiäre Wertesystem befand: Hauptsache, keine Fabrikarbeiterin oder Putzfrau.

Eine Schlüsselszene ist der Hinweis auf das Buch Ganz unten von Günter Wallraff, der sich als Türke Ali verkleidete und „ein stinknormales Ali-Leben“ in Deutschland nachlebte. Diese Beschreibung der normalen Verhältnisse der Gastarbeiter sei „fremderzählt“ gewesen von einem, der sich als „wir“ verkleidet hatte und, so Kiyak, noch „Jahrzehnte später gab es keine andere Erzählung, die diese Perspektive ergänzte“. Eine ähnliche Szene erlebt sie am Deutschen Literaturinstitut Leipzig, als nach dem 11.September 2001 in einem Seminar über den Terroranschlag debattiert wurde. „Sie sprachen über Menschen wie mich“, stellt die Autorin fest, aber niemand sprach mit ihr, niemand interessierte sich für ihre Perspektive.

Sie schauten mich beim Reden nicht einmal an. Ich war gar nicht da für sie. Ich war unsichtbar. Das bedeutet Peripherie.

Es ist ein langer Weg, bis Mely Kiyak wagt, unter „allergrößten Bedenken“ in ihren Texten „Ich“ zu schreiben und damit sich selbst zu meinen, ihr Selbst zu entblättern und sich zusammenzufassen in Geschichten. Es ist ihr Weg, den Fremderzählungen die eigene individuelle Erzählung entgegenzusetzen, die zugleich eine exemplarische Geschichte über das Aufwachsen eines Mädchens der zweiten Generation in Deutschland ist, die sich der Entfremdung innerhalb der Familien durch den Wechsel der Länder bewusst wird:

Das muss man sich mal vorstellen: Eltern und Kinder sprechen nie die gleiche Sprache, wir unterhalten uns alle mit gebrochenem Wortschatz. Sie wechseln auch noch die Schriften und Alphabete, die Währungen und Pässe, und alles nur, damit es besser wird.

Ihr gelingt ein so scharfsinnig kluger wie anrührend wahrhaftiger Text, der vom Leben mit und zwischen zwei Kulturen berichtet, von Würde, Ansprüchen und Irritationen erzählt, ihrer späten Bewusstwerdung des eigenen Körpers und vom Suchen und Finden eines selbstbestimmten Wegs ohne weibliche Vorbilder. Wechselnde Freundinnen und Lehrerinnen sind es, die ihren Weg hilfreich begleiten. Nicht zuletzt setzt die Autorin ihrem Vater ein Denkmal, der für sie Reibebaum und Gesprächspartner war und dessen liebevoller, nachsichtiger Unterstützung sie stets gewiss sein konnte.

Umrahmt wird das Buch von einer schweren Augenerkrankung der Autorin, deren Behandlung lange Zeit braucht. Schon als Kind hatte Kiyak Probleme mit den Augen, sieht nun alles verschwommen und ist auf das Erspüren angewiesen, eine Metapher für den Weg, den sie sich tastend und langsam ebnete, ohne eine klare Vorstellung ihres Ziels haben zu können.

Mely Kiyak
Frausein
Hanser Verlage
2020 · 128 Seiten · 18,00 Euro
ISBN:
978-3-446-26746-6

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