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Kritik

Braun / Thill

Hamburg

Ihre mittlerweile vierte gemeinsame Anthologie deutscher Lyrik in Zeitfenstern ist bei Wunderhorn erschienen. Die beiden Herausgeber Michael Braun und Hans Thill legen ein dickes Hardcover vor, bepackt mit bis zu drei Gedichten pro Seite und es könnte darum genauso gut "Aus Mangel an Platz" heißen. Wenn man daher etwas einsprechen darf: das Buch atmet nicht. Die Auswahl, groß und vielgestalt und den Herausgeberwillen deutlich spiegelnd, ist dennoch beachtlich. Viele Perlen, must-haves, Entdeckungen, Überflüssiges und Fehlendes dabei.

Aber vor allem, kein Platz. Wie ein eng gestapeltes Archiv reihen sich die Beiträge dicht an dicht und irgendwie parken diese großen Sprachkunstwerke wie in jeweils zweiter Reihe auf einer Chaussee "Zum 21. Jahrhundert". Dass sich jedes einzelne Gedicht Gedanken gemacht hat, wie viel Weißraum es zu seinem Schwarz braucht, dass es möglicherweise keinen Seitenumbruch mag, um sich zu entfalten, zu wirken und zu bleiben, missachtet das ansonsten ansprechend gesetzte Kompendium konsequent. Schade.

Vermutlich wird jedes Leseerlebnis andere Höhepunkte liefern, vor allem das Querlesen, definitiv ins Auge fallen einige heftige Brüche im hauptsächlich auf Wortverhaftungen beruhenden Packkonzept. Z.B. wüste Wilhelm Bartsch Flat oder visuelle Sprachräume [die Beiträge Simone Kornappels, Christian Schloyers oder Mara Genschels] schieben sich rein, dann wiederum unabhängige Parts wie die Doppelseite Rainer René Muellers – eine der wenigen in sich geschlossenen, atmenden Passagen. Das ist absolut gewollt, wie Braun in seiner Nachbemerkung schreibt, sich gegenseitig zu konfrontieren, nicht gegeneinander auszuspielen, sondern ausgewählt abzubilden. Folgerichtig heißt die Anthologie nicht "die", sondern "Deutsche Lyrik 2008-2018". Hierzu scheint für Braun und Thill eindeutig der Underground nicht zu zählen. Allerdings zählt vielleicht für diesen wiederum auch nicht, hier hineingehören zu wollen. Sodass sich im Endeffekt ein Panorama abbildet, dass viele Weggefährten und Generationen mitnimmt, die sicherlich auch in den vier vorhergegangen Anthologien der beiden dabei waren, mit Gedichten aus ebenjenem Zeitraum ab 2008.

In insgesamt elf Reisen/ Kapiteln werden Gedichte aneinander gereiht, die über minimale Verwandtschaft oft auch nur ein Bild oder eine Wortwiederholung anschließen. Vermutlich auch durch ihren Umkreis "Edenkobener Gelehrtenrepublik", wie Hans Thill sie apostrophiert, hineinzugehören scheinen. Was sich etwas wie eine routinierte, leicht wagnisarme Anthologieübung anhören mag bis hierhin, wird jedoch durch eine Ansammlung Originalessays gegen Ende stark aufgewertet. Insgesamt fünf AutorInnen, sowie die erwähnten Nachworte Thills und Brauns, werfen einen frischen Blick auf aktuelle Poetiken und auch Politiken, bzw. deren gegenseitige Dringlichkeit zur Außensicht. Mit diesem Schritt verortet sich die Anthologie auch jenseits des Herausgebertandems: Brigitte Oleschinski, Franz-Josef Czernin, Yevgeniy Breyger, Dagmara Kraus und Uljana Wolf schreiben auf zum Teil vorzüglich schwingende Weise ein Stück Literatur/ Poetikzeitgeschichte, das das Versprechen des Titels einlöst. Strömung und Antrieb, auch in Rekurs auf DichtungskollegInnen, legen sich offen und laden zu inspiriertem Weiterdenken.

"immer n bißchen extrem/ son Poem", wie es Queneau auf dem Buchrücken gesagt haben soll, mag vielleicht für einzelne Gedichtbeiträge gelten, nicht aber für die übergeordnete Stimmung in der Anthologie: die ist nur son bißchen extrem. Mit mehr Raum je Gedichtbeitrag, was auch Entschlackung heißt, könnte sie vom Archiv zur Ausstellung gelangen.

Michael Braun (Hg.) · Hans Thill (Hg.)
Aus Mangel an Beweisen
Wunderhorn
2018 · 320 Seiten · 26,80 Euro
ISBN:
978-3-88423-601-7

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